Die Pathosformeln des Dogenpalasts. Eine Fingerübung

Der Palazzo Ducale bietet in vielfacher Hinsicht ganz wunderbare Gebäudeteile, Fassaden, Säle, Kammern & Gemälde. Die Antike samt Götterwelt (insbesondere Gemälde aus der Geschichte der »Landnahme«, d.h. der Frauenraub (cf. Theweleit, -CA-), wird als Erbe ebenso in Beschlag genommen, wie das auf diesen Fundamenten hochgezogene Mythengebäude des römischen Christentums & die ruhmreiche Geschichte der Stadt hier gleich mit eingetragen sich versteht. Was m.b.E. den Gebäudekomplex ganz besonders auszeichnet, ist neben allen auch touristisch kapitalisierten Schauwerten die sorgfältig & über Jahrhunderte entwickelte Weise, wie Funktionsräume – die Sale Istituzionali, die Verbindungs- & Warteräume, die öffentlichen & die nicht öffentlich zugänglichen Orte des Handelns – ineinandergreifen & genutzt wurden. In dieser oligarchisch geprägten Republik, in der Rituale der Macht, regelmäßige Einübungen in Versammlungsmengen, Zensur, Justiz & Schnellgerichte, Verwaltung & Registraturen so wesentlich waren, spielen neben der Eindrücklichkeit an sich v.a. zwei Elemente dieses Systems eine ganz besondere – über alle Bereiche hinweg & auf diese einwirkend – Rolle; genauer: Funktion. Zum einen die architektonische Anlage & ihre Verschränkung der wie in einem ausgeübten drei bis vier Gewalten (das betrifft dann auch geheime Archive, schwarze Kassen, sehr diskret vollzogene Gerichtsurteile Verschwörung und Gegenverschwörung). Zum anderen die (mit Aby Warburg et al.) so zu nennenden »Pathosformeln«, die nicht allein in Einrichtungs- & Fassadendetails, ebenso nicht nur in den zahllosen großartigen Gemälden (wo sie sich heute noch bis in Details studieren lassen), sondern gewiss auch im tatsächlichen historischen Handlungspouvoir & -repertoire gegeben waren. Mit bürokratischen Mitteln allein hätte dieses Gefüge nicht funktioniert – & nicht zuletzt standen die verschiedenen Organe mitunter in durchaus heftig ausgetragener Konkurrenz zueinander; ganz abgesehen von Krisenzeiten (bekanntlich gab es da ein, zwei …). Kleine & dabei so bedeutsame Formen der Macht – & ihrer Wahrnehmung – in Gesten der Souveränität, Gebärden & Mimiken (studierbar anhand der Gemälde an den Wänden und Decken) trugen nicht unwesentlich dazu bei, die Sub- & übergeordneten Systeme am Laufen zu halten. Der spezifisch codierte, mit Bedeutung aufgeladene Ausdruck der Macht stellte diese sicher. So erweist sich der Palazzo Ducale in seiner heute wahrzunehmenden Verfasstheit als Archiv & zugleich Apparat venezianischer Pathosformeln der Macht – Trakt für Trakt, Gemälde um Gemälde; darin & durch diese.‬

‪Hier spielt auch eine spezifische Form des »Habitus« (in Anlehnung an Elias & späterhin Bourdieu) eine Rolle, was die in der Bildern & Statuen angelegten Vorgaben & also notwendigerweise zu nutzenden Imitationspotentiale betrifft. Eine nur sehr r‬udimentär nieder- & damit festgeschriebene Verfasstheit, wie sie in diesem Staats- & Stadtwesen La Serenissima Repubblica di San Marco gegeben war, bedarf, so die These, in noch viel eindrücklicherem Maße als sonst üblich einer bildlichen & figuralen Verfasstheit, die sowohl auf architektonischen Konstellationen beruht als auch von diesen gerahmt wird. Das derart umfassende Reservoir & zugleich Repertoire für Pathosformeln & Habitus ist unmittelbar mit Ritualen verschaltet. Gleichzeitig durchwirkt die Verdichtung der Funktionen dieselben, dies geschieht wechselseitig, auf relativ engem Raum. Diese Bedingungen sind den Komplexitäten des Palazzo Ducale in seiner Gesamtheit ebenso abzulesen wie den Gemälden die spezifizierten Formen und letztlich Handlungsanweisungen in Sachen Gestik, Mimik, Gebärden. Dies dürfte über Jahrhundert hinweg hervorragend geklappt haben. Was die Wiener Hofburg vom Spanischen Hofzeremoniell her architektonisch in Sachen Diagrammatik der Macht (cf. Krajewski, in seinem Buch über den Diener) recht simpel und geradlinig abbildet, ist in Venedigs Dogenpalast zur hochspezifizierten Verschränkung sämtlicher Bestandteile und Ebenen – des Gebäudekomplexes mit Funktions-, Handlungsräumen & anderen Medien: Statuen & Bildern – geraten. Ein kompliziert verschalteter Maschinenraum der Macht, ihrer Oberflächen und Bedeutungsgeneratoren für das Ausüben von Souveränität (sowie – ganz wesentlich – mit Anschluss zu Bleikammern & Basilika).