Notwendigerweise in Verstoß geraten

Unter dem Zettelkasten-Beitrag Weltgesetz und in der Miszellen Referenz, Rekursiv und Präsenz wird auf eine Stelle aus Musils Nachlass zum Mann ohne Eigenschaften verwiesen, die im Oktober 1928 verfasst worden sein dürfte; zwei Jahre vor dem Erscheinen des ersten Bandes entstanden ganze Kapitelgruppen in Reinschrift, die späterhin nur sehr partiell eine gedruckte Umsetzung erfuhren.

Sara Lehn, Musil-Portrait, 2020

In »Aktenzeichen MoE – Bürokratie« (Bd. 2 der Reihenerscheinung Teilweise Musil, 2020) wird auf das gesamte Kapitel eingegangen worden sein. Bloß: Ist dies – wie in der Gesamtausgabe im Unterschied zu den Gesammelten Werken vorgestellt – überhaupt ein »Kapitel«; und wenn ja: weshalb hat Musil es niemals verwendet? (Und wie sah das in der Handschrift aus?) Eine These vorweg: in der Auflösung dieses editionsphilologischen ›Nerdismus‹ könnte sich sehr viel von dem erweisen, was den MoE ausmacht.

Auf diesen paar Seiten geraten Theorie und Praxis des Akts, systemische Kontingenz und Willkür behördlicher Entscheidungsapparate, die detailgenaue Beschreibung eines Suizidhergangs, der Zusammenhang von ›in Verstoß bringen‹ mit der Notwendigkeit des Schredderns, die Inhumanität der Militärverwaltung am Vorabend des Weltkriegs, eine Intervention zwecks Protektion und die Korruption als normale Geschäftsgebarung, unterschiedlichste Ordnungskonzepte und -bedürfnisse, der Aufmarsch für den Krieg, die Jubelstimmung und die Liebe in einen Zusammenhang, die Protestantische Ethik eines Max Weber wird ebenso aufgerufen wie die Philosophie des Geldes nach Simmel weitergesponnen, die Diskussion um Wehrpflicht und Kriegsdienstverweigerung wird angerissen, dazu der Zeitgeist jugendlich-uniformen Zusammenhangs und die Spekulation auf Lebensmittel, denn Kapitalismus und Krieg seien einander nur allzu verwandt. Musils Monadologie der Kapitel für Kapitel zu erlesenden Zusammenhänge enträt jedweden Gedankens an eine Harmonie der teils drastischen Gegensätze. Das, was in einem Kapitel wie diesem in nucegefasst wird, lässt sich nicht miteinander versöhnen. Was aber all dem gegenüber jederzeit präsent bleibt, unbeeindruckt von äußeren Umständen, sind die Linien der Verwaltungen, des bürokratisch konstituierten Gesellschafts- und Wirtschafts-, Denk- und Sozialsystem.

Es bietet sich an, zumindest drei Versionen dieses »Kapitels« aus dem Nachlass näher anzusehen, zunächst ohne Anflug einer Wertung & also in der chronologischen Abfolge ihres medialen Erscheinens gereiht. (Dass es bei der Frisé-Ausgabe aus dem Nachlass unterschiedliche Fassungen weil Reihungen gibt, sei nur am Rande erwähnt und ändert nichts an den folgenden Befunden.)


1. Robert Musil: Gesammelte Werke, 9 Bde., hg. v. Adolf Frisé, Reinbek bei Hamburg 1978. (hier: Bd. 5)

2. Robert Musil: Klagenfurter Ausgabe. Kommentierte digitale Edition sämtlicher Werke, Briefe und nachgelassener Schriften. Mit Transkriptionen und Faksimiles aller Handschriften, hg. v. Walter Fanta, Klaus Amann u. Karl Corino. Klagenfurt 2009 [DVD]. (hier: Mappengruppe II [Mappe 1])

3. Robert Musil: Gesamtausgabe, 12 Bde., hg. v. Walter Fanta, Salzburg/Wien 2016ff. (hier: Bd. 6)


Es gibt (k)ein Kapitel mit dem Titel »Hans Sepps Selbstmord«. Kapitel und Titel gibt es aufgrund der Entscheidung und Arbeit des Herausgebers Walter Fanta, den Nachlass lesbarer, zugänglicher zu machen, sozusagen: Ordnung hinein zu bringen. Genau besehen handelt es sich bei diesem »Kapitel«, das in der GA seine drei Einheiten durch zwei sanft trennende Leerzeilen kenntlich macht, um insgesamt 16 Blätter im Nachlass, die in der Mappengruppe II (Mappe 1) erfasst sind. Die ersten beiden Abschnitte, die vom bürokratischen Verhängnis des Hans Sepp berichten und den Mechanismen des Apparats, von den Interventionsversuchen des zum Spekulanten gewordenen Leo Fischel, der damit die Liebe seiner Tochter zu gewinnen hofft, schließlich vom Suizid Hans Sepps, gehören zur Kapitelgruppe VII, »Gerdas Rückkehr« nach dem Tod des Geliebten in die Kapitelgruppe VIII.

Es finden sich im Nachlass insgesamt sieben Kapitelgruppen, die alle im Herbst 1928 entstanden (die Kapitelgruppe I ist nicht mehr auffindbar und fand wahrscheinlich Eingang in den Druck oder die Druckfahnen; Musil löste diesbezügliche Unterlagen nach Abschluss auf, sodass deren Spuren heute beinahe nur noch die Siglen sind). Keines der hier versammelten Kapitel, so ausgearbeitet sie auch schon waren, hat es 1930 oder 1932 in den ersten oder den zweiten Band des Mannes ohne Eigenschaften geschafft, auch nicht in die etwa 1936–1938 entstandenen Druckfahnen-Kapitel. Gerade die Geschichte/n vom Hans Sepp ist/sind davon betroffen; Musil hielt diese zurück. Spekulieren lässt sich mithin, dass der esoterisch getaktete Protofaschist Hans Sepp, der die Reinheit bis zum Selbsthass preist (als gelte es, den Otto Weininger zu geben) und in den ersten beiden Bänden eine Rolle spielte, im dritten Band keine bekommen hätte, während er im vierten und dann vielleicht letzten, in einer allgemeinen Zuspitzung auf den Krieg hin und in diesen hinein, noch einmal seine Auftritte gehabt hätte, um Herkunft und Zustand der faschistischen und nationalsozialistischen Bewegung zu spiegeln, bevor er als Rekrut, verfolgt und drangsaliert von den behördlichen Akten, Mechanismen und Dynamiken (denn »der Akt Hans Sepp [ist] ohne besondere Absicht ins Laufen gekommen«), seinem Notizbuch und Bleistift in den Tod nachspringt.

Weniger spekulativ nimmt sich Walter Fantas Einschätzung aus (im Gegensatz zu Frisé hat er genau verstanden, was ein »Kapitel« in Musils MoE darstellt), dass gerade den Kapitelgruppen aus 1928 Funktion und Bedeutung zukam »als narratives Reservoir, wie sieben Töpfe, die nach und nach gefüllt wurden. Musil fixierte in ihnen Erzählverläufe, ohne die Romankapitel in Aufbau und Textur exakt zu erarbeiten; dies wollte er sich für später vorbehalten.« [☞ 1]

Wir wissen, dass Robert Musil sich die Kapitelgruppen – allein für die Figur Hans Sepp sind dabei besonders »Hans Sepps Briefe«, »Hans Sepps Religion«, »Aufregung auch in der Luft«, »Hans Sepp als Rekrut« und eben »Hans Sepps Selbstmord« (alle GA 6) relevant – immer wieder vornehmen und sie jedenfalls siglieren und in Mappen wohlverwahren wird. Sie sind Teil seines bürokratisch organisierten Schreibapparats und stellen Erzählverläufe sicher, die in der ausgeführten Ordnung so keinen Platz gefunden haben. Ein Beispiel: In den letzten Kapiteln des Zweiten Buches, bei der Schlusssitzung der Parallelaktion, wenn das »Große Ereignis« im Entstehen ist, spielt Sepp eine Rolle. Zeitlich sind diese Kapitel im späten Frühjahr 1914 anzusetzen. Dass Hans Sepp wieder einrückend gemacht wird, dabei es aber keinerlei Anzeichen des Krieges gibt, genug Zeit und Ressourcen vorhanden sind, damit er in Einzelbehandlung korrekt schikaniert und beschmutzt wird, ist weit genug vor dem Krieg angelegt – dass demgegenüber nach seinem Tod Gerda zu ihrem Vater geht, während draußen schon die Allgemeine Mobilisierung samt Hurra-Stimmung im Laufen ist, geht sich somit nur als Erzählstrang aus, im Sinne einer fortgeschriebenen Handlungslogik. Das Zeitkonstrukt, das Musil in den gedruckten Bänden und im beinahe gedruckten verfolgt, verträgt aber eine derartige Beschleunigung nicht so ohne Weiteres.

Auch nach Veröffentlichung des zweiten Bandes (in dessen letzten Kapiteln, zur Sitzung der Parallelaktion, auch Hans Sepp seine Auftritte zugewiesen bekommt) entstehen 1933–1936 (zu lesen in GA 5) im Zuge der Arbeiten für »Eine Art Ende« ›Kapitel‹ und Notizen zu Hans Sepp und setzt Musil die Arbeit mit dieser Figur fort: »Leo Fischel als Weltbote« (worin zudem von Zeitungsmeldungen erzählt wird, die berichtet hätten, dass sich Hans Sepp, der 1928 vor Musils Zug gesprungen war, erschossen hätte), »Politisch unverläßlich« [☞ 2] (worin Hans Sepps Vorgeschichte seiner Tragödie einschließlich der Formalfehler der Verwaltung hinterlegt werden, das Kürzel »p.u.« seine Aufschlüsselungen erfährt, viel über das Funktionieren von Ämtern geschrieben wird und eine Sentenz vorkommt, die Musil sonst nur für die Entgleisung der Parallelaktion verwendet: die »Staatsmaschine geht durch«! [☞ 3]) und ein so tituliertes »Schmierblatt Aufbau« sind beispielhafte Ansätze. Es sind die Machtergreifungsjahre der NSDAP in Deutschland, in Österreich übernimmt der Austrofaschismus das Rollkommando. Für den Kanonischen Teil und dessen Kapitelgruppen schien Hans Sepp soweit eingeführt gewesen zu sein. In den Druckfahnen spielt er keine Rolle und Musil dürfte eine finale Lösung vorgeschwebt haben – nebst einem Exemplum.

»Gerdas Heimkehr«, der sozusagen abschließende dritte Abschnitt dieses »Kapitels«, ist anhand der Text-Signalements – aber auch aufgrund von Musils Steuerzeichen, den Siglierungen und Verweisen – nach der Allgemeinen Mobilisierung vom 31. Juli 1914 ansetzen, damit nach dem Ultimatum an Serbien (23. Juli), der Teilmobilisierung (25. Juli – der Tag zudem, ab dem das Kriegspressequartier [KPQ/.pdf] aus der Schublade von 1909 in die Realität fand) und der Kriegserklärung (28. Juli). Der Handlungszeitraum (der wiederum eng mit Gerdas Entree zuhause bei ihrem Vater verknüpft ist) und die Anbindung der »Heimkehr« an die beiden Teile von »Hans Sepps Selbstmord« ziehen die Unmöglichkeit der Verwendung eines derartigen ›Kapitel‹-Zusammenhangs (noch dazu 1928 verfasst, also zwei Jahre vor dem Erscheinen des ersten Bandes) nach sich, jedenfalls für den kanonischen respektive gedruckten Teil wie für die Druckfahnenkapitel. Denn hier ist bereits passiert, was so sorgfältig die ersten Bände hindurch aufgeschoben wurde. Da die drei Kapitelabschnitte derart folgerichtig aufeinander bezogen und miteinander verknüpft sind, ist nicht nur Hans Sepps Tod ein Grund, weshalb diese Arbeit aus 1928 in der narrativen Reserve bleibt (sieht man davon ab, welche enormen Stoffmengen, wie viele Plots und kulturtechnische Mechanismen à la Aktenlauf oder auch Militär- und Evidenzbürokratie nebst Schreibscharnieren hier auf wenigen Seiten aneinandergefügt sich finden); die Euphorie zur Allgemeinen Mobilisierung, aus der sich Gerdas Zukunftspläne speist, stellt auch darauf ab, dass es ein schöner Augusttag des Jahres 1914 war, als sie in das Haus ihres Vaters zurückkehrt. Diese drei Abschnitte, die eine Handlungslogik zusammenfügt, versehen daher ihren Dienst auf der Ablage für die Weiterbearbeitung, als narrative Reservoirs, die Musil sigliert und bewahrt.


[1] Walter Fanta: »Nachwort des Herausgebers«, in: Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften Bd. 6, Salzburg und Wien 2018, S. 687–711, hier S. 707.

[2] MoE GW 4, S. 1390–1395 / GA 5, S. 375–382.

[3] MoE GW 4, S. 1393 / GA 5, S. 380: »Was bisher anklang, ist: Behördenapparat kontra Mensch wie schon oft, und sogar flüchtiger im Witz als früher. – Später kann ihm als eine geringe gewisse Vertiefung entsprechen: Die Staatsmaschine geht durch.«