Wiener Sylvester

Das war eine Sylvesternacht! Die Hölle schien ausgespieen. Die Bande heiliger Ordnung entzwei. Durch die Kärntnerstraße rast ein Bacchuszug. Faune, die bis dahin Hilfsbeamte waren, necken Nymphen, die bis dahin an der Schreibmaschine saßen. Was Hände hat, knutscht; was Lippen hat, küßt: »Das Volk, zerreißend seine Kette, zur Eigenhilfe schrecklich greift«. Lehrer tanzen um einen Kirchturm, ein Bureaukrat sieht ein Einspännerpferd für den Amtsschimmel an und besteigt es, Bürgerfamilien kampieren auf dem Stefansplatz … Der schrecklichste der Schrecken: Der Philister hat das Dionysische bekommen! »Nichts Heiliges ist mehr, es lösen sich alle Bande frommer Scheu; der Gute räumt den Platz dem Bösen, und alle Laster walten frei«. Ja, die Prostituierten haben für diese eine Nacht die Kärntnerstraße den Bürgerfamilien geräumt, und infolgedessen ist das Schamgefühl gröblich verletzt worden, ist es zu ärgerniserregenden Auftritten gekommen. Weit und breit kein Wachmann. Sie, die sonst peinlich darauf achten, daß die Blicke der Strichmädchen nicht zu auffallend seien und daß das Angebot nicht zu laut die Nachfrage übertöne, haben heute, wo sich die Ehrbarkeit unzüchtig gebärdet und der Familiensinn, der von Dirnen nicht belästigt sein will, sich austobt, in der Kärntnerstraße nichts zu suchen. Die Polizei ist mit der Prostitution verschwunden, das freie Bürgertum behauptet das Feld. Es ist, als ob die Geistlosigkeit eines ganzen Jahres in dieser Nacht rekapituliert würde. […]

Karl Kraus, in: Die Fackel H. 193 v. 19.1.1906, S. 7