Schlachthaus Walfänger (1949)

Dieses Zerlegen geschieht an zwei Stellen – auf dem Vorderplan und dem Achterplan. Und beides sind Schlachthäuser, wie man sie in einem Alptraum nicht schlimmer sehen kann: knietief waten die Männer in den geblähten Eingeweiden der Walfische; die krummen Abspeckmesser mit den langen Sensengriffen schlitzen in den blutigen Fleischklumpen, die unter der Speckdecke frei werden. Unaufhörlich rattern die Winden. Die Dampfsägen surren, wie sie das Rückgrat in mächtige sternförmige Scheiben schneiden, an denen noch rote Fleisch- und Sehnenstränge hängen. Männer mit großen Eisenhaken zerren Fett, Fleisch und Knochenstücke zu den Förderbändern, die das Material an die Kocher weitergeben, wo der kostbare Tran gewonnen wird. Krach und Gestank sind einfach unbeschreiblich. Und Wal nach Wal wurde hinten hochgezogen, während die Leute wie besessen arbeiteten und Schleim und Blut das ganze Deck überzogen.
Ich verfolgte einmal sämtliche Arbeitsgänge an einem Wal, der gerade hinten hochgeheißt wurde. Er war gut fünfundzwanzig Meter lang und wog fast zweitausend Zentner. Noch während er hochgeschleift wurde, stürzten sich die Männer vom Achterplan auf ihn. Oben an den Kiefern wurde die Speckschicht zuerst etwas losgelöst; dann ein Loch hineingebohrt, Taue hindurchgezogen, und einen Moment später zogen die Seile schon maschinell an, so daß das Fett in riesigen Speckseiten von dem mächtigen Kadaver herunter geschält wurde. Die Abspecker gingen mit und trennten das etwa anhaftende Fleisch ab. Um an den Bauchspeck heran zu kommen, wurde der Wal auf den Rücken gewendet. Dabei platzte der Fleischberg, und eine ganze Woge gelben Urins strömte über das Deck. Vorn lag die massige Zunge und wupperte wie ein rosa Riesenpudding. Sobald der Speck herunter war, wurde der Kadaver zum Vorderplan geschleift. Hier wurde zuerst das Fleisch vom Rückgrat weggeschnitten, dann dieses selbst zerlegt und zu den Kesseln transportiert. In etwas über einer Stunde war solch ein Hundert-Tonnen-Ungeheuer verarbeitet und vom Mutterschiff eingeschluckt.
Man muß sich ein ganz klares Bild von dem eben Gesagten machen, nur so kann man verstehen, warum es mich nachher so schüttelte. Die Southern Cross war weiter nichts als eine schwimmende Fabrikstadt – ein rülpsender, stinkender, ameisenhaft geschäftiger Misthaufen, zweitausend Meilen jenseits der zivilisierten Welt. Die Aufbauten waren schwarz von Dreck und Speck und dem Ruß, der ständig aus den Schornsteinen der Kocherei wölkte. Und überall war dieser furchtbare Walgeruch, dick wie ein Bahrtuch. Es roch nach verfaultem Fleisch, nach Tran und Fisch, und statt der Luft lebte man in einem fetten, erstickenden, mit Ekel übersättigten Nebel. Aber wenn auch die Decks dieses Bild eines gigantischen Schlachthauses boten: unten war alles adrett und blank, wie in einem Industrieunternehmen. In langen Reihen standen die Kessel; die Dampfheizung unter ihnen zischte leise, und in reinlichen Rinnen floß siedend und gurgelnd das brodelnde Öl. Dort war die Kühlanlage; hier wurde das Fleisch geschnitten, hier dehydriert und verpackt. Dort wurden die Knochen zu Kunstdünger zermahlen. Hier ein Laboratorium und Werkstätten; Krankenstuben, die Mannschaftsmessen, die Unterkünfte, die Vorratskammern, hier die Anlage zur Stromerzeugung – es fehlte nichts. Die Southern Cross war tatsächlich eine wohl eingerichtete, dicht bevölkerte Industriestadt.

Hammond Innes, The White South (Übers. v. Arno Schmidt, 1949)