Auflösung & Nachvollzug

Der umschlingende »papierweiße Arm« (cf. 8. Kapitel des MoE) meint bei Musil nicht nur die »k.u.k.«- wie »k.k.«- und »magy. kir.«-Administrationen und deren Kanzleibögen, sondern auch das Zeitungspapier, auf dem das Kriegspressequartier und seine Organisationsgrade wie Subsysteme sich umfassend mitteilten. Musil kannte dieses KPQ aus erster Hand, war ab März 1918 offiziell dienstzugeteilt für das System tätig gewesen. Der Schriftsteller (und 1914 als Kriegsgegner inhaftierte) Karl Otten berichtet, [*] dass Musil Ende 1918 auf die Frage, was er denn noch im Kriegsministerium mache (er saß damals als liquidierender Beamter im Kriegsarchiv, war davor und bis zur offiziellen Auflösung des KPQ am 15. Dezember 1918), lapidar antwortete: »Ich löse auf.« 

Manchmal, sagte Musil – es war gegen Ende des Jahres 1918 – er gehe jetzt ins Kriegsministerium. Als ich ihn fragte, was er denn da noch mache, da doch der Krieg mitsamt der Monarchie vorbei sei, erwiderte er gelassen-zynisch: »Ich löse auf.« Ich begleitete ihn mehrfach dorthin und saß ihm gegenüber in einem hallenartigen, getäfelten Raum an einem langen Schreibtisch, hinter dem die gedrungene, massive Gestalt des ehemaligen Hauptmanns fast zwergenhaft wirkte. Er behielt diesen Posten selbstverständlich nur aus finanziellen Gründen. Die »Auflösung« vollzog er in seiner Geschichte Kakaniens weit gründlicher, als er es je in den Akten des Kriegsministeriums hätte tun können. Wobei allerdings nicht übersehen werden darf, daß ihm aus diesen Akten eine genaue Einsicht in die Hintergründe des Krieges, der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verflechtung und Verfilzung aller Beziehungen in diesem Reiche, das nun hinter ihm lag und zugleich das Objekt seiner stetigen, sorgenden Analyse blieb, zuströmte. [*]

Die dabei erfolgende, durchaus gründliche Durchsicht der Akten und damit Kenntnis von Hintergründen sonder Zahl unterlegt Musils Bekundung als doppeldeutig. Einerseits war die Abwicklung auch dieses Hauses und damit der KPQ-Akten zu betreiben; andererseits aber wird Musil vermittels der administrativen Einsichtnahmen Rätsel gelöst haben und die Bürokratie vor dem und zum Krieg hin, die Netze der Abhängigkeiten und der Verwaltungsusancen in sehr präziser Weise in seinen Mann ohne Eigenschaften aufnehmen.

Der historische Hintergrund für dieses Auflösen/Liquidieren ist das sog. Liquidationswesen: Es wurden 1918 die zentralen Ministerien in liquidierende umgewandelt, die besonders die Personalagenden, Evidenzhaltung, Amtsinventar etc. zu betreuen hatten. Musil war als liqudierender (d.h. auflösender) Beamter des Kriegsarchives im Kriegsministerium tätig. Auflösen ist sowohl ein Verwaltungsterminus als auch die Antwort auf eine Fragestellung oder die Auflösung eines Knotens, eines unentwirrbar erscheinenden Knäuels. Musils Dienststelle war mit Gründung der Republik dem Staatssekretariat für Heereswesen untergeordnet, die 1920 in ein Militärliquidierungsamt umgewandelt wurde. Aufgrund der Notwendigkeit der Evidenzhaltung über Heimkehrer und Vermissten (die Tätigkeit des Gemeinsamen Zentralnachweisbüros wurde der Militärliquidatur übergeben) war diese Dienststelle relativ lange (bis 1931) aktiv. Da es in Österreich-Ungarn neben der Zivilmatrik auch eine Militärmatrik gab, die im Kriegsarchiv geführt wurde, gab es bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg Beurkundungsaufgaben, die auf Aktengrundlage des seinerzeitigen liquidierenden Kriegsarchivs durchgeführt wurden.


* Otten, Karl: Eindrücke von Robert Musil. In: Robert Musil. Leben, Werk, Wirkung. Hg. v. Karl Dinklage. Zürich, Wien: Amalthea 1960, S. 357–363, hier S. 361.