Quatsch

Kommunikationstheorie […] ist im Grunde nichts anderes als die Entscheidungstheorie für größere Systeme. Ihren entscheidenden Anstoß hat sie durch den Gedanken Shannons erhalten, daß man den Informationswert einer Nachricht messen könne. Und zwar hat die Information eine meßbare Größe insofern, als ihre Wahl aus einem bestimmten Bereich anderer Möglichkeiten eine bestimmte Wahrscheinlichkeit aufweist. Je unwahrscheinlicher die Wahl, desto größer der Informationswert, wenn sie einem mitgeteilt wird. Daß zum Beispiel auf den Buchstaben Q der Buchstabe u folgt, ist in der deutschen Sprache nahezu sicher, die entsprechende Information gering. Wenn man Qu hat, kann eigentlich nur ein Vokal folgen. Wenn wir ein a bekommen, besteht der Informationswert im Ausschluß von e, i und o. Der nächste Schritt ist noch unsicherer. Trotzdem hat der Buchstabe t eine angebbare Wahrscheinlichkeit. Und wenn er uns mitgeteilt wird, sind wir nunmehr ziemlich sicher, daß sch folgen muß und das Wort Quatsch heißt.
Dieses Messen von Informationsgrößen in der mathematischen Kommunikationstheorie ist nun keineswegs bloße Zahlenakrobatik oder Mathematik um ihrer selbst willen. Sie ermöglicht es, die benötigte Leistungsfähigkeit der mechanischen Wege der Symbolübertragung auszurechnen, dient also ganz speziell der Konstruktion mechanischer (elektronischer, pneumatischer, hydromatischer) Übermittlungs- und Kalkulationsmaschinen. Das wird oft verkannt. Deshalb sind manche Anleihen bei der mathematischen Kommunikationstheorie, wie sie etwa Karl Deutsch für die politischen Wissenschaften oder Max Bense für die Aesthetik versucht haben, in der Übernahme eines wissenschaftlichen Jargons steckengeblieben. 
Mit Hilfe des Verantwortungsbegriffs, den wir gebildet haben, können wir einen wichtigen Schritt weiter tun. Verantwortung ist der ungedeckte Informationswert, das Risiko einer Entscheidung, die mitgeteilt wird, der Überschuß an Information, die jemand gibt, im Vergleich zu der, die er erhalten hat. Verantwortung läßt sich daher – jedenfalls in der Theorie – als Differenz von Informationsgrößen messen. 

Niklas Luhmann: Elemente einer allgemeinen Theorie der Verwaltung [1958]. In: Ders.: Schriften zur Organisation. Hg. v. Lernst Lukas u. Veronika Tacke. Bd. 1: Die Wirklichkeit der Organisation. Wiesbaden: Springer VS 2018, S. 3–107, hier S. 50.