Formulare — Schnittstellen der Kontingenz [— Einleitung]

Ab einem bestimmten Zeitpunkt müßten wir daher damit rechnen, daß die Maschinen die Macht übernehmen, so wie es in Samuel Butlers Erewhonbeschrieben wird.

Alan Turing: Intelligente Maschinen. Eine häretische Theorie [1951/1959/dt. 1987]

Ausgehend von einem etwas unmotivierten Rundumschlag gegen die Systemtheorie – und alle, die er mit haftbar macht – gerät der Kunsthistoriker Wolfgang Kemp im aktuellen Merkuram Ende seines Essays über die Arbeit am Formbegriff unter die Shaker.[1] Von deren Gründerin Ann Lee soll der Satz stammen: »Every force evolves a form«. Diesen hätte wiederum Guy Davenport in seiner gleichnamigen Essaysammlung 1987 aufgegriffen und ein Lob auf den Shaker-Besen, der würdevolles Kehren ermögliche, postuliert. Nicht um ›Form follows function‹ gehe es und – darauf legt Kemp großen Wert – auch nicht um »Force« als ausschließlich physikalisch verstandene Größe. Dass er als Kunsthistoriker und Kulturversteher keine tauglichen Arbeiten am Formbegriff vorfinden würde, ist Gegenstand seiner Kritik: »Das heißt, die Kräfte sind funktional auch darin, dass sie spirituelle, gemeinschaftsstiftende, politische Motive kommunizieren und in Kraft setzen. Ihnen nachzuforschen kann zu einer Art von Form führen, an die die systemtheoretische Formtheorie nicht heranreicht – gemeint ist die kulturelle Form.« Hier endet der Text seiner Philippika. Wenn man nun annimmt, dass jede Kraft auch Macht bedeuten kann, jede Macht also auch ihre Formen herausbringt, wäre Kemps Forderung nach einer tauglichen Theorie der »kulturellen Form« – während er vielleicht nochmals u.a. Spencer Browns »Laws of Form« (1969) lesen könnte – mit den Arbeiten über die Formen, Kulturen und Schnittstellen[2] der Verwaltung und staatlichen Bürokratien zu begegnen. Nachdem deren Zahl jedoch eher überschaubar ist, sitzen wir erst einmal hier. 

»Form« steht im Englischen auch für »Formular« und damit ausgerechnet jenes ›Signature Sheet‹ der Verwaltung der Neuzeit, dessen Akzeptanzproblem in einer einschlägigen Arbeit zur Gestaltung von Formularen als »unangenehm, bürokratisch, beschränkend, diskriminierend, bevormundend, unverständlich«[3] umrissen wurde. »›Eine verwaltungstechnische Formalität …‹ –›Eine Formalität verwaltungstechnischer Art‹« lautet ein Dialog im Comicfilm »Asterix erobert Rom« (1976).[4] Im Original heißt der Streifen »LesDouze Travaux d’Astérix« – und um die achte dieser zwölf herkulischen Arbeitsausgaben[5] geht es: den Passierschein A38 aus dem »Haus, das Verrückte macht« zu holen. Dabei handelt es sich um ein römisches Verwaltungsgebäude – und nach etwa 10 Filmminuten werden die beiden Gallier mit einer so trickreichen wie paradoxen Intervention »verwaltungstechnischer Art« ihr Formular ausgehändigt bekommen (und als verwaltungstechnischen Kollateralschaden die Vertragsbediensteten des Amtsgebäudes im Zustand umfassender Nervenzerrüttung zurücklassen).


[1] Wolfgang Kemp: Kein Formbegriff in Sichtweite. Kann uns die Systemtheorie helfen? In: Merkur 73 (842), 2019, S. 31–44.

[2] Es geht stets sehr wesentlich um Geschichten, Erzählungen. Jede Schnittstelle trägt solche in sich. Kenne ich diese nicht, verstehe ich nicht, ob es eine taugliche Schnittstelle ist. Fertige ich eine neue Schnittstelle an, die mehrere alte ersetzen soll, habe ich alle diese ungelösten Geschichten mit in der neuen. Die Probleme potenzieren sich, es sei denn, ich kenne und löse die Erzählungen. (Und jene, die davor schon waren.) Schnittstellen lassen sich im Wortsinn als solche – und damit nicht als Nahtstellen – verstehen. Im elektronisch-digitalen Sinn lässt sich von Interface/Bildschirm/Formularfeld sprechen, im Fußball wenden das Reporter an (und sind möglicherweise vom Konsolen-Sprech beeinflusst). „Schnittstelle“ ist ein Kompositum! Verständnis von Medien und Schnittstellen: ist das Ergebnis eines laufenden Prozesses. Wie lässt sich der in den Schnittstellen mitgelieferte/eingelagerte ideologische Bias aufdecken und wegregulieren? Vermutung: gar nicht. Aber es braucht ein Wissen darum, um in Transformationsprozessen dies berücksichtigend zu agieren.

[3] Borries Schwesinger: Formulare gestalten. Das Handbuch für alle, die das Leben einfacher machen wollen. Schmidt, Mainz 2007, S. 43.

[4] Die angesprochene Sequenz findet sich deutschsprachig synchronisiert auf der Plattform Youtube (zuletzt überprüft: 4.7.2019)

[5] Die achte der zwölf Aufgaben für Herkules kennt die mythologische Überlieferung als die Zähmung der menschenfressenden Rosse des Diomedes (Herkules wirft ihnen diesen zum Fraß vor und kann sie danach problemfrei ans Meer führen) – Das Vernehmen der Anklänge an die achte Prüfung im Asterix-Film ist gewiss als spekulative Wahrnehmung abzutun.