Weltordnung

[U]nd plötzlich stellte sie die Behauptung auf, das wahre Österreich sei die ganze Welt. […] Ein Größer-Österreich, ein Weltösterreich, darauf habe sie in diesem glücklichen Augenblick Se. Erlaucht gebracht, das sei die krönende Idee, die der Parallelaktion bisher gefehlt habe.

Musil: MoE. [Kapitel 43] GA Bd. 1, S. 277.

Diotima findet im Pausengespräch der ersten Sitzung der »Parallelaktion« zu einem Thema (wesentlich, weil der Industrie-Preuße und Geistesmechaniker Arnheim in den Kreis derselben aufgenommen werden soll, auch wenn seine Staatsbürgerschaft der österreichischen Kaiserbürokratie zumindest verdächtig ist), dem sie sozusagen offiziell nach Wiederaufnahme der Sitzung in Form eines veritablen Unterschleifs die nächste einschlägige Sentenz folgen lässt:

Se. Erlaucht habe mit Recht bemerkt, daß eigentlich schon die Hohen Ministerien eine Einteilung der Welt nach ihren Hauptgesichtspunkten wie Religion und Unterricht, Handel, Industrie, Recht und so weiter darstellen.

Musil: MoE. [Kapitel 44] GA Bd. 1, S. 284.

Dem Grafen Leinsdorf bleibt nur, in seiner abschließenden Wortmeldung (die zudem den innerlichen Marschtritt, den die meisten Anwesenden im Gefolge von General Stumme »Friedens«-Rede ins preußische Lage und sodann in den Krieg setzen wollen, zu einem Gänsemarsch ins Unbestimmte abschwächen soll), eine mögliche gedankliche Leitplanke anzudeuten, um eine »Anpassung des Plans an die Welt nach den Hauptgesichtspunkten der Ministerien« auf die Agenda zu bringen.

Ob nun die Welt die Hauptgesichtspunkte der Ministerien bestimme oder sie nach den ministeriellen Hauptgesichtspunkten eingeteilt sei – es zeichnet sich doch eine Weltordnungsidee ab, die ein Größer-Österreich mit preußischer Anteilnahme ventiliert. Das allerdings hat durchaus eine Parallele in der Wiener Weltausstellungskonzeption von 1873, als vom 1. Mai bis 2. November 1873 es nicht nur um den »Schwarzen Freitag« (acht Tage nach der Eröffnung) und einen gewaltigen Börsenkrach ging (1,5 Mrd. Gulden Insolvenzschäden), im Frühsommer eine Cholera-Epidemie ausbrach (knapp 3.000 Tote) und das Defizit in für das weltausstellende 19. Jahrhundert einsame Rekordhöhen stieg (ein Minus von knapp 15 Mio. Gulden). Über die Sehsüchte einer Weltausstellung, dieser von 1873, wurde vom Verf. schon mehrfach geschrieben (hier [.pdf], hier und 2014 im Katalogband zur Ausstellung »Experiment Metropole« des Wien Museums, S. 126–133, der in toto den besten Überblick zu geben vermag).

Bemerkenswert erscheint vielmehr eine Weltordnungsklammer, denn Cis- und Transleithanien stellten getrennt aus, beide Reichshälften waren bestrebt, sich vor der Welt und v.a. vor ihren Untertanen als zwei eigenständige Nationen zu präsentieren: Die Besucher wurden einer Gliederung der Sektoren nach sehr spezifischen geographischen Aspekten ansichtig, die Welteinteilung schlug sich architektonisch nieder. Die Welt wurde zur Scheibe, konzentrisch-geographisch um den Mittelpunkt Deutschland-Öster- reich geordnet durfte sich der Rest präsentieren – über allem, an der Spitze der Wiener »Rotunde« (mit 84 Metern Höhe damals der größte Kuppelbau der Welt), ruhte unverrückbar die Krone des österreichischen Kaisers, ›seine‹ Rotunde wurde zum Welt-Schutzmantel über alles und für jeden.

Je nachdem, ob sich die teilnehmenden Nationen auf der Weltkarte westlich oder östlich von Wien befanden, wurden ihre Abteilungen an der einen oder der anderen Seite der Rotunde errichtet. Je weiter die Länder geographisch von Wien entfernt waren, desto weiter auch vom architektonischen Zentrum der Ausstellung, das Österreich und Deutschland besetzten.

Rapp, Christian: Die Welt im Modell. Weltausstellungen im 19. Jahrhundert. In: Fillitz, Hermann (Hg.): Der Traum vom Glück. Die Kunst des Historismus in Europa. Bd. 1. Wien: Künstlerhaus 1996, S. 45–51, hier S. 48

Veranschaulicht:

Die Anordnung im Rotundengebäude wie folgt:

Das wahre Österreich ist die ganze – teilglobalisierte und nach Maßstäben des Jahres 1873 kapitalisierte – Waren-Welt, in ihrem Zentrum aber, umfangen und gekrönt vom Kaiser selbst, stellen Österreich und Preußen, Diotima und Arnheim, das Zentrum dar, das in sich ruhen möge.