Karinthys Kleine Weltkneipe

Irgendwann entstand die Notwendigkeit, dass die Horizontschauenden sich Nachrichten über größere Entfernungen zukommen ließen, Relais-Stationen einrichteten, Kommunikationsmittel wie Schreien, Rauchzeichen, Meldeläufer, Dornbuschabfackelungen etc. etablierten. Das Nachrichtensystem wurde dann im Laufe der Jahre etwas verfeinert, die Botschaften konnten komplexer werden, der Kreis der SenderInnen und BezieherInnen wurde ausgeweitet und individualisiert zugleich.

Zwei Untersuchungen Stanley Milgrams – das sog. »Milgram-Experiment« (1961; Wikipedia-Eintrag) und die Untersuchung zum sog. »Kleinen-Welt-Phänomen« (1967; Wikipedia-Eintrag) –  sind zumindest den sie bezeichnenden Begriffen nach – & diese versehen mit einer Art Ahnung von den Ergebnissen der beiden Arbeiten – eher allgemein bekannt. Die aus 1967 steht nicht nur in einem leidlich engen Zusammenhang mit dem, was Marshall McLuhan in den 1960ern herauszuarbeiten bestrebt war – die These vom globalen Dorf –, sondern war immer wieder ein naheliegender Ausgangspunkt für MathematikerInnen und PhysikerInnen, die angesichts der zunehmenden Verdichtung von Kommunikations- und Sozialmedien die Verbindungen durchzurechnen und in Hypothesen zum Zustand der Welt zu gießen bestrebt waren und sind. Einer derselben, Albert-László Barabási, brachte 2002 ein sehr lesenswertes Buch mit teils bis heute nicht überholten Forschungen zur Bedeutung von skalenfreien Netzwerken heraus: Linked. The New Science of Networks. In zahlreiche Sprachen übersetzt ist es fast selbstverständlich, dass davon keine Übersetzung ins Deutsche herauskam. (Wir sind bekanntlich schlau genug im deutschsprachigen Raum, die Verlage verdienen blendend und unsere Netzwerke heißen Amtsflur, Sakristei, Bassena und Stammtisch.) Im dritten Kapitel – »Six Degrees of Separation« [.pdf] – rekapituliert Barabási nicht bloß Milgrams Studie zu den Sozialen Netzwerken; ihm gelang es (natürlich auch dies unbemerkt vom deutschsprachigen Verlagswesen nebst Publikum), die Erzählung eines ungarischen Autors zu extrapolieren, die seitdem recht zuverlässig in Verbindung mit Milgram geführt wird:

Frigyes Karinthy: Láncszemek [Kettenglieder], 1929

Karinthys scheinbar dahergetratschte Geschichte von einem Stammtisch-Abend [hier wäre: »sic!« angebracht], die sehr eigentlich durchwegs komplexe Gedanken miteinander zu verweben imstande ist, versiert mit Parataxen und Paradoxien arbeitend und beinahe unmerklich abhebend, als wäre in der literarischen Oberliga à la Musil sich einzutragen eine Fingerübung, setzte – vereinfacht gesagt und damit an Barabásis Interesse daran anknüpfend – jedoch nicht bei sechs Kettengliedern an, wie Milgrams Studie ergab, sondern bei fünf. Das deckte sich 2002 leidlich akkurat mit Barabásis Berechnungen der skalenfreien Netzwerke. Grundsätzlich lässt sich von Barabási her feststellen, dass Netzwerke im heutigen Sinn (umfassend auch die Köstlichkeit der sog. »Sozialen Medien«) keineswegs randomized, son­dern relativ exakt bestimm­baren Power laws folgen (damit per se nie­mals demokratisch oder gar anarchisch sind und was an ähnlich naiv gelagerten Wahnvorstellungen existieren mag; vielmehr sind das strikt mafiotisch organisierende Systemgrundlagen, auf denen Don Luhmann mit seiner Lupara steht). Networks mit ihren Hubs und Linkskom­men überdies spätestens an diesem Punkt mit der Rede von den Medienverbünden zusammen (aber davon a.a.O.).

Es ließe sich mithin nochmals in einer Geschichte aus 1929 (Briefe, Telefone, allenfalls Telegramme) nachlesen, was 1967 noch vorsichtig abgezählt wurde und 2020 aufgrund einiger seitdem – auch gegenüber 2002 – stattgehabter medialer Markteinführungen einer Neubewertung bedürfte. Nur: Karinthys Geschichte ist niemals auf Deutsch übersetzt und publiziert worden – und die Übertragungen ins Englische sind in etwa auf dem Niveau einer ambitionierten Inhaltsangabe. (Das mit den außen vorgelassenen Über-Setzungen ins Deutsche hatten wir schon?)

Dank Amália Kerekes von der ELTE Budapest hat sich das geändert – Frigyes Karinthy: Kettenglieder, 1929; Übersetzung aus dem Ungarischen ins Deutsche, 2020

(Dass »Láncszemek« nicht einfach nur die »Kettenglieder« sind, sondern der Doppeldeutigkeit mit »Kettenaugen« nicht entraten, sei für den Schluss der Erzählung als subtextuelle Option vermerkt. Man bringe den Spritzwein, netze und vernetze!)


Anmerkungen zu Kettenglieder:

  • Selma Lagerlöf (1858–1940) erhielt 1909 den Nobelpreis für Literatur
  • Béla v. Kehrling (1891–1937) war Tennis- und Tischtennisspieler, reüssierte u.a. 1923 bei Turnieren in Schweden
  • Romain Rolland (1866–1944) war Schriftsteller und Musikkritiker
  • Zur Kompromittierung des Geistes und der »›Weltanschauung‹ des Jahrhundertendes«, zu Mathematik/Physik und Weltkrieg, vgl. Musils Essays nebst Mann ohne Eigenschaften (etwa Kapitel 11 und 15; cf. die entsprechenden Kommentare in Teilweise Musil). Erläuternde Hinweise zum Paradigmenwechsel in Mathematik/Physik liefert auch Kapitel III in Bernhard Siegerts Passagen des Digitalen. Zeichenpraktiken der neuzeitlichen Wissenschaften 1500–1900 (Berlin: Brinkmann & Bose 2003, S. 305–415).

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