Bureau-Κράτος

Zu Bau und Überbau eines Stahlharten Gehäuses

Krátos bzw. Κράτος, Sohn von Pallas und Styx, lässt mit seiner Schwester Bia (Βία) im Auftrag Zeus’ – zumindest zufolge der Tragödie Der gefesselte Prometheus (um 470 vor der Zeitenwende; meist dem Aischylos zugeschrieben) – Prometheus an den Kaukasus schmieden. Der ausführende Hephaistos widersetzt sich zwar zunächst, doch Macht respektive Stärke und Gewalt zwingen den widerstrebenden Schmied, auf Befehl des olympischen Tyrannen, den Menschenfreund und Feuerbringer seiner Strafe zuzuführen (die Geschichte mit dem Adler, der sich an der stetig nachwachsenden Leber delektiert). Wissenschaft und Fortschritt, die Emanzipation des Menschen von der Natur werden mit der Zähmung des Feuers (Prometheus) verbunden, die Strafe der Götter und der herrschaftliche Anspruch auf eine fortgesetzte Unterwerfung des Menschen hingegen im Wortsinn mit Krátos. So wird er nebst anderen Herrschaftsformen der Wortschöpfung schließlich auch an jenen mit Stoff bezogenen Tisch (vom Wollstoff »burre« zu dessen Diminutiv »bureau« [☞ 1]) gebunden sein – gleichsam an den Schreibtisch gekettet –, derart bürokratisch [☞ 2] das Zentrum der Amtsstube [☞ 3] darstellend. Die Machtausübung ist an Vorgänge (Prozesse und Entscheidungen) auf einer Oberfläche angeschlossen. [☞ 4] Diese finden in der Fläche statt (sofern das im Raum passiert, wird für Linearisierung und Tabellierung Sorge getragen, der dreidimensionale Vorgang auf die zweidimensionale Ebene gebracht); sämtliche dieser Abläufe, Prozesse Beobachtungen zweiter Ordnung und Komplexitätsreduktionen und kulturtechnische Ausformungen des Handelns im Zeichen eines Futur zwo bedürfen eines Regelsystems, das es zugleich steuert und legitimiert. Selbstreferenz und Rekursionsfähigkeit sind die eigentlichen Betriebs- und Schmiermittel der Rechen-Herrschaft, der recht einfach als Maschine und Apparat (Vorstellungen von vereinheitlichtem Input, entsprechend der Betriebsanleitung gleichförmiger Produktion und vorhersagbarem Output) erscheinenden und derart deanthropomorphisierend beschreibbaren Einrichtung.


[1] Gloria Meynen: Büro. Diss masch. Berlin 2004. Der grobe Wollstoff lässt sich aufgrund seiner Struktur als ›Rechentuch‹ verwenden, auf dem etwa die Münzen gezählt werden; damit muss zwar nicht der Abakus an sich in Verwendung genommen werden muss, aber die Funktionalisierung der spezifischen Oberfläche als Rechenmaschine kann das Büro dennoch nicht entraten: »Auf der Rechentafel entsteht das Büro als Ort der Mechanisierung und als Ort der Routen und Routinen. Es verdankt sich der Ordnung der Zahlen« (Meynen 2004, 3). Die Bedeutung bzw. Zuschreibung kennt somit mehrere Übertragungen, vom Ausgangsmaterial über die Tabellierung zum Stoff, zur Tischbespannung, zum Tisch – der wegen der Notwendigkeit des Geldzählens und -wechselns in die Waagrechte gekippt wird – bis hin zum diesen umgebenden Raum. Mit der Materialität und den Oberflächen einerseits, mit den Operationen, Aufschreibe- und Speichersystemen sowie Handlungsregimen (Haftungs- und Verhaftungsregimen) entsteht das, was sich »Büro« nennen lässt. Unsicherheitsabsorptionen und Komplexitätsreduktionen.

[2] Zum Aufkommen des Begriffs, seiner Einschätzung und der Übertragung vom Französischen ins Deutsche (sowie zur Koppelung mit »Kritik«, einschließlich der erforderlichen Quellenlage) vgl. bündig Cancik, Pascale (2017): Zuviel Staat? – Die Institutionalisierung er »Bürokratie«-Kritik im 20. Jahrhundert, In: Der Staat, Vol. 56, No. 1 (2017), S. 1–38. Die Wortschöpfung wird Vincent de Gournay zugeschrieben; inhaltlich gesehen reicht gegen Verwaltungsinstitutionen und staatliche Regulative nebst Institutionen geäußerte Kritik selbstverständlich erheblich weiter zurück. Gournay soll von einer Krankheit namens »Büromanie« gesprochen, derart als Überreglementierungen des Handels empfundene Hemmnisse beim Geldverdienen gemeint, jedenfalls die »Bürokratie« als »vierte oder fünfte Staatsform« eingestuft haben. Cancik benennt auch »ein zentrales Dilemma des Sprechens über ›Bürokratie‹«, »das uns nicht mehr verlassen wird: Das labile Verhältnis von Analyse, Kritik und Ressentiment« (Cancik 2017, 6). Vgl. zur »›Bürokratie‹-Kritik« auch Küppers, Michael (2025): Mehr Bürokratie wagen, in: Merkur, 79. Jg., Nr. 911 (2025), S. 83–92; Küppers skizziert auch den Wandel von der Schmähung zur politischen Agenda.

[3] Und selbst – apropos Zusammenhänge und Verdichtung im Ausdruck – »Poseidon saß an seinem Arbeitstisch und rechnete«. (Franz Kafka 1920; 1936 von Max Brod aus dem Nachlass publiziert.) Götter- und Herrschaftsarbeit ist Paperwork. Dies bleibt noch eine Weile so, bis Alan Turings Universelle Maschine – ein disziplinierter Buchhalter, ausgestattet mit Bleistift, Radiergummi und Papierband (vgl. On Computable Numbers, with an Application to the Entscheidungsproblem, 1936) – zusammen mit Kempelens Schachtürken und Holleriths Lochkarten-Stanzerin in den Ruhestand tritt oder eines Tages der »Zettel mit Anweisungen‹ für den folgenden in Verstoß geraten sein wird: »Wir gehen […] davon aus, daß die Rechnung auf einem Band ausgeführt wird; aber wir vermeiden es, den ›Geisteszustand« einzuführen, indem wir ein physikalischeres und eindeutigeres Gegenstück in Erwägung ziehen. Für den Rechnenden ist es immer möglich, seine Arbeit abzubrechen, fortzugehen und alles zu vergessen, um später wiederzukommen und die Arbeit fortzusetzen. Wenn er dies tut, muß er einen Zettel mit Anweisungen (die in irgendeiner standardisierten Form abgefaßt sind) zurücklassen, aus denen hervorgeht, wie die Arbeit fortgesetzt werden soll. Diese Notiz ist das Gegenstück zum ›Geisteszustand‹. Wir werden unterstellen, daß der Rechnende auf eine so sprunghafte Art und Weise arbeitet, daß er nie mehr als einen Schritt während einer Sitzung bewältigt. Die Notiz mit den Anweisungen muß ihn in die Lage versetzen, einen Schritt auszuführen und die nächste Notiz zu schreiben. Auf diese Weise ist der Entwicklungsstand der Rechnung in jedem Stadium vollständig abhängig von dem Zettel mit den Anweisungen und den Symbolen, die auf dem Band stehen.« (Alan M. Turing: Über berechenbare Zahlen mit einer Anwendung auf das Entscheidungsproblem [1936]. In: Ders.: Intelligence Service. Schriften. Hg. v. Bernhard J. Dotzler u. Friedrich Kittler. Berlin: Brinkmann & Bose 1987, S. 17-60, hier S. 46.)

[4] Das sprichwörtliche Medium der Bürokratie ist keines: Akte/n sind wesentlich als Geschäftsvorgänge, Prozesse zu begreifen, kaum an ihrer Materialität oder einem einfachen Medienbegriff festzumachen. (Ungeachtet ihrer Möglichkeit, administrative Kulturtechniken zu bündeln, zu linearisieren, Entscheidungsformen auszulösen, komplexe Nachweissysteme zu ermöglichen, zu referenzieren und die Möglichkeiten der Rekursion stets mit sich zu führen.)