Filet № 69

Moby-Dick, Filet № 69 – zwei erste Absätze aus einem Aufsatz über Oberflächen, Wahrschau und Geister. Es empfiehlt sich vielleicht, das kurze Kapitel einer (nochmaligen) Wahrschau zu unterziehen.

Ein enthaupteter, gehäuteter Wal wird von den Ketten gelassen, treibt langsam vom Walfängerschiff weg auf die Unendlichkeit eines Horizonts zu. »The Funeral« wird zur »Funeral Party« der Aasfresser; zugleich wird die Schändung des Körpers durch Verwertung einen rächenden Geist hervorrufen. Dabei erscheint der Wal, seiner Speckschicht und des Kopfes beraubt, Nicht-Walfängern aus der Entfernung nicht als totes Säugetier, sondern als weiße Landmasse, an der sich Wellen brechen. [1] Diese Wahrnehmung [2] wird in Logbüchern eingezeichnet: als Warnung, dass es hier zu meidende Untiefen, Felsen und Brandungen gäbe. Mitten am Meer. [3]

MD 69 handelt von Signalen und deren Interpretation, von ausgelöschten Signalen, scheinbaren Palimpsesten und Neucodierungen, von Geistern und Wahrnehmungen durch (noch) Lebende. Ein ängstliches Kriegsschiff oder ein auf Entdeckungsfahrt irrender Segler missverstehen [4] das Zeichen für den ›Abschluss der Verwertung‹ als Appell bzw. Signal einer von der Natur angezeigten Gefahr. Dies geschieht zwangsläufig: Wenn in Kapitel 68 – »The Blanket« – die Verletzungen und Lebenslinien des Wals an seiner Haut mit Hieroglyphen verglichen werden, [5] so stellt der Vorgang der Abtrennung des Kopfes [6] wie des Abziehens seiner Haut (und der Haut der Haut [7]) eine Löschung von Informationen dar. Der vom Walfänger abtreibende Rumpf ist Ergebnis einer doppelten bis dreifachen Löschung. Seine Ladung – die relevante Speckschicht – wurde gelöscht, sein Trägermedium und mit diesem die Zeichen wurden abgezogen, verkocht oder verbrannt. Die Daten und Informationen werden aber – und damit endet die verführerische Analogie mit Speichermedien – nicht überschrieben, es kommt nichts hinzu; es wird vielmehr abgetragen, weggeschnitten und abgekratzt. Der zum Begräbnis freigegebene Wal ist somit auch kein »Wunderblock« und ebenso wenig lässt sich von »Palimpsesten« sprechen.

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[1] Wobei man an die Episode der ersten Reise Sindbads in »Tausendundeine Nacht« erinnert wird, in der die Kaufleute auf eine vermeintliche Insel gelangen, die sich als großer Fisch erweist – Sindbad überlebt dessen Untertauchen einem Brett, so wie Ishmael sich mit einem Sarg aus dem Untergang in den Epilog retten kann. (Cf. auch Ernst Bloch: Der Rücken der Dinge. In: Ders.: Spuren. Frankfurt a.M. 1969, S. 172-175 – hier wird der Fisch zu einem riesigen, jahrhundertlange an der Meeresoberfläche geschlafen habenden Kraken; die Kaufleute sind Schiffbrüchige.)

[2] Jendis fügt in seiner Übersetzung »Wahrschau« ein, ohne diesbezügliche Entsprechung bei Melville.

[3] Weshalb es diese inmitten des Meeres geben sollte, ist ebenso wenig zu klären wie die Frage, woher die raubgierigen Vögel kommen – und insofern könnte man diese Stelle als einen küstennahen Witz Melvilles einstufen. Zweite Pointe: bei Beachtung dieser Navigationshilfen auch durch Walfänger wäre der Meeresfriedhof zunehmend unberührt, wie auch die Wale hier künftig ungestört lebten.

[4] Was für die einen das Ergebnis der Anwendung einer Technik ist, stellt sich für die anderen als Ergebnis eines tektonischen Vorgangs dar. Diese anderen werden obendrein als Contradictio in adiecto dargestellt: ängstliche Kriegsschiffer und irrende Entdeckungsreisende zur See. Mit diesem ironischen Schlenkerer aus der Sicht des einstigen Walfängers Melville werden derartige Signalempfänger, die in Ermangelung einschlägiger Erfahrung und daraus ableitbaren kognitiven Wissens die abgezogenen Walleiber falsch verstehen müssen, als unzuverlässige Interpreten der See und ihrer Erscheinungen ausgewiesen. Was diese von der Oberfläche halten und welchen Sinn diese für sie ergibt, wäre somit unterhaltsam.

[5] Bernhard Siegert hat darauf aufmerksam gemacht – »Die äußere Epidermis des Wals wird zum Medium« –, dass Melville hier eine Reihe von Überlieferungsträgern und Zeichenformen der Haut zu- und einschreibt: Hieroglyphen, Kupferstiche, Brillen, Bücher, Malerei, Blattgold, Tätowierungen: »Der Wal ist swohl das Schwarz als auch das Weiß des Schwarz-auf-Weiß des Textes.« (Bernhard Siegert: Kapitel 68: The Blanket. Der Wal als Medium des Wals. In: Neue Rundschau 02/2014, p.185-193, passim)

[6] Gleich zu Beginn von MD 70 heißt es: »It should not have been omitted that previous to completely stripping the body of the leviathan, he was beheaded.« (Kapitel 70) – und der Vierte Absatz nimmt dies nochmals auf: »The Pequod’s whale being decapitated and the body stripped« (ibidem).

[7] Cf. ebenfalls Kap. 68 / Und die Haut des Säugetiers Mensch [!] ist wiederum nach einem stoizistisch motivierten Gedanken Paul Valérys – »Ce qu’il y a de plus profond dans l’homme, c’est la peau« –, den seinerseits Gilles Deleuze aufgreifen wird (Gilles Deleuze: Die Logik des Sinns. Übers. v. Bernhard Dieckmann. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1993, p.26), das eigentlich Tiefste. Das Versteckteste würde somit gerade bei derartigen Grenzphänomenen das Offensichtlichste und die Vereinfachung binärer Denkmodelle würde hier deutlich. »Et il y a encore des choses […] qui semblent puissantes, indistinctes […] – Tout à fait d’accord. Des choses qui ne ressemblent à rien […] J’entrevois ici la vie viscères […] – Halte. Défense d’entrer. Danger de mort […] Restons à la surface […] A propos de surface, est-il exact que vous ayez dit ou écrit ceci: Ce qu’il y a de plus profond dans l’homme, c’est la peau? – C’est vrai. – Qu’entendiez-vous par là? – C’est simplicissime […]« (Paul Valéry: L’idée fixe ou deux hommes à la mer. [1932] In: Ders.: Œuvres. Bd. 2. Hg. v. Jean Hytier. Paris 1960, p.195-275, hier p.215)