Kraus † Loos, 1933

Eine Beobachtung betreffend

Karl Kraus: »Adolf Loos. Rede am Grab, 25. August 1933« 
(Fackel Nr. 888, p. 1-3)

Es geht um die Rede am Grab von Adolf Loos, die Kraus hielt und in der Fackel abdruckt (übrigens zusammen mit »Man frage nicht […]«, was dann in Nr. 889 ausgeführt wird – viel bedeutsamer kann eine Ausgabe der Fackel [obendrein die hinsichtlich der Seitenzahl wohl schmalste] nur selten gewesen sein; es folgt dann nichts mehr: ›nur noch‹ auf der U4 die Ankündigung seiner Nachdichtung von Shakespeares Sonetten). 




Auffällig ist hier bereits auf den ersten Blick, dass er Anreden und die Loos zugedachten Possessivpronomina ganz akurat groß schreibt (»Dir Zugehörende«, »Du«, »Dein Andenken«, »Dein Beruf«,  …) – nur einmal wird klein geschrieben:

»dein Genius« (ibid., p. 2); 
im Kontext: 
»Vorteil und Anschauung menschlicher Kraftersparnis gewährend, hast Du Symbole des zweckhaft vereinfachten Lebens gestellt; handelnd gabst Du Regeln; und dein Genius, zierhaftes Hindernis der Schönheit entfernend, war Befreier des Lebens aus der Sklaverei der Mittel, Ablenker vom Umweg, dem tödlichen der Seele, die nicht zu sich kommt, doch von sich weg.«

Dies hat Gründe, ließe sich spekulieren. Bei nicht einmal drei Druckseiten und so einem Anlass passiert ein solcher Lapsus nicht; nicht einem Karl Kraus (ohne das jetzt als Maß aller Gültigkeiten setzen zu wollen).

»[…] gabst Du Regeln; dein Genius […]« stellt m.E. zumindest eine Verneigung Kraus’ im Schriftbild dar – im Kontrast zur Kleinschreibung des Adolf Loos. 
Kraus reflektiert bei der Einrichtung des Satzes genau, dass die Rede nun gedruckt wird. Was er im Wortlaut am Grab möglicherweise akustisch ausdrücken konnte, versucht er nun für die schriftliche, die gesetzte Form (und ist es nicht das, was bleibt?). Loos hat für die Drucklegung bekanntlich die Kleinschreibung präferiert. Kraus nicht. Aber hier bereitet er durch die ständig aufgerufene Förmlichkeit der Großschreibung (wiewohl freundschaftlich: »Du«) bei persönlicher Anrede und Zuschreibung etwas vor: Loos einen Genius zuzusprechen. Er unterstreicht nicht oder hebt mittels Sperrung hervor: er schreibt »dein Genius« – und für diejenigen, die sowohl Loos als auch Kraus lasen/lesen, wird deutlich, wie sehr er, Kraus, sich dem Verstorbenen verbunden fühlte; ein scheinbarer Formfehler im Satz als Ausdruck einer letzten Verbeugung. 
Man muss, so zeigt es die gesetzte Rede, nicht alle Regeln und Symbole Loos’ übernehmen, um doch in seinem Geiste und seinen Genius anerkennend zu handeln. 

Etwas mitnehmen, das dann bleibt.