Abgrund

Wenn man wie so ein alter Zentraleuropäer mit der Attitüde des Ennui-Geprüften, dem schon in beinahe jeden Abgrund zu blicken geheißen wurde, aus dem Fenster sieht, geraten einem bisweilen die Verhältnisse ins Tanzen, man meint es sei wie im Ballsaal eines Hotels, in das man nicht mehr hineingelassen wird. Vielleicht erinnert man sich gar nicht mehr genau an diejenigen Augenzeugen, denen das Hotel ein Absteigequartier wurde (die Zimmerpreise werden je nach dem Einsatz des Lebens taxiert), ahnt mehr als dass man es weiß, dass am Schreibtisch nebenan sogar ein Büro nach den Prinzipien eines Hotels und vice versa (man muss nicht an das »Continental« des John Wick denken) konzipiert wird. Stets geht es dabei um eine kontrollierte Segmentierung im zentralen Herz der Finsternis, dann Sequenzierung, schließlich Serialisierung. (Der Abgrund – in den man Jahrtausende lang stürzen könnte – beginnt in Wahrheit erst hinter dem Bauzahn der Baugrube.) Es gibt bei all dem einen notwendigerweise bestehenden Natürlichen Mangel.

Der Abgrund des Nichts, der düstere Hintergrund der Sinnlosig­keit des Daseins geben diesem Lebensgenuß nur noch einen pikanten Reiz. Dieser wird noch dadurch erhöht, daß der stark pointierte Aristokratismus der Schopenhauerschen Philosophie deren Anhänger – in ihrer Einbildung – hoch über jenen miserablen Pöbel erhebt, der so borniert ist, für eine Verbesserung der gesellschaftlichen Zustände zu kämpfen und zu leiden. So erhebt sich das – formell architektonisch geistvoll und übersichtlich aufgebaute – System Schopenhauers wie ein schönes, mit allem Komfort ausgestattetes modernes Hotel am Rande des Abgrundes, des Nichts, der Sinnlosigkeit. Und der tägliche Anblick des Abgrundes, zwischen behaglich genossenen Mahlzeiten oder Kunstproduktionen, kann die Freude an diesem raffinierten Komfort nur erhöhen.

Georg Lukács: Die Zerstörung der Vernunft. Bd. 1: Irrationalismus zwischen den Revolutionen. Neuwied: Luchterhand 1962, S. 218f.

Am krassesten wohl manifestierte sich in dem Buch ›Die Zerstörung der Vernunft‹ die von Lukács’ eigener. Höchst undialektisch rechnete darin der approbierte Dialektiker alle irrationalistischen Strömungen der neueren Philosophie in einem Aufwaschen der Reaktion und dem Faschismus zu, ohne sich viel dabei aufzuhalten, daß in diesen Strömungen, gegenüber dem akademischen Idealismus, der Gedanke auch gegen eben jene Verdinglichung von Dasein und Denken sich sträubte, deren Kritik Lukács‘ eigene Sache war. Nietzsche und Freud wurden ihm schlicht zu Faschisten, und er brachte es über sich, im herablassenden Ton eines Wilhelminischen Provinzialschulrats von Nietzsches »nicht alltäglicher Begabung« zu reden. Unter der Hülle vorgeblich radikaler Gesellschaftskritik schmuggelte er die armseligsten Clichés jenes Konformismus wieder ein, dem die Gesellschaftskritik einmal galt.
Das Buch ›Wider den mißverstandenen Realismus‹ nun, das 1958 im Westen, im Claassen-Verlag herauskam, zeigt Spuren einer veränderten Haltung des Fünfundsiebzigjährigen. Sie dürfte zusammenhängen mit dem Konflikt, in den er durch seine Teilnahme an der Nagy-Regierung geriet. Nicht nur ist von den Verbrechen der Stalin-Ära die Rede, sondern es wird in früher undenkbarer Formulierung sogar von einer »allgemeinen Stellungnahme für die Freiheit des Schrifttums« positiv gesprochen. […] Aber das begriffliche Gefüge, dem er den Intellekt opferte, ist so verengt, daß es erstickt, was immer darin freier atmen möchte; das sacrifizio dell’ intelletto läßt diesen selbst nicht unberührt. Lukács’ offenbares Heimweh nach den frühen Schriften gerät dadurch in einen tristen Aspekt. Aus der ›Theorie des Romans‹ kehrt die »Lebensimmanenz des Sinnes« wieder, aber heruntergebracht auf den Kernspruch, daß das Leben unterm sozialistischen Aufbau eben sinnvoll sei – ein Dogma, gerade gut genug zur philosophisch tönenden Rechtfertigung der rosigen Positivität, die in den volkssozialistischen Staaten der Kunst zugemutet wird. Das Buch bietet Halbgefrorenes zwischen dem sogenannten Tauwetter und erneuter Kälte.
[…] Bei all dem bleibt das Gefühl von einem, der hoffnungslos an seinen Ketten zerrt und sich einbildet, ihr Klirren sei der Marsch des Weltgeistes.

Theodor W. Adorno: Erpreßte Versöhnung (1958). In: Ders.: Noten zur Literatur. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1989, S. 251–280, hier S. 252 u. S. 278

Ein beträchtlicher Teil der führenden deutschen Intelligenz, darunter auch Adorno, hat das »Grand Hotel Abgrund« bezogen, ein – wie ich bei Gelegenheit der Kritik Schopenhauers schrieb – »schönes, mit allem Komfort ausgestattetes Hotel am Rande des Abgrunds, des Nichts, der Sinnlosigkeit. Und der tägliche Anblick des Abgrunds, zwischen behaglich genossenen Mahlzeiten oder Kunstproduktionen, kann die Freude an diesem raffinierten Komfort nur erhöhen«.

Georg Lukács: Die Theorie des Romans. Ein geschichtsphilosophischer Versuch über die Formen der großen Epik. [Vorwort aus 1962] Neuwied: Luchterhand 1987, S. 16

Georg Lukács, der im Moskauer Exil Bewohner des Hotels Lux war, wird natürlich Adorno et al. den Schopenhauer umgehängt haben wollen und sein eigenes Bild ganz famos gefunden haben. (Dass Adorno ihn als gescheiterten Dialektiker ausweist und zudem die etwas komplexe Debatte um den Realismus zusätzliches Feuer reinbrachte: geschenkt.)

Es ist keine Spezialität der Stalinschen Sowjetunion gewesen, Hotels in auf längere Dauer angelegte Amtsgebäude, Absteigequartiere und Arrestzellen umzuwidmen (die Gestapo verfuhr etwa mit dem Wiener Hotel Metropol nicht anders). Doch erstaunt es insofern, als hier ein Paradox angelegt ist, das auch in Alexander Kluges Geschichte vom Partei-Hauptquartier mitzulesen ist: Hotels sind als temporäre Aufenthaltsorte angelegt, es sind Orte der Transition, Beherbergungsmaschinen. Dass der Durchzug ihnen zu eigen ist, erweisen schon die den Ein- wie Auslass prägenden Drehtüren wie in den Kaufhaustempeln, diese Schaufelräder des Konsumismus. (In diesen Räumen des Personen- und Warenverkehrs geht es um Fungibilität und Fluktuation.) Demgegenüber sind Verwaltungs- und Parteiapparate, Behörden und exilierte Dauergäste (das nächste Paradox) eingesetzt, um zu bleiben. Das ist quasi der natürliche Mangel, the Inherent Vice, dieser Übernahmen der Rezeption: Hotels als Orte mit geringer Verweildauer mögen naheliegend sein, wenn eine »Bewegung« entstanden ist, die schnelles Handeln nach außen hin trägt, quasi als Durchlaufposten historischer Entwicklung. Es wird jedoch falsch ab dem Zeitpunkt, in dem der entstehende Machtanspruch als letztlich unbefristeter gestellt wird. Man kann nicht so tun, als würden derartige Transitionsorte sowohl den raschen Zugriff als auch den langfristigen Klammergriff zulassen. (Demgegenüber ist es nur konsequent, dass das »Hau der Regierung«, wie zuletzt von Yuri Slezkine untersucht – Zitat hier – von vornherein als Wohnanlage konzipiert war und nicht auf ein requiriertes Grandhotel zurückging.)

Der Lukács von 1962 ahnt vielleicht, was Kluges Perestroika-Geschichte von 2020 weiß, was Kafka (den Lukács einem Scherzwort zufolge doch als Realisten anerkannt haben soll, als er selbst 1956 nächtlich nach Rumänien zwangsexiliert wurde) wie nebenbei in das »Schloss« einbaute – als die Beamten und ihre Akten im Herrenhof untergebracht werden und ihren Verwaltungsbetrieb aufnehmen. Hierin sind nicht auflösbare Widersprüchlichkeiten angelegt. Das macht diese ›neuen‹ Amtsgebäude, Absteigequartiere und Arrestzellen zwangsläufig zu prekären, durchaus gefährlichen Plätzen.

Das Hotel (mit der These, dass dies auch für einstige, requirierte und umgewidmete gilt) ist stets ein Ort der Transition, des Durchgangs/Transitorischen – und der Mobilität in sich. (Mit Drehtüren und Liften als Symbolen dieses Durchgangs – »Die einzige originelle Tür, die unsere Zeit hervorgebracht hat, ist die gläserne Drehtür des Hotels und des Warenhauses«, Robert Musil, Türen und Tore, in: Nachlass zu Lebzeiten.) Wie kommt man auf die Idee, dass es sich für eine Partei, eine Regierung, eine Bürokratie eignen würde? Es müssen revolutionäre Schwingungen gegeben sein, Gedanken an eine ›Bewegung‹, die das ermöglichen (von anderweitiger Raumnot und der spontanen Abhilfe einmal abgesehen). Ansonsten ist, in einem Hotel etwas Dauerhaftes einrichten zu wollen, gar eine Behörde oder Institution, die auf Vergeblichkeit abgestellte Arbeit an einem Systemfehler, einem Inherent Vice. Das Hotel hat als natürlichen Mangel, dass in ihm kein Bleiben ist.

Noch einmal Musil (MoE, II.24):

»Schlägst du also vor, daß wir im Hotel leben sollen?« 
»Ganz gewiß nicht!« beeilte sich Ulrich zu versichern. »Höchstens hie und da auf Reisen.«