Leviathan und Telegraph

Die Innsbrucker Nachrichten melden am 02.09.1884 (№ 202, S. 4099f.), dass die Vernetzung der Welt Gefahren mit sich bringt, denen mitunter sogar der Leviathan nicht entrinnen kann: 

»(Abenteuer eines Walfisches.) Als ein interessantes und beim Betriebe der unterseeischen Kabel vielleicht einzig dastehendes Ereigniß bringen die ›Times‹ folgende, denselben von dem Vorsitzenden der westamerikanischen Telegraphengesellschaft zugegangene Mitteilung, welche erkennen läßt, wie verhängnißvoll ein Angriff auf ein unterseeisches Telegraphenkabel für einen Walfisch ausfallen kann. Das Kabel der genannten Gesellschaft war sieben Tage lang unterbrochen und wurde von dem für die Ausbesserung desselben bestimmten Dampfer wieder hergestellt. Der von dem Kapitän dieses Schiffes der Gesellschaft erstattete Bericht über die Ursache der Störung lautet im Auszuge folgendermaßen: ›Als wir das Kabel in einer Länge von 21 Knoten aufgefischt hatten und mit dem weiteren Auffischen desselben noch beschäftigt waren, kam ein ungeheurer Walfisch, welcher sich in das Kabel verstrickt hatte, an den Bug des Schiffes herauf. Er schien ungefähr 70 Fuß lang zu sein. In seinem Kampfe, sich zu befreien, schnitt das Kabel sich tief in seine Seite, so daß die Eingeweide und große Blutströme hervorquollen. Im letzten Todeskampfe zerschnitt er das Kabel an den Kanten des Bugs und trieb dann nach der Windseite fort[.] Das Kabel war in Form eines Drahtseils ungefähr zwei Klafter weit aufgeflochten und an sechs verschiedenen Stellen schien es so tief durchgebissen zu sein, daß der Verkehr gehemmt werden mußte. Es unterliegt keinem Zweifel, daß der Walfisch die Störung verursacht hat.‹ Diesem Bericht fügt der in Amerika stationierte Agent der Gesellschaft Folgendes hinzu: ›Die Ursache der Störung war, wie in Kapitän Morton’s Bericht schon zum Ausdruck gebracht worden ist, ein ungeheurer Walfisch, welcher sich in die Schlingen des Kabels verwickelt hatte und sieben Tage lang gefangen gehalten wurde. Die Störung des Kabels war eine recht unglückliche, immerhin gereicht es aber zur Befriedigung, zu erfahren, daß das Kabel nicht nachgegeben hat, und an der Stelle, wo es aufgefischt wurde, sowohl die Umhüllung als auch die Seele in fast ebenso vollkommenem Zustande befunden wurden und ein ebenso gutes Aussehen bewahrt hatten, als an dem Tage der Verlegung des Kabels.‹«

Zwar gab es seit 1866 eine dauerhafte transatlantische Telegraphenverbindung – 1884 ist jedoch jenes Jahr, in dem ein Internationaler Vertrag zum Schutze der unterseeischen Telegraphenkabel (Wikisource) abgeschlossen wurde. Allerdings signierten denselben nur Landtreter. Den Wal hatte niemand gefragt. Nicht umsonst setzte Marshall McLuhan an den Beginn seiner Einleitung für »Die magischen Kanäle« ein Zitat von James Reston aus der »New York Times«, um mit diesem »daran zu erinnern, daß manche Dinge sich zu ändern scheinen.« (Bei dem erwähnten Zwischenfall geht es um ein kleines Mädchen, eine Katze und eine mutmaßlich ferngesehen habende Maus, wobei die beiden letzteren am Leben geblieben sein sollen und von dem kleinen Mädchen nicht mehr weiter die Rede ist.) Das Medium ist vielleicht die Botschaft, nur hatte sie der Leviathan weder abgesetzt noch empfangen.