Kleinanzeige

René Drommert (1905–2002), Kunst- und Theaterkritiker und einstmals auch Assistent bei Erwin Panofsky und Aby Warburg, berichtete 1993 in einem Vortrag anlässlich der (Wieder-) Eröffnung des Warburg-Hauses in der Heilwigstrasse 116, von s/einer Lektion in Sachen Quellenkunde:

Ich sitze an einem Vormittag, es mag im Jahre 27 oder 28 gewesen sein, im Parterre des Hauses in der Heilwigstraße, im Vortragssaal. Außer mir niemand. Die Bibliothek war eine Präsenzbibliothek, lesen durfte man nur zu genau fixierten Zeiten. Kreti und Pleti waren ohnehin möglichst ferngehalten. Ich wollte mich über den Weltkrieg, das bedeutete natürlich zu jener Zeit den Ersten Weltkrieg, informieren. Ich, ein Balte, hatte den Krieg und die russische Revolution ja in recht jugendlichem Alter in Riga verbracht, in der russischen Ostseeprovinz Livland. Ich hatte schon viel erfahren, ich wußte, wie das ist, wenn die Hölle eines ihrer Tore öffnet. An diesem Vormittag in Hamburg aber suchte ich nach besonderen Indizien historischer Zusammenhänge zwischen Ost- und Mitteleuropa. Ich vermeide in diesem Zusammenhang den Begriff Perspektive, weil er oft mißbraucht wird. Ich sitze also im Vortragssaal der Warburg-Bibliothek, ich habe mir einen Zeitungsband geholt, das »Hamburger Fremdenblatt«, eine berühmte Tageszeitung. Ich schnüffle in Exemplaren des Jahres 1917 herum. Plötzlich erscheint, völlig unerwartet, Aby Warburg.
»Was machen Sie denn da, Herr Drommert?« »I… i… ich informiere mich über den Weltkrieg, Herr Professor.« Und er: »Welche Artikel lesen Sie denn?« »Na, verschiedenste. Zum Beispiel den politischen Leiter, ein bißchen Wirtschaft, von der ich so wenig verstehe, Herr Professor. Mit weit größerem Interesse natürlich das Feuilleton, Artikel, Berichte, Kritiken über Theater, über Kunst, über Tanz, über Literatur.« »Nun passen Sie auf«, sagt mir Aby Warburg. »Sie müssen ganz was anderes machen.« Er, nicht groß von Wuchs, reckt sich über die Kante meines Tisches, rückt den dicken Zeitungsband zu sich heran, blättert darin, findet eine ganze Anzeigenseite, sucht ein bißchen, erblickt eine ihm wichtige Annonce und sagt triumphierend: »Sehen Sie, Herr Drommert, darauf kommt es hier an. Solches müssen Sie lesen!« Und was stand da? Was stand da? Etwa eine Sensation, ein Hinweis auf eine Theaterpremiere, auf eine Kunstauktion, eine Vernissage oder etwa ein Philosophem. Keine Spur davon. In der Annonce stand: »Teppich gegen Kartoffeln und Mehl zu tauschen gewünscht.« Das war ein wichtiges Indiz für die wirtschaftliche Situation im Kriege, der zu tauschende Teppich. Ein Fall aus dem 20. Jahrhundert. Dagegen das Inventar im Hause Medici im 15. Jahrhundert. Die Gläser, die Schränke, die Besenstiele, die Kochtöpfe und anderes, ein Indiz für die Normalität und den Wohlstand von Cosimo, Lorenzo de’ Medici und anderen. Beides sind Hinweise auf die sogenannte Warburg-Methode, auf seine interdisziplinäre Forschung, auf seinen weiten geistigen Horizont.

René Drommert: Aby Warburg und die Kulturwissenschaftliche Bibliothek in der Heilwigstraße. In: Aby M. Warburg: »Ekstatische Nymphe … trauernder Flußgott«; Porträts eines gelehrten. Hg. v. Robert Galitz u. Brita Reimers. Hamburg: Dölling und Galitz 1995, S.14–18, hier S. 15f.

Wir kämen nun zur ersten Übungseinheit, für die sich ausgehend vom theoretischen Bauchladen der Ikonographie und Kulturwissenschaft nach Warburg und berücksichtigend die Historie des Jahres 1918 etwa folgende Annonce ins trübe Wiener Auge fallen könnte:

Aus: Adolph Lehmann’s allgemeiner Wohnung-Anzeiger nebst Handels- u. Gewerbe-Adressbuch für d. k.k. Reichshaupt- u. Residenzstadt Wien u. Umgebung. Bd. 1. Wien 1918, S. 5.