Messerschalter und Maschinenmensch

Wie auf Twitter in einem kleinen Thread dargestellt, ließ bzw. lässt sich die Frage stellen (einerseits aufgrund der zeitlichen Koinzidenz, andererseits aufgrund eines spezifischen Aufrufs des Prothetik-Themas), ob Marshall McLuhan eigentlich Thomas Pynchon gelesen hat. Die zitierte Passage aus Pynchons »V.« (EA 1963, Ü: Dietrich Stössel, Wulf Teichmann) lautet:

»Ein anderer Zeitvertreib Fergus’ war das Fernsehen. Er hatte einen raffinierten Schlaf-Schalter konstruiert, der von zwei Elektroden, die unter der Haut seines Unterarms angebracht waren, gesteuert wurde. Fiel seine Aufnahmefähigkeit unter einen bestimmten Wert, wurde der Hautwiderstand so hoch, daß der Schalter reagierte. Damit war Fergus ein Zusatzgerät des Fernsehapparats geworden.«

McLuhan veröffentlichte ein Jahr danach »Understanding Media. The Extensions of Man«, mit dem die Rede von Freuds »Prothesengott« – »Der Mensch ist sozusagen eine Art Prothesengott geworden« (Das Unbehagen der Kultur, 1930) – in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg eintreten kann. Die Digitalisierung, die im Ersten Weltkrieg begann, hatte zwanzig Jahre nach dem Ende des WK-Zwo ganz neue Ausmaße erreicht (Stichworte: Codeknacken, Atombombe, die Arbeit an Netzwerken wie das wenige Jahre später entstandene ARPANET [Advanced Research Projects Agency Network] et cetera), das Bild vom Menschen war vielfach neu aufbereitet worden, die Medien und ihre Verbünde wie Zugänglichkeiten und Produktionsbedingungen hatten sich umfassend geändert. McLuhan setzt nun an den Beginn seines »Understanding Media«, nachdem er 1962 die »Gutenberg-Galaxis« (wohl ohne jene Turings zu erahnen) aufgearbeitet hatte, ein Zitat aus der New York Times vom 7. Juli 1957, als James Reston geschrieben hätte:

Ein Direktor des Gesundheitsdienstes … berichtete diese Woche, daß eine kleine Maus, die vermutlich ferngesehen hatte, ein kleines Mädchen und eine ausgewachsene Katze angegriffen habe … Katze und Maus blieben beide am Leben, und der Vorfall wird hier erwähnt, um daran zu erinnern, daß manche Dinge sich zu ändern scheinen.

»[…] a reminder that things seem to be changing.« – McLuhan wie schon Reston geben mit dieser in Lücken brillierenden Anekdote (die Kleist und Kafka gefallen hätte, Ecos Lector in fabula nickt…) keinen Aufschluss darüber, weshalb vermutet werden kann, dass die Maus (Micky?) ferngesehen hätte (auch wird nicht geklärt: was eigentlich mit dem kleinen Mädchen geschah). Es geht darum, dass die Dinge sich auf rätselhafte Weise ändern und dies unmittelbar mit Medienkonsum in einem Zusammenhang stünde.

Dies als Nebenverweis – doch gehe es nun um die Prothese, die Pynchon 1963 als eine Art Remote Control entwirft und der er subkutan den Auslöser zuordnet. Dieselbe hat eine analoge Vorstufe – und doch ist in dieser bereits alles für den neuen Automatenmenschen angelegt.

Auf Thomas Pynchons Kurzgeschichte »Under the Rose« (erstmals im Mai 1961 erschienen; dt. »Unter dem Siegel« – in: Spätzünder, Rowohlt, 3. Auflage 2009, Ü: Thomas Piltz) wurde bereits hier hingewiesen, betreffend den vorgetragenen Zusammenhang dieser Begebenheit mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Die Erzählung aus dem Agentenmilieu (die Pynchon um 1900 spielen lässt, mutmaßlich 1898)  ließe gewiss auch zahlreiche Querverbindungen zu Eva Horns  »Der geheime Krieg. Verrat, Spionage und literarische Fiktion« (2007) festmachen, hier und nun sei jedoch die Beschränkung auf eine Pynchoneske Intertextualität und die Entwicklung einer Figur gegeben.

Die beiden gegeneinander operierenden Agenten Porpentine und Bongo-Shaftsbury sind in einem Zugabteil zum Showdown bei den Pyramiden unterwegs, noch gibt man sich friedlich (so sehr die Nerven angespannt sind). Letzterer spricht ein kleines Mädchen auf Puppen an, ob sie die mechanischen kenne:

›So entzückende Puppen, mit einem Uhrwerk im Inneren. Puppen, die alles ganz perfekt machen, wegen der Mechanik. Überhaupt nicht wie die wirklichen kleinen Jungs und Mädchen. […] Diese Puppen sind viel netter. […] Möchtest du mal eine sehen[?]‹ Allmählich ging es zu weit. Denn der Mann sprach zu Porpentine, er benutzte das Mädchen nur. Aber wozu? Hier war etwas faul. ›Haben Sie denn eine mit?‹ staunte sie, verschüchtert. […] Der lächelte: ›Aber immer!‹ Worauf er einen Ärmel seiner Jacke hochschob und den Manschettenknopf löste. Er begann, den Hemdsärmel hochzukrempeln. Dann schleuderte er seinen Unterarm mit der nackten Innenseite nach oben vor das Gesicht des Mädchens. […] Schimmernd und schwarz gegen das schattenbleiche Fleisch war ein winziger elektrischer Schalter zu sehen, einaderig, zwei Kontakte, säuberlich in die Haut eingenäht. Dünne Silberdrähte liefen von den Anschlußklemmen den Arm hinauf und verschwanden unter dem Ärmel. [/] Die Jugend akzeptiert das Schreckliche oft leichten Herzens. Doch Mildred begann zu zittern. ›Nein‹, sagte sie, ›nein: Sie sind keine Puppe.‹ [/] ›Aber sicher bin ich eine‹, protestierte Bongo Shaftsbury lächelnd, ›Mildred. Diese Drähte führen hinauf in mein Gehirn. Wenn der Schalter so steht wie jetzt, dann handle ich so wie jetzt. Wenn er dagegen umgelegt wird –‹ [/] Das Mädchen schrak zurück. ›Papa‹, rief sie. [/] ›Alles funktioniert elektrisch‹, erklärte Bongo-Shaftsbury mit gleisnerischer Stimme: ›Und es ist einfach – und sauber.‹ [/] ›Schluß damit‹, sagte Porpentine. [/] Bongo-Shaftsbury wirbelte zu ihm herum. ›Aus welchem Grund?‹, flüsterte er. ›Warum? Wegen ihr? Sie sind gerührt von ihrer Angst, stimmt’s? Oder geht es um Euch selbst?‹

Bongo-Shaftsbury wird Porpentine später (wir schreiben ungefähr 1898 bzw. 1961) liquidieren und in »V.« (ungefähr 1956 bzw. 1963) wieder namentlich auftauchen. Nun aber ist es nicht mehr (wiewohl ganze Passagen wie ein textiertes Echo von »Under the Rose« sich ausnehmen), der an den Drähten hängt, sondern besagter Fergus, wie eingangs zitiert, der mit dem Fernsehgerät unmittelbar verschaltet ist, dass er geradezu »ein Zusatzgerät des Fernsehapparats geworden« ist. Wenn hier nun festgestellt wurde, dass die Geschichte aus 1961 demgegenüber eine deutlicher analoge Vorstufe dieser Schaltung bringt, so ist das natürlich nur bedingt richtig. Immerhin ermöglicht die Vorrichtung dort nur die Inbetriebnahme einer Stichwaffe:

Er öffnete die Augen, um Bongo-Shaftsbury zu beobachten, der in ein Buch vertieft war: Sidney J. Webbs Industrial Democracy. Porpentine zuckte die Achseln. Vorbei die Zeit, da seine Berufskollegen sich das Handwerk in der Praxis angeeignet hatten: die Geheimcodes kennengelernt hatten, indem sie sie knackten; die Zollbeamten, indem sie ihnen durch die Maschen schlüpften; und manche ihrer Gegenspieler, indem sie sie töten. Die Nachkömmlinge lasen Bücher: junge Bürschchen, vollgestopft mit Theorie und (zu diesem Schluß war er gekommen) einem Glauben an nichts außer der Perfektion ihrer eigenen, inneren Maschinerie. Er zuckte zusammen, erinnerte sich an den Messerschalter, der an Bongo-Shaftsburys Arm befestigt war wie ein bösartiges Insekt.

– aber de facto erfolgt bereits in der 1898/1961er Shortstory ein Vorgriff auf die Cyborg-Bot-Anspielung des 1956/1963er Romans. Donna Haraway und McLuhan in allen Ehren: die Maschinenmensch-Applikation hat dann jeweils schon begonnen (Schach spielende Türken und mechanische Enten beiseitegelassen – eher schon so etwas).

Im Film kommt die alte Weisheit, dass es gut sei, stets zumindest ein Ass im Ärmel zu haben, Travis Bickle in »Taxi Driver«, James Bond in »Moonraker« oder auch Sex Machine in »From Dusk till Dawn« (wobei der seine Kanone nicht im Ärmel hat) bis zu einem gewissen Grad zupass. Bei Pynchon sind es bereits so lautlose wie effektive Verschaltungen, werden Medien und »Theorie« angeschlossen, wird der »Glauben an nichts außer der Perfektion ihrer eigenen, inneren Maschinerie« herausgestellt. Die Auslöser reagieren aufgrund von Körperfunktionen, lange vorbereitet und nunmehr auch technisch funktional. Die Industrial Democracyund die Digitalisierung übernehmen.

Verweise:

1. Bilder, Fließbänder und Formen der Ordnung

2. Universalsprache II, Vernetzung und Antrieb

3. Aus der Flasche in die Welt

4. Gleichstrom und -schaltung