Buch. Ordnung und Format

Das Buch als Ergebnis eines Fertigungszusammenhangs hat nicht zu hintergehende Abfolgen aufzuweisen, und insofern wird auch jedwede kulturelle Leistung, die mit dem Buch zusammenhängen kann (lesen[*], schreiben, annotieren, kommentieren oder zeichnen), durch ein Bedingungsgefüge bestimmt. Der Zwang zu Struktur und Konzentration (unterschiedlichen Grades) ist dadurch Teil einer Jahrhunderte alten analogen Kulturgeschichte und -technik. Werden diese mit dem Anspruch eines ubiquitären Weltwissens auf Abruf und seiner digitalen (ebenso normierenden) Ordnung konfrontiert und in weiterer Folge neu formatiert, ist mit Konsequenzen zu rechnen.

Wie wichtig die Formatierungen und Maßstäbe des Buches für eine Einordnung der Welt sind, erweist bereits Herman Melville 1851 in seinem »Cetology« überschriebenen, 32. Kapitel des »Moby-Dick«, wenn er die Folio-, Oktav- und Duodezformate (Ismael begründet, weshalb er das Quartformat nicht heranzieht) zur Basis seiner angewandten Walkunde macht. An den eingefügten Kommentaren und mehrfachen Bedeutungszuschreibungen erweist sich Melvilles Satire, am Vergleich und in der Form des Maßes an sich der weltliterarische Rang des Buches.

Für das gedruckte Buch ist die Zusammenkunft von Raum, Zeit und Bedeutung zentral. Bereits das »Beiwerk« der Bücher – Bücherlisten, Zettelkataloge, Datenbanken, Bibliografien u.a. – weist in diese Richtung und letztlich verdeutlicht auch die architektonische Multiplikation des Buches – etwa in Form einer Bibliothek oder auch nur eines Bücherregals – die (bis vor kurzem noch als unauflösbar zu denken gewesene) Einheit. Stets geht es um die Ausformung von Organisation. 

Die Bindung, die fixierte Seitenabfolge, die klare Festlegung von Anfang und Ende bzw. vorne und hinten vermittels der Buchdeckel oder zumindest eines Einbands… Das Buch steht für ein (um ganz genau zu werden: sein) Prinzip der Ordnung. Sehr ähnlich verhält sich die Organisation des Plurals, der »Bücher« dazu. Wir finden diese in der Bibliothek, in einem Katalog (dem Zettelkasten oder der Datenbank), in der Buchhandlung, im Antiquariat oder im Auslieferungslager, aber auch bei der privaten Büchersammlung. Und mitunter geraten Bücherstapel sogar durcheinander. Doch stets steht eine Vielzahl an Einzelordnungen für das Gesamtprinzip ein und verspricht dadurch, dass Ordnung an sich machbar wäre. Es geht also auch um ein Versprechen und seine Einlösung bzw. und genauer: seine stete Einlösbarkeit. Darauf lässt sich Kultur gründen.

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[*] Wie komplex und dabei auf den jeweiligen Leistungsstufen zwingend notwendig sich diese Kulturleistung darstellt (durchaus auch im Sinne einer erforderlichen Komplexitätsreduktion), versuchten etwa 1940 Mortimer J. Adler und Charles van Doren in »How to read a book« zu vermitteln.