Fliegenpapier

i.a.R.: Aeroplane, Automobilrennen, Eifersucht, Erkanntwerden, Erschöpfung, Europa, Fliegen, Fliegenpapiere, Geschäfte, Gewalt, Grammophon, Laokoon, Liebe, Pferde, Rom, Schläfer, Schlager, Schmerz, Sterben, Tabiker, Tanglefood, Tanz, Tod, Totschlag, Traurigkeit, Tuberkulose, Typhus, Varieté, Verströmen, Vulva, Weltkrieg, Witz, Wollust, Würgeengel, Feind, Es, Nichts.

Der »Mann ohne Eigenschaften« ist leider nicht im geringsten abgeschlossen. […] Die Weltgeschichte ist zum größten Teil eine Liebesgeschichte. […] Natürlich bin ich sehr bedrückt von diesen Verzögerungen. […] Statt dessen werden Sie wieder einmal das »Fliegenpapier« bekommen, das Sie mit Recht so hassen[.]

Robert Musil an Franz Blei, 29.10.1935

Da geht es bereits um den Nachlass zu Lebzeiten, den Musil 1936 nach einer Vorbemerkung mit eben diesem Bild eröffnen wird. Es dürfte sich um seine zu Lebzeiten am häufigsten publizierte Kurzprosa (sehr zu empfehlen ist: Drügh, Heinz J.: Im Textlabor. Der deskriptive Dialog mit dem Bildmedium in Robert Musils Fliegenpapier. In: Musil-Forum 27 (2001/02), S. 167–188) handeln, deren Spur in der Folge vom November 1913 her aufgenommen werden soll. Damals befindet sich Musil in Rom und notiert in seinem Heft 7: »S. Spirito: Eigentümlicher Eindruck, vierzig=fünfzig Typhuskranke in einem Raum zu sehn. […] Stärkster Eindruck: Tuberkulöse in den letzten Lebensnächten.« Kurz danach lautete der Eintrag

Musil, Notiz v. November 1913; Heft 7, S. 24, 25

Das Fliegenpapier Tanglefoot: Eine Fliege hat sich an den Rand geschleppt, mit zwei Beinen und dem Kopf ist sie in der Freiheit, aber mit dem Hinterleib und den anderen Beinen hängt sie fest, soweit sie sich auch vorstreckt. Eine andere sitzt aufrecht, die Vorderbeine von sich gespreizt, ganz ähnlich der Geberde des Händeringens. Sie alle stehn erst forciert aufrecht, auf den sechs Beinchen, die mit dem letzten Glied umgebogen festkleben. Sie stehn \deshalb/ ein bischen Obeinig. Wie man auf einem scharfen Grat stünde. Sie sammeln Kraft. Dann beginnen sie, was sie können, zu schwirren, bis sie erschöpft einhalten müssen. Atempause; neuer Versuch. Wie ein kleiner Hammer tastet ihre Zunge heraus. Ihr Kopf braun u. haarig wie aus einer Kokosnuß gemacht; so wie menschenähnliche Negeridole. Dann läßt für einen Augenblick die Energie nach und schon kleben sie an einer neuen Stelle fest, mit dem Flügel oder dem Leib. Und werden allmählig so hineingezogen. Oder sie fallen plötzlich um, nach vorne aufs Gesicht, über die Beine weg – oder seitlich alle Beine von sich gestreckt. Oft alle Beine seitlich rückwärts gestreckt. So liegen sie da. Wie gestürzte Aeroplane, die mit einem Flügel senkrecht in die Luft ragen. Oder wie krepierte Pferde. Oder mit unendlich tragischen, menschenähnlichen Geberden. Von Zeit zu Zeit \(noch am nächsten Tag)/ fingert eine mit deinem Bein; schwirrt mit dem Flügel. An der Seite des Leibs, in der Gegend des vordersten Beinansatzes haben sie irgend ein ganz kleines flimmerndes Organ, es geht auf und zu, man kann es nicht wahrnehmen, es sind sieht wie ein winziges Auge aus, das sich unaufhörlich öffnet und schließt. Eine ist schwanger. Einer hat hier die Auserwählte gesehn, flog auf sie und klebt nun über sie gestürzt fest.

Musil, Notiz v. November 1913; Heft 7, S. 25

Auf der zunächst für Ergänzungen freigelassenen und so auch genützten Seite 24 (s. Faksimile oben; dort ist in Ergänzung zu S. 25 auch ein »Nachtrag vom Lido« zu lesen, der Beobachtungen zu primären Geschlechtsmerkmalen eines zwölfjährigen Mädchens betrifft) fügt er hinzu:

Sie stemmen sich hoch auf allen sechsen. Oder die Hinterbeine gestreckt, auf den Ellbogen gestemmt suchen sie sich zu heben. Eine liegt mit dem Kopf und die Arme hinausgestreckt draußen. Eine ganz starke vermag die Beine der Reihe nach zu heben. Sie geht. Aber sie kommt nicht mit allen zugleich ab. Manche wie friedliche Schläfer. Sie sinken zum Schluß fast immer mit dem Kopf voraus um.

Musil, Notiz v. November 1913; Heft 7, S. 24

Pardon, um den Zusammenhang ging es 2014. Wir schreiben hier noch Jänner 1914, das Fliegenpapier wird zum ersten Mal ans Licht der Öffentlichkeit gedruckt:

Römischer Sommer (Aus einem Tagebuch)
Das Fliegenpapier Tangle-foot ist nahezu sechsunddreißig Zentimeter lang und einundzwanzig Zentimeter breit; es ist mit einem gelben vergifteten Leim bestrichen und kommt aus Kanada. Wenn sich eine Fliege darauf niederläßt – nicht besonders gierig, mehr aus Konvention, weil schon so viele andere da sind – klebt sie zuerst nur mit den äußersten, umgebogenen Gliedern aller ihrer Beinchen fest. Eine ganz leise, befremdliche Empfindung, wie wenn wir im Dunkel gingen und mit nackten Sohlen auf etwas träten, das noch nichts ist als ein weicher, warmer, unübersichtlicher Widerstand und schon etwas, in das allmählich das grauenhaft Menschliche hineinflutet, das Erkanntwerden als eine Hand, die da irgendwie liegt und uns mit fünf immer deutlicher werdenden Fingern festhält.
Dann stehen sie alle forciert aufrecht, wie Tabiker, die es sich nicht merken lassen wollen, oder wie klapprige alte Militärs (und ein wenig o-beinig, wie wenn man auf einem scharfen Grat steht). Sie geben sich Haltung und sammeln Kraft und Überlegung. Nach wenigen Sekunden sind sie entschlossen und beginnen, was sie vermögen, zu schwirren um sich abzuheben. Sie führen diese wütende Handlung so lange durch, bis die Erschöpfung sie zum Einhalten zwingt. Es folgt eine Atempause und ein neuer Versuch. Aber die Intervalle werden immer länger. Sie stehn da und ich fühle, wie ratlos sie sind. Von unten steigen verwirrende Dünste auf. Wie ein kleiner Hammer tastet ihre Zunge heraus. Ihr Kopf ist braun und haarig, wie aus einer Kokosnuß gemacht; wie menschenähnliche Negeridole. Sie biegen sich vor und zurück auf ihren festgeschlungenen Beinchen, beugen sich in den Knien ein und stemmen sich empor, wie Menschen es machen, die auf alle Weise versuchen, eine zu schwere Last zu bewegen; tragischer als Arbeiter, wahrer im sportlichen Ausdruck der äußersten Anstrengung als Laokoon. Und dann kommt der immer gleich seltsame Augenblick, wo das Bedürfnis einer gegenwärtigen Sekunde über alle mächtigen Dauergefühle des Daseins siegt. Es ist der Augenblick, wo ein Kletterer wegen des Schmerzes in den Fingern freiwillig den Griff der Hand öffnet, wo ein Verirrter im Schnee sich hinlegt wie ein Kind, wo ein Verfolgter mit brennenden Flanken stehn bleibt. Sie halten sich nicht mehr mit aller Kraft ab von unten, sie sinken ein wenig ein und sind in diesem Augenblick ganz menschlich. Sie werden sofort an einer neuen Stelle gefaßt, höher oben am Bein oder hinten am Leib oder am Ende eines Flügels.
Wenn sie die seelische Erschöpfung überwunden haben und nach einer kleinen Weile den Kampf um ihr Leben wieder aufnehmen, sind sie bereits in einer ungünstigen Lage fixiert und ihre Bewegungen werden unnatürlich. Dann liegen sie mit gestreckten Hinterbeinen auf den Ellbogen gestemmt und suchen sich zu heben. Oder sie sitzen auf der Erde, aufgebäumt, mit ausgestreckten Armen, wie Frauen, die vergeblich ihre Hände aus den Fäusten eines Mannes winden wollen. Oder sie liegen auf dem Bauch, mit Kopf und Armen voraus, wie im Lauf gefallen und halten nur das Gesicht hoch. Immer aber ist der Feind bloß passiv und gewinnt bloß von ihren verzweifelten, verwirrten Augenblicken. Ein Nichts, ein Es zieht sie hinein. So langsam, daß man dem kaum zu folgen vermag, und meist mit einer jähen Beschleunigung am Ende, wenn der letzte innere Zusammenbruch über sie kommt. Sie lassen sich dann plötzlich fallen, nach vorne aufs Gesicht, über die Beine weg; oder seitlich, alle Beine von sich gestreckt; oft auch auf die Seite, mit den Beinen rückwärts rudernd. So liegen sie da. Wie gestürzte Aeroplane, die mit einem Flügel senkrecht in die Luft ragen. Oder wie krepierte Pferde. Oder mit unendlichen Gebärden der Verzweiflung. Oder wie Schläfer.
Noch am nächsten Tag wacht manchmal eine auf, tastet eine Weile mit einem Bein oder schwirrt mit dem Flügel. Manchmal geht solch eine Bewegung über das ganze Feld, dann sinken sie alle noch ein wenig tiefer in ihren Tod. Und nur an der Seite des Leibs, in der Gegend des Beinansatzes haben sie irgendein ganz kleines, flimmerndes Organ, das lebt noch lange. Es geht auf und zu, man kann es ohne Vergrößerungsglas nicht bezeichnen, es sieht wie ein winziges Menschenauge aus, das sich unaufhörlich öffnet und schließt.

Robert Musil: Römischer Sommer (Aus einem Tagebuch). In: Die Argonauten. [Heidelberg] Jg. 1 (1914), Heft 1, S. 41-43.
Robert Musil: Römischer Sommer [Aus einem Tagebuch]. In: Der Friede, Bd. 2, Nr. 48/49 [23. Dezember 1918], S. 543

(Weitere Publikationsdaten: Römischer Sommer [Aus einem Tagebuch]. In: Der Friede, Bd. 2, Nr. 48/49 [23. Dezember 1918], S. 543 • Fliegentod. In: Prager Tagblatt v. 25. Dezember 1919  [Morgenausgabe], S. 3–4 • Das Fliegenpapier. In: Vossische Zeitung v. 10. Juni 1922 [Morgenausgabe], S. 2 • Das Fliegenpapier. In: Das Tage-Buch Jg. 4 [1923], Heft 4, S. 122f. • Das Fliegenpapier. In: Die Bühne Jg. 2 [1925], Heft 51, S. 25 • Das Fliegenpapier. In: Neue Zürcher Zeitung v. 17. November 1935; Vorabdruck für NzL-Bewerbung])

Im Juni fallen die Schüsse von Sarajewo, im Juli/August folgen die Kriegserklärungen, Musil wird in der Folge eingezogen. Musik kommt auf, man fährt nach Łodz, das Grammophon spielt nicht nur in der Stadt B. (Bauwelsch vielleicht, aber wohl auch tschechische Volkslieder, Slezak und Caruso sowieso), Ende Juli 1915 notiert er:

Musil, Notiz v. Juli 1915; Heft I, S. 16f.

Ende Juli. Eine Fliege stirbt: Weltkrieg. Das Grammophon hat sich schon durch viele Abendstunden gearbeitet. Rosa, wir fahrn nach Lodz, Lodz, Lodz. Und: Komm in meine Liebeslaube. Dazwischen manchmal tschechische Volkslieder und Slezak oder Caruso. In den Köpfen wolkt Traurigkeit und Tanz. Von einem der vielen langen Fliegenpapiere, die von der Decke herabhängen, ist eine Fliege heruntergefallen. Sie liegt am Rücken. In einem Lichtfleck am Wachstuch. Neben einem hohen Glas mit kleinen Rosen. Sie macht Anstrengungen sich aufzurichten. Ihre sechs Beinchen legen sich manchmal spitz zusammengefaltet in die Höhe. Sie wird schwächer. Stirbt ganz einsam. Eine andre Fliege läuft hin und wieder weg.

Musil, Notiz v. Juli 1915; Heft I, S. 16f.

An diesem Punkt passiert etwas, der Kriegsmedienverbund Erster Weltkrieg beginnt seine Wirkung zu entfalten (und Musil registriert das sehr genau), da ließe sich gewiss auch zu Fragen der Populärliteratur etwas Kluges formulieren; exemplarisch zum k.u.k. Kriegspressequartier/KPQ (dem Musil späterhin angehören wird) und seinen Folgen wurde ho. bereits ein wenig vorgeschrieben (123456). Das »technoromantische Abenteuer« (Karl Kraus) hat natürlich auch seinen Soundtrack.

Das, was Musil hier in einer Journalnotiz zusammenbringt, wird in seiner Novell Grigia erweitert und durchgearbeitet Aufnahme finden. Europa und die Einheitsmasse (sein Theorem von der menschlichen Gestaltlosigkeit, nach der das Einzelindividuum in einer kolloidartigen Masse aufgeht, ist da nicht weit; & nota bene: recht eigentlich könnte/müsste man hier beizeiten einen Querbezug zum 1922er Essay Das hilflose Europa oder Reise vom Hundertsten ins Tausendste vornehmen/einfügen – und aus 1921 Die Nation als Ideal und als Wirklichkeit, 1922 zeitgleich mit dem Europa-Essay Psychotechnik und ihre Anwendungsmöglichkeit im Bundesheere, überdies 1921/22 mit der Erlöser-Schrift nach dem Spion-Entwurf die erste größere Arbeit von der aus es einen tatsächlich direkten Bezug zum MoE gibt etc.) inklusive.

Es war die überall gleiche Einheitsmasse von Seele: Europa. Ein so unbestimmtes Unbeschäftigtsein, wie es sonst die Beschäftigung war. Sehnsucht nach Weib, Kind, Behaglichkeit. Und zwischendurch immer von neuem das Grammophon. Rosa, wir fahr’n nach Lodz, Lodz, Lodz … und Komm in meine Liebeslaube … Ein astraler Geruch von Puder, Gaze, ein Nebel von fernem Varieté und europäischer Sexualität. Unanständige Witze zerknallten zu Gelächter und fingen alle immer wieder mit den Worten an: Da ist einmal ein Jud auf der Eisenbahn gefahren …; nur einmal fragte einer: Wieviel Rattenschwänze braucht man von der Erde zum Mond? Da wurde es sogar still, und der Major ließ Tosca spielen und sagte, während das Grammophon zum Loslegen ausholte, melancholisch: »Ich habe einmal die Geraldine Farrar heiraten wollen.« Dann kam ihre Stimme aus dem Trichter in das Zimmer und stieg in einen Lift, diese von den betrunkenen Männern angestaunte Frauenstimme, und schon fuhr der Lift mit ihr wie rasend in die Höhe, kam an kein Ziel, senkte sich wieder, federte in der Luft. Ihre Röcke blähten sich vor Bewegung, dieses Auf und Nieder, dieses eine Weile lang angepreßt Stilliegen an einem Ton, und wieder sich Heben und Sinken, und bei alldem dieses Verströmen, – Verströmen, und immer doch noch von einer neuen Zuckung Gefaßtwerden, und wieder Ausströmen: war Wollust. Homo fühlte, es war nackt jene auf alle Dinge in den Städten verteilte Wollust, die sich von Totschlag, Eifersucht, Geschäften, Automobilrennen nicht mehr unterscheiden kann, – ah, es war gar nicht mehr Wollust, es war Abenteuersucht, – nein, es war nicht Abenteuersucht, sondern ein aus dem Himmel niederfahrendes Messer, ein Würgengel, Engelswahnsinn, der Krieg? Von einem der vielen langen Fliegenpapiere, die von der Decke herabhingen, war vor ihm eine Fliege heruntergefallen und lag vergiftet am Rücken, mitten in einer jener Lachen, zu denen in den kaum merklichen Falten des Wachstuchs das Licht der Petroleumlampe zusammenfloß; sie waren so vorfrühlingstraurig, als ob nach Regen ein starker Wind gefegt hätte. 
Die Fliege machte ein paar immer schwächer werdende Anstrengungen, um sich aufzurichten, und eine zweite Fliege, die am Tischtuch äste, lief von Zeit zu Zeit hin, um sich zu überzeugen, wie es stünde. Auch Homo sah ihr genau zu, denn die Fliegen waren hier eine große Plage. Als aber der Tod kam, faltete die Sterbende ihre sechs Beinchen ganz spitz zusammen und hielt sie so in die Höhe, dann starb sie in ihrem blassen Lichtfleck am Wachstuch wie in einem Friedhof von Stille, der nicht in Zentimetermaßen und nicht für Ohren, aber doch vorhanden war. Jemand erzählte gerade: »Das soll einer einmal wirklich ausgerechnet haben, daß das ganze Haus Rothschild nicht so viel Geld hat, um eine Fahrkarte dritter Klasse bis zum Mond zu bezahlen.« Homo sagte leise vor sich hin: »Töten, und doch Gott spüren; Gott spüren, und doch töten?« und er schnellte mit dem Zeigefinger dem ihm gegenübersitzenden Major die Fliege gerade ins Gesicht, was wieder einen Zwischenfall gab, der bis zum nächsten Abend vorhielt.



Kunst, eingeschoben: zu verweisen ist auf die wunderbare Arbeit von Michaela Schleunung zu Musils Fliegenpapier, ein Unikat: tanglefoot (1986).


So folgt, endlich, 1936, der Nachlass zu Lebzeiten.

Das Fliegenpapier
Das Fliegenpapier Tangle-foot ist ungefähr sechsunddreißig Zentimeter lang und einundzwanzig Zentimeter breit; es ist mit einem gelben, vergifteten Leim bestrichen und kommt aus Kanada. Wenn sich eine Fliege darauf niederläßt – nicht besonders gierig, mehr aus Konvention, weil schon so viele andere da sind – klebt sie zuerst nur mit den äußersten, umgebogenen Gliedern aller ihrer Beinchen fest. Eine ganz leise, befremdliche Empfindung, wie wenn wir im Dunkel gingen und mit nackten Sohlen auf etwas träten, das noch nichts ist als ein weicher, warmer, unübersichtlicher Widerstand und schon etwas, in das allmählich das grauenhaft Menschliche hineinflutet, das Erkanntwerden als eine Hand, die da irgendwie liegt und uns mit fünf immer deutlicher werdenden Fingern festhält.
Dann stehen sie alle forciert aufrecht, wie Tabiker, die sich nichts anmerken lassen wollen, oder wie klapprige alte Militärs (und ein wenig o-beinig, wie wenn man auf einem scharfen Grat steht). Sie geben sich Haltung und sammeln Kraft und Überlegung. Nach wenigen Sekunden sind sie entschlossen und beginnen, was sie vermögen, zu schwirren und sich abzuheben. Sie führen diese wütende Handlung so lange durch,bis die Erschöpfung sie zum Einhalten zwingt. Es folgt eine Atempause und ein neuer Versuch. Aber die Intervalle werden immer länger. Sie stehen da, und ich fühle, wie ratlos sie sind. Von unten steigen verwirrende Dünste auf. Wie ein kleiner Hammer tastet ihre Zunge heraus. Ihr Kopf ist braun und haarig, wie aus einer Kokosnuß gemacht; wie menschenähnliche Negeridole. Sie biegen sich vor und zurück auf ihren festgeschlungenen Beinchen, beugen sich in den Knien und stemmen sich empor, wie Menschen es machen, die auf alle Weise versuchen, eine zu schwere Last zu bewegen; tragischer als Arbeiter es tun, wahrer im sportlichen Ausdruck der äußersten Anstrengung als Laokoon. Und dann kommt der immer gleich seltsame Augenblick, wo das Bedürfnis einer gegenwärtigen Sekunde über alle mächtigen Dauergefühle des Daseins siegt. Es ist der Augenblick, wo ein Kletterer wegen des Schmerzes in den Fingern freiwillig den Griff der Hand öffnet, wo ein Verirrter im Schnee sich hinlegt wie ein Kind, wo ein Verfolgter mit brennenden Flanken stehen bleibt. Sie halten sich nicht mehr mit aller Kraft ab von unten, sie sinken ein wenig ein und sind in diesem Augenblick ganz menschlich. Sofort werden sie an einer neuen Stelle gefaßt, höher oben am Bein oder hinten am Leib oder am Ende eines Flügels.
Wenn sie die seelische Erschöpfung überwunden haben und nach einer kleinen Weile den Kampf um ihr Leben wieder aufnehmen, sind sie bereits in einer ungünstigen Lage fixiert, und ihre Bewegungen werden unnatürlich. Dann liegen sie mit gestreckten Hinterbeinen auf den Ellbogen gestemmt und suchen sich zu heben. Oder sie sitzen auf der Erde, aufgebäumt, mit ausgestreckten Armen, wie Frauen, die vergeblich ihre Hände aus den Fäusten eines Mannes winden wollen. Oder sie liegen auf dem Bauch, mit Kopf und Armen voraus, wie im Lauf gefallen, und halten nur noch das Gesicht hoch. Immer aber ist der Feind bloß passiv und gewinnt bloß von ihren verzweifelten, verwirrten Augenblicken. Ein Nichts, ein Es zieht sie hinein. So langsam, daß man dem kaum zu folgen vermag, und meist mit einer jähen Beschleunigung am Ende, wenn der letzte innere Zusammenbruch über sie kommt. Sie lassen sich dann plötzlich fallen, nach vorne aufs Gesicht, über die Beine weg; oder seitlich, alle Beine von sich gestreckt; oft auch auf die Seite, mit den Beinen rückwärts rudernd. So liegen sie da. Wie gestürzte Aeroplane, die mit einem Flügel in die Luft ragen. Oder wie krepierte Pferde. Oder mit unendlichen Gebärden der Verzweiflung. Oder wie Schläfer. Noch am nächsten Tag wacht manchmal eine auf, tastet eine Weile mit einem Bein oder schwirrt mit dem Flügel. Manchmal geht solch eine Bewegung über das ganze Feld, dann sinken sie alle noch ein wenig tiefer in ihren Tod. Und nur an der Seite des Leibs, in der Gegend des Beinansatzes, haben sie irgend ein ganz kleines, flimmerndes Organ, das lebt noch lange. Es geht auf und zu, man kann es ohne Vergrößerungsglas nicht bezeichnen, es sieht wie ein winziges Menschenauge aus, das sich unaufhörlich öffnet und schließt.

Robert Musil: Das Fliegenpapier. In: Gesamtausgabe Band 8, hg. v. Walter Fanta. Salzburg, Wien: Jung und Jung 2019, S. 407–409