Thomas Pynchon @ WK-Eins

In seiner Kurzgeschichte »Under the Rose« (erstmals im Mai 1961 erschienen; dt. »Unter dem Siegel« – in: Spätzünder, Rowohlt, 3. Auflage 2009) erzählt Pynchon eine Agentengeschichte in Nordafrika, die um 1900 und räumlich in Libyen und Ägypten situiert ist. Nicht unwesentlich mag auch sein, dass es um eine Art Vorgeschichte zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs geht. 

»Moldweorps* [für die deutsche Seite arbeitend; Anm.] Hauptvergnügen, sinnierte Porpentine** [für die englische Krone zugange; Anm.], war es immer gewesen, die Feuer zu schüren. Alles, was er erreichen wollte, war die Zwangsläufigkeit eines Krieges. Nicht eines kleinen, beiläufigen Scharmützels im Rennen um die Aufteilung Afrikas, sondern des einen, großen Hip-hip-, Jolly-ho-, Nun-platzt-der-Ballon-Harmagedon für ganz Europa.« (Unter dem Siegel; In: Spätzünder, S. 130)

Die Erzählung findet sich nach diversen Wiederabdrucken in einem Band mit »Frühen Erzählungen«, die von Thomas Piltz (der nicht nur die hier angesprochene Kurzgeschichte übertrug, sondern etwa auch mit Elfriede Jelinek »Gravity‘s Rainbow« übersetzte) und Jürg Laederach ins Deutsche übertragen wurden. Diesen steht – wie im englischsprachigen Original »Slow Learner« – ein Vorwort Pynchons voran, in dem dieser zwischen Selbstironie und Ernsthaftigkeit, unter Rückgriff auf eigene Darstellungen seiner frühen Schreibarbeiten (mithin auch kontroversielle Theoreme wie jene Lejeunes und de Mans zum Autobiographischen Pakt und wie er À rebours zu lesen sei so präzise wie vorsätzlich bedienend), Formen der Kritik an diesen seinen frühen Textarbeiten übt. Dabei gibt er sich hinsichtlich »Unter dem Siegel« »nicht ganz so unglücklich wie mit den früheren Geschichten.« 

Sei es wie es sei – wir stehen knapp vor dem Ersten Weltkrieg, die Spione sind in Nordafrika und a.a.O. losgelassen und es geht auch um »die Frage, die im Hintergrund der Erzählung steht – ist die Historie persönlich oder statistisch?« (Vorwort; In: Spätzünder, S. 28); in Pynchons Geschichte selbst geht es jedenfalls auf einer Ebene wesentlich darum, ob der Weltenbrand sich effektiv zünden lässt – oder ob die brennende Lunte sich ausdämpfen lässt. Moldweorp will das Feuer entfachen, Porpentine ebendies unterbinden.

Im Vorwort stellt Pynchon auch fest:

»Meine Lektüre schloß zu dieser Zeit auch viele Viktorianer ein, wodurch der Erste Weltkrieg in meiner Phantasie die Gestalt jenes attraktiven Ärgernisses annehmen konnte, das spätpubertären Gemütern so teuer ist: der apokalyptische Showdown.« (ebd.) 

Das ist die wohl genaueste, präziseste Beschreibung dessen (er mag sie noch so selbstkritisch und vorrangig gegen sich gewendet sehen wollen), was den publizistischen Auftakt des WK-Eins historisch tatsächlich mitprägte: es ging um eine zu verkündende, kraftvoll dargebotene Attraktion; der Eintritt in einen großen Krieg wurde als Befreiung suggeriert – dieser Spin (der sich in Österreich-Ungarn wesentlich durch die Arbeit des k.u.k. Kriegspressequartiers ergab, nach erfolgreicher Kriegstreiberei durch Minister Berchtolds Kriegstreiberpartie im Außenministerium) jedoch wesentlich nur von einer Bevölkerungsgruppe getragen: dem Bürgertum, der Bourgeoisie. Die Arbeiter und Bauern wussten viel genauer, was auf sie zukam und sie saßen auch nicht in den Kriegspressequartieren, sondern lagen in den Schützengräben. Und so wie etwa auch ein Stefan Zweig keineswegs pazifistisch-unschuldig diese Jahre im WK-Eins durchstand, so haben er und hunderte anderer seiner medial-öffentlich wirksamen Kollegen von einer begeisterten Bevölkerung geschwärmt (ein bis heute wirkungsmächtiges Dispositiv entworfen) und im polit-medialen Komplex den Durchlauferhitzer Propaganda angeworfen. Eben jene aus der Bildung und den Ideologemen des 19. Jahrhunderts entstammenden Kulturwutbürger konnten ihre Fantasie ebenso befeuern  wie »die Gestalt jenes attraktiven Ärgernisses annehmen« lassen, »das spätpubertären Gemütern so teuer ist: der apokalyptische Showdown«.***

Die Lust dieser geistigen Pyromanen, endlich und nach viel zu vielen Jahren des Friedens ein Realschießen aus sicherer Entfernung mitzugestalten, das dann »Krieg« genannt werden konnte, war entgegen diesen materiellen Bedingungen groß genug, um zu zünden. Ein »Hip-hip-, Jolly-ho-, Nun-platzt-der-Ballon-Harmagedon für ganz Europa«-Ding: darunter machten sie es nicht.

(Porpentine muss klarerweise sterben;**** und sein Partner Goodfellow? »Sechzehn Jahre später war er natürlich in Sarajevo, lungerte zwischen Menschenmengen, die den Erzherzog Ferdinand erwarteten. Gerüchte von einem Attentat, ein möglicher Zündfunken für die Apokalypse. Er mußte zur Stelle sein, um sie zu verhindern, wenn er konnte.« [Unter dem Siegel, S. 167f.])

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* »Der Name Moldweorp ist Altgermanisch für ›Maulwurf‹ – das Tier nicht der Infiltrator.« (Vorwort; In: Spätzünder, S. 29)

** »Aufmerksame Fans von Shakespeare werden bemerken, dass der Name Porpentine aus Hamlet, erster Akt, fünfte Szene entlehnt ist. Es handelt sich um eine frühe Form von porcupine gleich ›Stachelschwein‹.« (ebd.) 

*** Karl Kraus wird zu den gewählten Mitteln im Mai 1918 feststellen: »Die Unvorstellbarkeit der täglich erlebten Dinge, die Unvereinbarkeit der Macht und der Mittel, sie durchzusetzen, das ist der Zustand, und das technoromantische Abenteuer, in das wir uns eingelassen haben, wird, wie immer es ausgeht, dem Zustand ein Ende machen.« (Das technoromantische Abenteuer. In: »Die Fackel« H. 474–483 v. Mai 1918, S. 41–45, hier S. 45; Hervorhebungen im Original.) Kraus‘ Text handelt von alten Phrasen und neuen Techniken, von der Unvorstellbarkeit der modernen Kriegsführung und einem Sprachgebrauch, der einer frisierten Mythologie sich begibt, bei der »das Schwert gezogen« und ein Feind »enthauptet« wird; eine Sprache und damit effektiv Handlung, bei der vorgestellte Bestiarien und Schurken zugerichtet werden. Kraus geht es um eine Verkennung der Realität der Maschinengewehre, Tanks, Artillerien und Giftgase durch die Sprachführung.

**** »konnte sich nur verfluchen, daß er noch so sehnlich an einen Zweikampf nach den Regeln des Duells glauben wollte, selbst noch in dieser Phase der Historie. Aber sie hatten sich – nein: es hatte sich nicht an diese Spielregeln gehalten. Nur an Wahrscheinlichkeiten, an Statistik. […] Die Glockenkurve ist die Funktion, die eine Gaußsche Normalverteilung beschreibt. Unsichtbar hängt ein Klöppel unter ihr. Er schlug Porpentine (der es erst dunkel ahnte) das Totengeläut.« (Unter dem Siegel, S. 164)