Filet № 70

Moby-Dick, Filet № 70 – Die enthauptete Sphinx, das listig-abgefeimte Duplikat und hier nun einige als provisorisch zu betrachtende erste Absätze dazu; im weiteren Verlauf wird die Frage der apokryphen Skalpjägerin Judith aufzugreifen sein, ob es der Sphinge oder die Sphinx ist, welche Bedeutung Enthauptungen an sich um 1850 haben mag. Doch zunächst wird dem gefangenen Wal der Kopf abgetrennt, mit dem sog. »Spaten«. Wobei hier schon der erste kleine Haken angebracht wurde: all die Kapitel davor, wenn dem Wal der Speck heruntergeschnitten und der Leviathan gehäutet wird wie ein Bartholomäus der Meere, hätte der Kopf aus logistischen Gründen bereits abgetrennt sein müssen. Nun … dann eben jetzt.

Der Schluss von Kapitel 70 bringt nicht allein die Aussicht auf die Begegnung der »Pequod« mit der »Jeroboam« mit sich, sondern auch die Einsicht, dass eine enge Verbindung von Natur und Mensch bis in die Mikroebene hinein sich erweise: 

»Would now St. Paul would come along that way, and to my Breezelessness bring his breeze! O Nature, and O soul of man! how far beyond all utterance are your linked analogies! not the smallest atom stirs or lives in matter, but has its cunning duplicate in mind.« [1]

Robert Brown hatte 1827 unregelmäßige und ruckartige Wärmebewegungen kleiner, aber mikroskopisch sichtbarer Teilchen in Flüssigkeiten und Gasen entdeckt. Albert Einstein wird das 1905 damit erklären, dass die »Brownsche Bewegung« durch Stöße von Atomen und Molekülen hervorgerufen würde. Weder Brown noch Melville und schließlich auch noch nicht Einstein standen für die Identifizierung, Beobachtung und Indexierung von Atomen entsprechende Geräte (Feldionen-, Rastertunnel- oder Elektronenmikroskope) zur Verfügung. Melville geht vermutbar von Überlegungen seit Demokrit und der Lehre vom unteilbaren Teil (ἄτομος / átomos) aus. Er macht jedoch einen sozusagen platonischen Quantensprung, wenn er jedem der Atome (in/on) der Materie ein ›gerissenes Duplikat‹ zuweist, eine notwendige Analogie im Geiste, wenn jeder Gegenstand im Konkreten seine Idee habe. Es deutet sich hier auch ein Schreibverfahren Melvilles an, einen Text, ein Motiv oder ein Bild auf spezifische Weise der eigenen Textmaterie einzugliedern. [2] Das Kapitel 70 bietet mehrere derartiger Operationen, Verschleifungen und Verdichtungen. Jedes Zitat und jedes Element, jedes Atom der Textmaterie erweist sich als ›gerissenes Duplikat‹; es geht um Analogie, Entsprechung und Verkettung. 

Kapitel 70, »The Sphynx«, beginnt mit einem Rückgriff auf № 69 (»The Funeral«) wenn der abgeflenste Walkadaver, vom Schiff losgemacht, davontreibt, das Weiß des enthäuteten Körpers zu einer Vielzahl an Fehlinterpretationen respektive Neueinschreibungen (bis in die Logbücher) einlädt und die Geister beschworen werden: 

»Ich hätte noch erwähnen sollen, daß man den Leviathan enthauptet, bevor man ihm die Haut abzieht. Nun ist das Enthaupten des Pottwals ein anatomisches Kunststück, auf das erfahrene Walchirurgen gehörig stolz sind, und das nicht zu Unrecht. […] Denkt auch daran, daß der Chirurg von oben operieren muß und daß acht bis zehn Fuß zwischen ihm und seinem Objekt liegen[.]« 

Tatsächlich wird im Kapitel 69 erwähnt, dass der verwertete und dann abtreibende Wal enthauptet und abgeflenst ist; doch Melville ist die Reihenfolge eine noch deutlichere Einlassung wert: »Ist der Kopf erst abgetrennt, läßt man ihn achteraus treiben und sichert ihn mit einer Trosse, bis man die Haut vom Körper gezogen hat.« Hier wird eine logistische Notwendigkeit notiert: Wird der Wal vor dem Abflensen nicht enthauptet, ergeben sich je nach Größe der Beute erhebliche Probleme bis hin zur Verunmöglichung des Vorgangs, da die Achsenrotation nicht funktionierte (vgl. Kap. 67; dazu komme ich ein andermal) und der vollständige, hochgezogene Leib auch oft zu groß wäre, als dass das Schiff nicht kenterte. 

Ahab will vom in Kapitel 70 abgetrennten und aufgezogenen Walkopf Auskunft – »Sprich, du riesiges und ehrenwertes Haupt […] und sage uns, welch ein Geheimnis du verbirgst.« – und sagt dem Wal auf den Kopf zu, was dieser im Leben gesehen habe. Der Monolog handelt von Leviathans Augenzeugenschaft des menschlichen Todes. Und dem durchaus stummem Wal muss schlussendlich zuerkannt werden: »not one syllable is thine«. 

Dass jemand mit einem abgeschlagenen Kopf von vergangenen Zeiten spricht, kommt nicht sehr häufig vor (wenig überraschend spricht auch der Walschädel nicht) und seit Hamlet ist immer ein wenig Shakespeare dabei. Der erste der sich umfassend auf den Zusammenhang von Melvilles Prosa mit Shakespeares Stücken einließ, Charles Olson, [3] sieht zwar keine unmittelbare Bezugnahme, jedoch einen Zusammenhang: »There is a significant use of the special Elizabethan soliloquy to the skull in Ahab’s mutterings to the Sperm whale’s head in the sphinx […].« [4]

Im Herausgeberkommentar der Northwestern-Newberry-Edition finden sich Vermerke zu »Melville’s Notes (1849–51) in a Shakespeare Volume«, konkret geht es um die siebenbändige Ausgabe der Werke Shakespeares, die Melville besessen und durchgearbeitet haben dürfte. [5] Von den zwei durch Melville mit Notizen beschrifteten Vakatseiten am Schluss des letzten Bandes (beinhaltend King LearOthello und Hamlet) finden sich verso jene für die Abfassung des Moby-Dick als durchaus wesentlich einzustufenden: 

»Ego non baptizo te in nominee Patris et [/] Filii et Spiritus Sancti – sed in nomine [/] Diaboli… Madness ist undefinable – [/] It and right reasons extremes of one. [/] Not the [black art] Goetic [/] but Theurgic magic – [/] seeks converse with the Intelligence, Power, the [/] Angel.« [6]

– es gibt jedoch auch hier keine Vermerke dazu, dass die Lektüre des Hamlet klar ersichtliche Reaktionen nach sich gezogen hätte. Auch ist festzustellen, dass in Melvilles Ausgabe es zahlreiche Unterstreichungen und Markierungen gibt – jedoch gerade beim Yorick-Monolog nicht. [7]

Insofern bleibt es vielleicht allzu naheliegende Spekulation (auch, weil in der Literatur neben den beiden angeführten Beispielen nur selten abgeschlagene Köpfe adressiert werden [8]), die Rede Ahabs an den abgeschlagenen Walkopf als Bezugnahme auf Hamlets Rede an Yoricks Schädel zu lesen. Der Umstand, dass sowohl im Kapitel 70 des Moby-Dick als auch in der 1. Szene des 5. Aufzugs des Hamlet jeweils scharf geschliffene Spaten (»spade«) von wenngleich unterschiedlicher Schaftlänge zum Einsatz gelangen, sowohl dem Grabaushub als auch dem »Cutting-in« dienlich, mag als Krücke dienen.

(Und auch wenn ein allzu intensiver Ausblick über die Kapitel hinweg nicht übertrieben werden sollte: es gibt enorm viele abgeschnittene Walköpfe im Moby-Dick, wie insgesamt der Walschädel auf vielfältige Art thematisiert wird. Hier lässt sich eine Anthropomorphisierungsstrategie Melvilles begründen. Und, nicht zu überlesen: Der Harpunier Queequeg stellt gleich zu Beginn des Romans ostentativ einige Schrumpfköpfe aus, die er verkaufen will. [9]) 

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[1] (entsprechend der Northwestern Newberry Edition, S. 312, die auch vermerkt – S. 789 –, dass es sich um eine emedierte und der Handschrift Melvilles geschuldete Fassung handeln dürfte, eigentlich “on matters” zu Manuskript-Buche stand.) Matthias Jendis übersetzt (S. 495) die Stelle mit »Daß doch der heilige Paulus des Weges käme und meiner Kalme seine Windsbraut brächte! O du Natur und o du Menschenseele! Wie unaussprechlich tief sind die Entsprechungen bei euch verkettet! Es lebt und webt ja kein Atom in der Materie, und sei es noch so klein, das nicht sein abgefeimtes Duplikat im Geist besitzt.« Friedhelm Rathjen übersetzt (S. 465f.): »Wollt nun, St. Paulus wollt jenes Wegs kommen und meiner Brisenlosigkeit seine Brise zutragen! O Natur und O Menschenseele! wie weit jenseits alles Sagbaren liegen eure Entsprechungen doch verknüpft! nicht das kleinste Atom regt sich oder lebt in Materie, es habe denn sein listigs Duplikat im Geiste.«

[2] Dies gilt wohl für Shakespeare, Milton, die Bibel, Hobbes, mythologische Versatzstücke, Walfangliteratur …

[3] Charles Olson: Call me Ishmael. Newy York, London: Groove Press, Evergreen Books 1947.

[4] Ebd., S. 68.

[5] William Shakespeare: The Dramatic Works of William Shakespeare. Vol. VII. Boston: Hilliard, Gray 1837.

[6] Herman Melville: Moby-Dick or The Whale. The Writings of Herman Melville Bd. VI. Hg. v. Harrison Hayford, Hershel Parker, G. Thomas Tanselle. Evanston, Chicago: Northwestern University Press and The Newberry Library 1988, S. 955–970, hier S. 970.

[7] Recherche via Melville’s Marginalia.

[8] Ein im vorliegenden Zusammenhang nicht relevantes Beispiel von wenigen: August Klingemanns »Nachtwachen [des Bonaventura]«, 3. Aufzug: »Über den Kopf zerbrach man sich am meisten die Köpfe, war es doch kein gewöhnlicher, sondern ein wahrhaftes Teufelshaupt.«

[9] Gleich zu Beginn also ostentativ ausgestellte Schädel. (Ostentationskultur ist Zurschaustellungs-, Zeigekultur; ostensibel = bewusst zur Schau gestellt, provozierend deutlich.)