Fortschritt der Automatisierung (FFM-Files)

Fritz Morstein-Marx übersetzte 1959 seine Abhandlung The Administrative State. An Introduction to Bureaucracy (Chicago: University of Chicago Press 1957) ins Deutsche:
Einführung in die Bürokratie. Eine vergleichende Untersuchung über das Beamtentum. Neuwied: Luchterhand 1959.
In der Vorbemerkung hält er fest: »Ein Buch wie dies […] könnte seinen Gegenstand nicht mit genügender Intimität verhandeln, wenn es nur aus anderen Büchern destilliert wäre. In erheblichem Umfang muss es der Bericht eines Kundschafters sein: ›Ich sah es.‹« (S. 7) Im abschließenden zehnten Kapitel – Perspektiven – erscheint uns ho. wie do. der zweiteilige Abschnitt »Auswirkungen der technischen Entwicklung« bemerkenswert. Zunächst heißt es:

Am Ende einer so zusammengedrängten einführenden Erörterung der Bürokratie, wie sie hier geboten wird, würde sich kaum der Versuch rechtfertigen lassen, die Schlußfolgerungen gesondert zusammenzustellen. Die meisten der Schlußfolgerungen sind in die vorangehende Erörterung eingewoben und so bereits in ihrem Verlauf zur Schau gestellt worden. Allzuviel von der vorhergehenden Stoffbehandlung würde wiederholt werden müssen, um die Schlußfolgerungen in aufhellender Weise erneut aufzureihen. Aber wir dürfen doch die Gelegenheit zu einem distanzierten, abschließenden Blick nicht ungenützt vorübergehen lassen. So bietet sich ein Anlaß, noch einige tieferliegende Fragen aufzuwerfen und zum mindesten vorläufige Antworten zu wagen.
Zum ersten darf man fragen, ob die vorwärtsstürmende technische Entwicklung in der voraussehbaren Zukunft den Aufbau und die Arbeitsmethoden des modernen staatlichen Verwaltungssystems in bedeutsamer Weise verändern könnte. Wird der Einsatz von Maschinen mit »Gehirnen« die Verwendung menschlicher Arbeitskraft auf das An- und Abschalten reduzieren und damit das Ende der großbetrieblichen Organisation im Sinne der uns heute vertrauten Formen in die Wege leiten? Wird eine durch Maschinen kontrollierte Rationalität, die ohne ständige Leitung wirken kann, an die Stelle der tagtäglichen Betriebsaufsicht treten? Weiter müssen wir uns überlegen, wie weit sich die Leistungsbürokratie in relativer Bewertung als Mittel zur Erzielung von verständigen Entscheidungen in der Erfüllung öffentlicher Aufgaben tatsächlich bewährt hat. Wird der Bürger durch den erbarmungslosen »Geschäftsgang« erwürgt?
Werden Entscheidungen wirklich bewußt getroffen oder kommen sie einfach irgendwie zustande? Schließlich müssen wir uns auch vor Augen führen, welche Möglichkeiten bestehen, um zu einer zufriedenstellenderen Verkoppelung der politischen und der verwaltungsmäßigen Verantwortlichkeit zu gelangen. Das erfordert eine bessere Definition der Rolle, die für jede der beiden angebracht ist.
Es erfordert auf der politischen Entscheidungsebene ein klareres Verständnis dafür, wie man von dem Verwaltungsapparat zweckmäßigen Gebrauch machen kann und welcher Gebrauch sich als zweckwidrig verbietet.

Fritz Morsten-Marx: Einführung in die Bürokratie. Eine vergleichende Untersuchung über das Beamtentum. Neuwied: Luchterhand 1959, S. 210.

Setzt fort:

Fortschritt der Automatisierung

José Clemente Orozco: The Epic of American Civilization (1932–1934) – Panel 20: Modern Industrial Man [Dartmouth College, Library]

Die ständig weitergreifende Ausnutzung von neuen wissenschaftlichen Forschungsergebnissen, vor allem die jüngste Entwicklung auf dem Gebiet der Schwachstromtechnik, hat der Öffentlichkeit in immer überzeugenderer Weise die Hoffnung auf eine Schalthebelwelt vorgegaukelt. In dieser Welt, so hört man, wird ein großer Teil der geistigen Arbeit wie auch beinahe alle körperliche Arbeit gehorsamen Robotern überlassen bleiben können. Das ist das Zukunftsbild, das der mexikanische Maler Orozco in seinem Freskogemälde in der Bücherei des Dartmouth College in Neuengland der »alten Zeit« entgegenhält.
Es zeigt einen robusten, über ein Buch gebeugten Arbeiter, der vielleicht Shakespeares Werke oder sogar die des Dichters T. S. Eliot liest, während der gleißende Kontrollraum mit dem Summen riesiger Maschinen angefüllt ist, die nur gelegentlicher Aufmerksamkeit bedürfen.
Es ist jedoch kaum wahrscheinlich, daß die Utopie auf uns mit Blitz und Donner herniederbrechen wird. In der Tat ist bislang die Automatisierung ganz wenig beschleunigt und verhältnismäßig unauffällig fortgeschritten. Der Uranfang läßt sich weit in die Vergangenheit zurückverfolgen, und der Fortgang verspricht kaum, die Umwelt des Menschen der westlichen Zivilisation urplötzlich zu verändern. So sind zum Beispiel mechanische Recheninstrumente wie der Abakus seit sehr langer Zeit in Gebrauch. Obwohl sie zu ihrer Zeit eine ebenso unglaubliche Neuerung darstellten wie die maschinellen Ungeheuer von heute, haben sie doch keine revolutionären gesellschaftlichen Umwälzungen hervorgebracht. In ähnlicher Weise fehlt es an Anzeichen von umstürzenden Wandlungen, wo der modernen Automatisierung in der Büroarbeit der Weg bereitet worden ist, wie etwa im Versicherungswesen. Die Ausschaltung der menschlichen Arbeitskraft hat keinen dramatischen Umfang angenommen. Der Aufbau und die hauptsächlichen Arbeitsprozesse der von der Automatisierung berührten Unternehmungen haben sich kaum geändert. Der größte Gewinn liegt in der erhöhten Geschwindigkeit und der größeren Fehlerfreiheit der Arbeitsabwicklung.
Etwas anderes ist bei der Abwägung der voraussehbaren Auswirkungen der Automatisierung in unserer Zeit wahrscheinlich wichtiger. Die großbetriebliche Organisation ist zu ihrer heutigen Größenordnung ohne durchgreifende Umgestaltungen in ihrer Verwaltungstechnik emporentwickelt worden. Während des letzten halben Jahrhunderts hat sich das Größenformat öffentlicher wie auch privater Organisationen gewaltig verändert. Andererseits sind die zur Leitung, Zusammenfassung und Kontrolle verwendeten Verwaltungsmittel im wesentlichen die gleichen geblieben. Abgesehen von modernen Verzierungen würden sie am allgemeinen selbst einem römischen Statthalter wie alte Sachen vorkommen. Insofern kann man sagen, daß das Größenmaß des modernen Riesenbetriebs über die Grenzen der Leistungsfähigkeit hinausgeschossen ist, die diesen traditionellen Verwaltungsmitteln gezogen zu sein scheinen. Eine der wichtigsten Wirkungen der Automatisierung mag in der Wiederherstellung des Gleichgewichts der Kräfte liegen, und zwar durch Herausbildung einer Arbeitstechnik, die es dem Großbetrieb ermöglichen würde, mit erheblich gesteigerter Geschmeidigkeit und Wendigkeit zu funktionieren.So läßt sich zum ersten mit großer Wahrscheinlichkeit vorhersagen, daß die Automatisierung dem Abbau der Fülle von routinemäßigen Kontrollen einen starken Ansporn geben wird. Die fast wissenschaftliche Abstraktheit maschineller Betriebsprozesse, die unpersönliche Objektivität technischer Vorgänge, die weder nervös werden noch einschlafen, die Voraussehbarkeit, mit der gewollte Ergebnisse im Stakkatotakt erzielt werden – all diese Eigenschaften entziehen der menschlichen Bewachung der Räder bei jeder Umdrehung die Begründung. Wenige Dinge würden einen willkommeneren Einfluß auf die Verminderung der bürokratischen Schwerfälligkeit in großbetrieblichen Organisationen ausüben können als die Herabsetzung des Überflusses an internen Kontrollen auf eine begrenzte Zahl von Schlüsselpunkten. Der übertriebene Einbau interner Kontrollen hat gerade die öffentliche Verwaltung lange charakterisiert. Er ist besonders auffällig in Verwaltungssystemen, die an einem Übermaß gesetzgeberischer Überwachung und an einem Mangel an beruflichem Geist gelitten haben. In solchen Systemen mag sich die Automatisierung als eine befreiende Kraft auswirken, indem sie zu einer Beseitigung vieler der aufeinander aufgetürmten Überprüfungszuständigkeiten führt.
Aber die Automatisierung wird auch frischen Ideen über die mechanische Gestaltung der Verwaltung von Staatsaufgaben zum Durchbruch verhelfen. Es unterliegt beispielsweise kaum einem Zweifel, daß es nur eine Frage der Zeit ist, wann der Kundenverkehr zwischen der Verwaltung und dem Publikum auf »Antragshäuser« [cf. FN/Anm. 1: A38] beschränkt werden wird. Alle von einzelnen Staatsbürgern gestellten Gesuche – in der Form von Vordrucken, die zur Lochsortierung geeignet sind – werden dann im nächsten »Antragshaus« eingereicht werden müssen, das als gemeinsame örtliche Empfangsstelle für alle Behörden dient. Genehmigungen werden in der Gestalt einer kleinen Metallscheibe ausgefertigt, die in einer einzigen kunterbunten Reihe von Buchstaben und Ziffern, zusammen mit der Kennnummer des Antragstellers, alle nötigen Einzelheiten in sich aufnimmt. Persönliches Erscheinen im »Antragshaus« muß der Staat natürlich im Namen der Sparsamkeit und des glatten Verwaltungsvollzugs untersagen; aber vorsichtshalber wird man trotzdem von morgens bis abends in jedem »Antragshaus« einen Psychiater in Bereitschaft halten. Die Bearbeitung jedes Antrags in der zuständigen Behörde wird so beträchtlich beschleunigt, weil die Behörde ja der aufgeregten oder verwirrten Antragsteller ledig ist, die in den Fluren umherwandern. Die Lehrbücher über Verwaltungskunde können sich daher zum Thema der »Beziehungen zum Publikum« einfach mit der Eintragung »siehe Antragshaus« im Sachverzeichnis zufriedengeben.

Fritz Morsten-Marx: Fortschritt der Automatisierung. In: Ders.: Einführung in die Bürokratie. Eine vergleichende Untersuchung über das Beamtentum [1957|. Neuwied: Luchterhand 1959, S. 211–213.

☞ Fußnote /Anm. 1: In einem solchen »Antragshaus« ist seit jeher der Passierschein A38 von fraglos zentraler Bedeutung.