Telefonanalyse

Wie der Analysierte alles mitteilen soll, was er in seiner Selbst­beobachtung erhascht, mit Hintanhaltung aller logischen und affek­tiven Einwendungen, die ihn bewegen wollen, eine Auswahl zu treffen, so soll sich der Arzt in den Stand setzen, alles ihm Mitgeteilte für die Zwecke der Deutung […] zu verwenden, ohne die vom Kranken aufgegebene Auswahl durch eine eigene Zensur zu er­ setzen, in eine Formel gefaßt: er soll dem gebenden Unbewußten des Kranken sein eigenes Unbewußtes als empfangendes Organ zuwenden, sich auf den Analysierten einstellen wie der Receiver des Telephons zum Teller eingestellt ist. Wie der Receiver die von Schallwellen angeregten elektrischen Schwankungen der Leitung wieder in Schallwellen verwandelt, so ist das Unbewußte des Arztes befähigt, aus den ihm mitgeteilten Abkömmlingen des Unbewußten dieses Unbewußte, welches die Einfälle des Kranken determiniert hat, wiederherzustellen.

S. Freud: Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung [1912]

Freud beschreibt den Psychoanalytiker wie ein (drahtlos empfangendes) Telefon wie einen (elektrisch betriebenen) Phonographen; es wird empfangen und aufgezeichnet und dechiffriert.

Kafka sieht das zehn Jahre später mindestens so aufgeladen und den Übertragungsmodus als noch unmittelbarer gegeben; das Unbewusste und die Geister als die »Gegenseite« im Apparat:

Die Menschheit […] hat, um möglichst das Gespenstische zwischen den Menschen auszuschalten und den natürlichen Verkehr, den Frieden der Seelen zu erreichen, die Eisenbahn, das Auto, den Aeroplan erfunden, aber es hilft nichts mehr, es sind offenbar Erfindungen, die schon im Absturz gemacht werden, die Gegenseite ist soviel ruhiger und stärker, sie hat nach der Post den Telegraphen erfunden, das Telephon, die Funkentelegraphie. Die Geister werden nicht verhungern, aber wir werden zugrundegehen.

F. Kafka → M. Jesenská, 03/1922

Sehr viel später wird auch Jacques Derrida diese Idee aufgreifen und die Gespenster in den Apparaten ansprechen:

Ich habe versucht, ihr [einer Studentin; Anm.] zu erklären, dass die Erfahrung von Geistern anders, als man zunächst denken würde, nicht an eine vergangene Epoche der Geschichte oder an die Landschaft schottischer Herrenhäuser etc. gebunden ist, sondern im Gegenteil durch jene Techniken verstärkt und beschleunigt wurde, über die wir heute verfügen, wie den Film, das Fernsehen oder das Telefon. Diese Techniken leben in gewisser Weise von einer geisterhaften Struktur.

Jacques Derrida: Geistertanz. In: Ders.: Denken, nicht zu sehen. Schriften zu den Künsten des Sichtbaren. 1979–2004. Hg. v. Ginette Michaud, Joana Masó u. Javier Bassas. Übers. V. Hans-Dieter Gondek u. Markus Sedlaczek. Berlin: Brinkmann & Bose 2017, S. 262–268, hier S. 262.

Kafka wusste somit schon zur Zeit von Freuds Telefonanalyse zu schreiben, dass etwas in den Apparaten, diesen Telefonen, sei, das (unmittelbar körperlich) Auswirkungen habe – das dann auch über das Rauschen hinausgeht:

Der Onkel öffnete die nächste dieser Türen und man sah dort im sprühenden elektrischen Licht einen Angestellten gleichgültig gegen jedes Geräusch der Türe, den Kopf eingespannt in ein Stahlband, das ihm die Hörmuscheln an die Ohren drückte. Der rechte Arm lag auf einem Tischchen, als wäre er besonders schwer und nur die Finger, welche den Bleistift hielten, zuckten unmenschlich gleichmäßig und rasch.

Franz Kafka: Der Verschollene [verf. 1911–1914]

Die Telefone ermöglichen die Gleichschaltung:

die gleichen Meldungen, wie sie dieser Mann aufnahm, wurden noch von zwei anderen Angestellten gleichzeitig aufgenommen und dann verglichen, so daß Irrtümer möglichst ausgeschlossen waren. […] Mitten durch den Saal war ein beständiger Verkehr von hin und her gejagten Leuten

Franz Kafka: Der Verschollene [verf. 1911–1914]