Protokoll_Exposé

So wie Formulare (davon handelten mehrere Workshops und Konferenzen 2019, im Dezember 2021 erscheint im Print und mit Open Access auch online der einschlägig betitelte Band als erster der neuen Reihe AdminiStudies bei Metzler; cf. weiters die über das Register findbaren Ein-/Beiträge) als spezifisch bürokratische Aufschreibesysteme normierte Schreibflächen zur Verfügung stellen, deren Nutzung reglementieren und Auswertung optimieren, um derart Kontingenz zu kanalisieren, fixieren (schriftliche wie technische) Protokolle unterschiedliche Abläufe, verknappen sie Verknüpfungsmöglichkeiten und schematisieren sie künftige Handlungsoptionen. 

Im Zentrum stehen drei Hauptformen: Gesprächs- oder Verlaufsprotokolle, das diplomatische Protokoll und das technische Protokoll – etwa das Internetprotocol (IP) aus den Gründungstagen des ARPANET. Derartige Protokolle strukturieren, regulieren und dokumentieren die Sprech- und Handlungsabläufe von Vereinssitzungen ebenso wie von ministeriellen Zusammenkünften, von Gerichtsterminen, Laboruntersuchungen und komplexen Arbeitsprozessen, von Einsätzen im Militär, Polizei, Zivilschutz, von therapeutischen Sitzungen oder auch von künstlerischen und literarischen Ritualen. Allemal schreiben Protokolle auf und vor, was zu tun und zu lassen ist, was schriftlich aufgenommen und erinnert wird oder dem Vergessen anheimfällt, was als notwendig gilt oder eben als unwichtig, marginal oder ephemer. Protokolle ziehen damit institutionelle Grenzen und sind, trotz und wegen ihrer vermeintlich überparteiischen Neutralität, immer wieder der Gegenstand politischer Auseinandersetzungen und Kämpfe. Stets eröffnet das Protokoll operative, kommunikative oder organisatorische Anschlussmöglichkeiten (und schließt andere damit aus). Protokolle filtern aus komplexen Interaktionen (wie Sitzungen, Prüfungen, Anhörungen, Begehungen) das heraus, was für das Gedächtnis der Organisation (Gerichte, Universitäten, Aufsichtsräte, Forschungsförderinstitutionen) die Vergangenheit gewesen sein wird, auf die man sich in Zukunft bezieht.

Zum einen ist das Protokoll eine Kultur- und Medientechnik der Organisation: Nach dem Muster des Spanischen Hofzeremoniells regelt es die öffentlichen Begegnungen und Abläufe auf Ebene der Regierungen, Außenministerien und Staatspräsidenten; deren interne Unterredungen und Verhandlungen hält es zugunsten eines Ergebnisses oder zumindest in Form ihres Verlaufs fest; und nicht zuletzt reguliert es die Interaktionen zwischen den Exponenten politischer Herrschaft und den Funktionsträgern der Bürokratie. Derart führt das Protokoll weit zurück in die Geschichte der Regierungskünste und Verwaltungspraktiken.  

Zum anderen hat sich das Protokoll im Bereich digitaler Netzwerke zu einem soziotechnischen Hybrid weiterentwickelt, das Verbindungen herstellt, anstehende Aufgaben signalisiert und abgeschlossene Operationen festhält oder, an der Schnittstelle von Menschen und Maschinen, elektronische Begrüßungen, Weiterleitungen und Verabschiedungen regelt. Das TCP/IP ist für das Internet zu einer Grundlage in all seinen funktionalen Belangen geworden. Digitale Internet-Protokolle machen darauf aufmerksam, wie sehr auch Ablaufprotokolle etwas Algorithmenhaftes an sich haben. Man könnte daher auch von der Technisierung von Interaktion durch Protokolle sprechen.

In beiden Fällen, dem kulturtechnischen und dem soziotechnischen, geht es um die Orchestrierung von Abläufen und Entscheidungsfindungen. Sogar die bei Einleitung thermonuklearer Schläge vorgeschriebenen Protokolle könnten – als sozusagen letzter formalisierter Ablauf einer Militärverwaltung – hierhergehören. »Internet-Protokolle« und »Technische Protokolle« im Allgemeinen kondensieren handlungsleitende Regeln, deren dynamische Aspekte genauso zu erkunden wären wie die von diplomatischen oder bürokratischen Protokollen. Funktionslogisch gedacht, könnte es sich in allen drei Fällen um formalisierte Antworten auf das Entscheidungsproblem handeln. Protokolle stellen somit sicher, dass etwas entschieden wird. 

Die Ergebnisse der Tagung (s.u.; hinzu kommen Wissenschafter:innen, die verhindert waren) sollen 2022 als Band 2 der AdminiStudies im Print und mit Open Access erscheinen.

Peter Plener, Niels Werber, Burkhardt Wolf


Vortragende & Themen:

Peter Plener, Niels Werber, Burkhardt Wolf: Protokolle. Einleitungen
Andreas Bähr: Punkte und Linien. Zum Sünden-Protokoll in Ignatius von Loyolas Exercitia spiritualia
Tobias Nanz: Das diplomatische Protokoll
Anna Weichselbraun: Bedingungen der Analyse des diplomatischen Protokolls
Peter Becker: Protokolle und die Steuerung von Entscheidungsprozessen. Die Kabinettskanzlei und der Schreibtisch des Kaisers
Stephan Kurz: Protokolle (des cisleithanischen Ministerrats 1848–1918) edieren
Therese Garstenauer: »… für die aufmerksamen Zuhörer eine Pein, für die unaufmerksamen ein Schlafmittel«. Funktionen des Protokolls in Disziplinarakten öffentlich Bediensteter
Nina Franz: Über das Protokoll hinaus. Kontingenz und Kontrolle als (militärische) Phantasmen der Automation
Burkhardt Wolf: ›Prot. auf‹. Kafkas Mitschriften der Bürokratie
Heinz Drügh: Wenn des Liedes Stimmen schweigen von dem überwundnen Mann – zur Geste des Protokolls
Maren Lehmann: Die Eitelkeit der Organisation. Oder: Vor- und Mitschriften. Über Unterordnung
Thomas Eder: Protocol Analysis. Materialien zu einer Kritik
Roland Meyer: Everything that happens to a photo. Über analoge und digitale Protokolle der Bildlogistik
Niels Penker: Fiktion, Archiv, Funktion. Über Die Protokolle der Weisen von Zion
Jonas Mirbeth: »Daß Protokolle dessen, was in den Fachbereichsratssitzungen geschieht, […] in sämtliche Institute gelangen«. Eine Neubestimmung Klaus Heinrichs früher Dahlemer Vorlesungen