Aktion Landmaus

Fritz Morstein-Marx übersetzte 1959 seine Abhandlung The Administrative State. An Introduction to Bureaucracy (Chicago: University of Chicago Press 1957) ins Deutsche:
Einführung in die Bürokratie. Eine vergleichende Untersuchung über das Beamtentum. Neuwied: Luchterhand 1959 – einleitend und perspektivisch siehe hier. Im abschließenden zehnten Kapitel – Perspektiven – erscheint uns do. wie ho. der zweiteilige Abschnitt »Auswirkungen der technischen Entwicklung« bemerkenswert; zweiterer »Aktion Landmaus« getitelt.

»Aktion Landmaus«

José Clemente Orozco: The Epic of American Civilization (1932–1934) – Panel 12: The Machine [Dartmouth College, Library]

Neue Lösungen auf dem Gebiet der Verwaltungstechnik werden sich auch zwangsläufig aus einer andern Tatsache entwickeln. Fast alle Völker sehen sich heute vor die drohende Frage gestellt, wie sie sich am besten auf das Unheil eines thermonuklearen oder mit ähnlich verwüstenden Mitteln unternommenen Angriffs [cf. M. Bense; ☞ FN/Anm. 1] vorbereiten können. Hier müssen wir mit der Voraussetzung beginnen, daß der Begriff der Hauptstadt schon vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges in jeder Hinsicht hinfällig war. Zweifellos werden halbe Maßnahmen das Interesse der öffentlichen Meinung anziehen, während die Menschheit sich um eine klare Erfassung der Gefahr bemüht. Wenn man aber nicht von vornherein annimmt, daß die Katastrophe jenseits aller wirksamen Verteidigungsplanung liegt, so bleibt doch verzweifelt wenig Wahl. Die verständigste Schlußfolgerung mag sein, nur eine einzige Formel als praktisch anzuerkennen – nämlich vollständige Streuung der Staatsorgane als eine normale, für Friedenszeiten gedachte Arbeitsmethode der öffentlichen Verwaltung. [cf. Paul Barans Netzwerktheorie v. 1964 ff.; FN/Anm. 2] Das würde bedeuten, daß die leitenden und planenden Zentralstellen ebenso wie auch die Mittel- und Unterbehörden aufgelöst und auf das ganze Land verteilt werden müßten (daher der Name »Aktion Landmaus«). Weit von der nächsten Landstraße würde beispielsweise der Wanderer auf eine Waldlichtung stoßen und dort an einem Drahtgitter die Anschrift »Paßabteilung, Außenministerium« lesen.
Unter solchen Umständen wird es zwangsläufigerweise zu vielen Veränderungen in den vertrauten Formen des Verwaltungsbetriebs kommen. Gewöhnlich wird es nicht mehr möglich sein, die Mittagspause zu einer geruhsamen Erörterung der laufenden Geschäfte mit dem Gegenspieler in einer anderen Behörde oder selbst in einer anderen Abteilung der eigenen Behörde zu benutzen. Denn der Gegenspieler kann sich 500 Kilometer entfernt befinden. Eine Konferenz, die tatsächlich die Beteiligten in einem und demselben Raum zusammenbringt, wird ein ungewöhnliches Ereignis darstellen. Anders ist es nur für die kleine Zahl derer, die sich am gleichen Platz befinden. Da die verschiedenen Abteilungsleiter normalerweise an verschiedenen Orten tätig sind, wird sich für sie keine Gelegenheit bieten, auf einige Minuten mit dem Behördenchef zusammenzukommen, um ihn über diesen oder jenen Punkt aufzuklären oder um seine eigene Auffassung über Dinge zu hören, für die eine Richtlinie in Eile erforderlich ist. Aber Verfeinerungen des Mitteilungswesens werden zum großen Teil den Verlust der physischen Nähe ausgleichen. So werden zum Beispiel Sitzungen über große Entfernungen unter Benutzung von Schreibtischapparaten abgehalten werden, die nicht nur die Stimme übermitteln, sondern auch das Gesicht jedes Sprechers zeigen. Jeder wird es als besonders nett empfinden, daß bei dieser Art von Sitzung ein Beteiligter ungehemmt gähnen kann, wenn er sich schweigend verhält und so sein Ebenbild nicht sichtbar wird.
Aber selbst die »Aktion Landmaus« wird die Grundelemente der Verwaltung, wie sie uns heute vertraut sind, in Aufbau und Verfahren unberührt lassen. Die von einer Entscheidungsebene zur anderen aufsteigende Gliederung der Machtbefugnisse wird weiterleben, obwohl viele zwischengeschaltete Kontrollinstanzen als unproduktiv und betriebsbelastend aus dem Wege geräumt sein mögen. Die Zahl der notwendigen Spezialisierungen wird andererseits erheblich zugenommen haben, und jede wird sich durch noch größere Enge und insofern durch noch größere Selbstgenügsamkeit als heute auszeichnen. In der Zusammenfassung dieser Spezialisierungen zur Erreichung weit ausholender Programmziele wird es in weit größerem Umfang als selbst in der Gegenwart der geschulten Fähigkeit Zur Planung, Leitung und Einordnung bedürfen. Das schließt die Fähigkeit in sich, alle Teile der behördlichen Arbeit in ihrer Beziehung auf das Ganze zu erfassen, das notwendige Maß an Einheit in der Betriebsgestaltung zu erreichen und einen lebendigen Verantwortungssinn zu entwickeln. Diese unentbehrlichen Eigenschaften werden auch weiterhin in der Verwaltungsordnung sehr gefragt bleiben. Das gleiche gilt für das besondere Vorstellungsvermögen, das es allein ermöglicht, sich einerseits den Arbeitsrhythmus eines riesenhaften und komplizierten Apparats ins Bewußtsein zu rufen und andererseits die unbedingte Unterwerfung der Verwaltungstätigkeit unter das Gemeinwohl zu erstreben.
Im Ergebnis darf man so einer ununterbrochenen und weitreichenden Einwirkung der technischen Entwicklung auf die öffentliche Verwaltung entgegensehen. Das wird zweifellos zahlreiche Wandlungen in allen Phasen des Geschäftsgangs zur Folge haben. So wird sich die institutionelle Welt in vielen Einzelheiten verändern. Aber es ist unwahrscheinlich, daß das neue Verwaltungsbild dem Praktiker unserer Tage unverständlich erscheinen könnte. Er mag sich mit Entzücken der Fülle von technischen Neuerungen zuwenden und sich an den überraschenden Lösungen ergötzen, die einfallsreichen Geistern in der Bewältigung von uralten Aufgaben in den Kopf gekommen sind. Aber wenn er genug herumgeschaut und die neue Luft nach Herzenslust gekostet hat, wird er sich mit der Schlußfolgerung beglücken, daß Bürokraten doch noch immer Bürokraten sind.

Fritz Morsten-Marx: »Aktion Landmaus«. In: Ders.: Einführung in die Bürokratie. Eine vergleichende Untersuchung über das Beamtentum [1957|. Neuwied: Luchterhand 1959, S. 213 f.


☞ Fußnote/Anm. 1: »Nicht die Erfindung der Atombombe ist das entscheidende technische Ereignis unserer Epoche, sondern die Konstruktion der großen mathematischen Maschinen, die man, vielleicht mit einiger Übertreibung, gelegentlich auch Denkmaschinen genannt hat. Diese Feststellung begründet sich auf der Tatsache, daß die Technik mit ihnen einen neuen Aufgabenbereich, fast möchte man sagen: einen neuen Sinn gewonnen hat.« (Max Bense: Vorwort. In: Louis Couffignal: Denkmaschinen. Mit einem Vorwort hg. v. Max Bense, übers. v. Elisabeth Walther. Stuttgart: Klipper 1955, S. 7–10, hier S. 7.)

☞ Fußnote/Anm. 2: Paul Barans unendliche Netze. Redundanz & Resilienz & RAND Corp.; insofern ist Morstein-Marx’ Ironie eben nur bedingt eine: in der US-amerikanischen Erstausgabe ist nicht von einer »Aktion Landmaus«, sondern – viel deutlicher an Planungsszenarien des militärisch-industriellen Komplexes entlanggeschrieben – von einer »Operation Scatterbrains« zu lesen. (Cf. Fritz Morstein-Marx: The Administrative State. An Introduction to Bureaucracy. Chicago: The University of Chicago Press 1957, S. 177–179, v.a. S. 178)