Marktwert

Geoffrey Winthrop-Young 2006 im Gespräch mit Rudolf Maresch (auf Telepolis, in zwei Teilen am 23. April und 20. Mai 2006), u.a. zur Frage, weshalb Niklas Luhmann in den USA nicht den Stellenwert so vieler anderer Theoriegründer erreichte; »Warum kommt Luhmann in Amerika nicht an?«:

Das ist eine Frage, über die ich mir seit einiger Zeit den Kopf zerbreche. Ausgerechnet Luhmann, der Höhenkammtheoretiker par excellence, scheint sich gut dazu zu eignen, die Senkgruben und Niederungen transnationaler Rezeptionsvorgänge auszuleuchten, die ja nach wie vor recht abgehoben dargestellt werden. Man liest dann von der Anschließbarkeit oder der Inkompatibilität kulturspezifischer Theorietraditionen, von besetzten oder unbesetzten theorieökologischen Nischen, vor allem aber von der bewussten, reichlich reflektierten Übernahme oder Ablehnung eines Theorieangebots. Ich will nicht leugnen, dass das alles dazu gehört und vor allem dann eine Rolle spielt, wenn ein Theorieangebot Fuß gefasst hat und in aller Ruhe inspiziert werden kann – so wie im Falle der Kritischen Theorie. Doch in der Frühphase treten andere Faktoren hinzu. Hier geht es um das Problem, in einer gestressten, von immer größerer Konkurrenz beherrschten Aufmerksamkeitsökonomie eine erfolgreiche Initialzündung vorzunehmen. Rezeption ist eben nicht nur ein Gipfelgespräch unter kritisch räsonierenden Beobachtern, es ist ein sehr konkreter Arbeitsprozess, der einschneidenden ökonomischen, zeitlichen, sprachlichen und psychologischen Einschränkungen unterliegt. Und Theorie ist eben nicht nur ein höheres Geisteserzeugnis, es handelt sich auch um eine Ware, die nach den Gesetzen des Marktes verhökert werden muss. Wer über Rezeption und Theorieimport reden will, der darf von Materialitäten, Mode und Marketing nicht schweigen. In diesem Sinne ein paar halbreife Ideen zur Nichtankunft Luhmanns in den USA: 
1. In einem außergewöhnlichen Maße verweigert sich Luhmann jenem rezeptions- und importförderlichen Werkzeugkastenzugang, der bei Foucault oder Benjamin so gut funktioniert. Sein theoretischer Apparat ist derart in sich verknotet und verschachtelt, dass man nicht einfach hineingreifen und Dieses oder Jenes herauslösen kann. Gibt man Luhmann den kleinen Finger, will er gleich den ganzen Arm. Kennenlernen und Verarbeiten dieser Theorie erfordern vor allem in der Zündphase der Rezeption einen Zeitaufwand, der auf viele abschreckend wirkt und den sich viele schlicht nicht leisten können. Dieser Eindruck ist ungewollt durch die Entscheidung verstärkt worden, sich in erster Linie auf die Übersetzung der großen Genitiv-Wälzer („Das X, Y oder Z der Gesellschaft“) zu konzentrieren, während die kleineren Perlen Luhmanns, die Aufsätze in den Bänden über Gesellschaftsstruktur und Semantik und Soziologische Aufklärung, eher vernachlässigt wurden. 
2. Luhmann bietet keine der archimedischen oder gnostischen Pathosformeln, die, so lehrt es die Erfahrung der letzten vier bis fünf Jahrzehnte, die beste Voraussetzung für eine erfolgreiche amerikanische Aufnahme darstellen. Weder erarbeitet die Theorie einen (archimedischen) Ansatzpunkt, von dem aus man das System – sei es brachial, sei es mit zwanglosem Zwang – aus den Angeln heben könnte, noch bietet sie eine harte (gnostische) Einsicht in den heillosen Zustand der Welt, die aber denen, welche diese Einsicht verinnerlicht haben, den elitären Stolz erlaubt, nicht so naiv zu sein wie die blinde Restmenschheit, die sich noch an irgendwelche Glücksversprechen klammert. Vor allem bietet Luhmanns Theorie keinerlei Möglichkeit, diese Pathosformeln zu vereinigen und zwischen ihnen zu changieren, was bei der außerordentlich erfolgeichen Rezeption von Benjamin und Foucault, aber auch jüngst in geringerem Umfang bei Hardt/Negri oder Agamben eine große Rolle gespielt hat. Meiner Erfahrung nach wirken viele seiner Texte auf viele Studenten hier wie überlange Kubrick-Filme, ein Germish [sic] aus abweisender Perfektion und fast schon bürokratisch unterkühlter Leblosigkeit. Und das zündet in Nordamerika nicht. Es gibt hier keine Tradition, die man – überspitzt ausgedrückt – das Pathos der Beobachtung nennen könnte. 
3. Albrecht Koschorke hat mal sehr schön darauf hingewiesen, dass die Luhmannsche Systemtheorie im Kern eigentlich immer noch die Verwaltungswissenschaft ist, als die sie begann. In der Tat: All diese tiefschürfenden Analysen über systemspezifische Codierungen, Inklusionen und Exklusionen, Interpenetrationen und strukturelle Kopplungen: Ist das nicht der Versuch, ein für alle mal festzulegen, zu welcher Tageszeit welcher Bittsteller auf welchem Korridor Zugang zu welchem Beamten hat? All die hochkomplexen Kommunikationen zur Kommunikationslosigkeit: Geht es nicht darum, sicher zu stellen, dass diese Beamten und ihre herrlichen Werke, die kein Außenstehender je zu ergründen vermag, künftig noch weniger gestört werden? Koschorkes verwaltungstechnische Konkretisierung ist Teil einer kulturwissenschaftlichen Entzauberung Luhmanns, die seinen Luhmanns flächendeckenden Abstraktionen oft sehr konkrete Anliegen, Umstände, Bedingungen oder Vorurteile aufdeckt. Es gibt für das, was Luhmann hier betreibt, eigentlich noch kein Wort. Ich nenne es mal sehr ungeschickt Zu-Abstrahieren. Es funktioniert so: Man nehme eine historische oder geistesgeschichtliche Entwicklung und reduziere die einzelnen diskreten Abschnitte auf bestimmte logische Widersprüche und Kontingenzen, so dass Abschnitt n+1 als Antwort auf die inneren Widersprüche von Abschnitt n erscheint. Das erlaubt Luhmann, die eigene Theorie, wenn nicht als endgültigen Abschluss, so doch zumindest als das fortgeschrittenste Glied einer logischen Sequenz zu präsentieren. Denn was er zu sagen hat, enthält entweder die Lösung der entsprechend arrangierten früheren Widersprüche oder macht zumindest fruchtbareren Gebrauch von ihnen. Ähnlichkeiten mit Hegel sind weder zufällig noch ungewollt. (Mir persönlich ist dieses Schema vor allem im Zusammenhang mit Luhmanns machiavellistisch raffiniertem Ge- und Missbrauch darwinistischer Evolutionstheorien aufgefallen.) Wenn man freilich diese Abstraktionen wieder mit historischem Gehalt füllt, dann merkt man auf einmal, dass Luhmann sich letztlich in einer sehr kontinentalen Philosophietradition bewegt; und einzig sein komplexes „Zu-Abstrahieren“ ermöglicht den Anschein, über diese Tradition hinaus zu sein. Kurzum: Gerade in ausländischen Beobachteraugen entpuppt sich Luhmann als Repräsentant genau dessen, wovon er sich abzusetzen versucht: des Denken Alteuropas, wenn nicht gar Altdeutschlands. Kein Wunder, dass anderswo die Frage aufkommt, warum man sich intensiver mit ihm beschäftigen soll. 
4. Das alte Problem mit dem Übersetzen. Ich will auf keine Fälle den einfältig-provinziellen Kehrreim anstimmen, man könne Leute nur im Original richtig verstehen. Aber man muss sich immer vor Augen halten, wie sehr der Übersetzungsvorgang Autoren die Möglichkeit zur Selbststilisierung beschneidet, die für das (Selbst)Verständnis ihrer Theorie oft unabdingbar ist. Das eklatanteste Beispiel ist Nietzsche. Liest man Nietzsche auf Englisch, dann klingt er eben nicht wie Nietzsche, sondern eher wie ein verklemmter Oberstudienrat, der versehentlich LSD geschluckt hat, euphorisch durch seinen Schrebergarten schreitet und sich einbildet, ein donnernder Prophet zu sein, der in fernen Eiswüsten allerlei Weltumwälzendes verkündet. Im Falle Luhmanns hat der sehr redliche Versuch, seine Texte in der Übersetzung zugänglich(er) zu machen, zu einer merklichen stilistischen Verflachung geführt. Zum Beispiel neigen viele Luhmann-Übersetzer dazu, Aktivsätze voller we und our zu benutzen, wo Luhmann im Original sehr bewusst man und/oder ausladende, unpersönliche Passivkonstruktionen bevorzugt. Durch die Hintertür der Übersetzung schleicht sich das von der Theorie verfemte Subjekt wieder rein. Aber ich habe keine Ahnung, wie man das besser machen könnte. Entweder man hält sich streng an den Stil des Originals und produziert (wie etwa im Falle vieler Heidegger-Übersetzungen) ein holpriges Gemisch. Oder man zieht Luhmann im Interesse allgemeiner Zugänglichkeit den stilistischen Reißzahn. Aber dann klingt er eben nicht wie Luhmann, sondern nur wie der nette Onkel aus Bielefeld, der nicht recht gelernt hat, sich kurz zu fassen.

Geoffrey Winthrop-Young: Die Zeit der Kulturkriege ist vorbei. Gespräch mit Rudolf Maresch am 23. April 2006. Telepolis