Am 4. Juli 1990 (Seite N3) veröffentlicht Niklas Luhmann in der FAZ »Der Fußball«, s-eine Ausdifferenzierung von Leichtigkeit und Schwere; dies beherzigend – der Leichtigkeit und Flüchtigkeit, den Fungibilitäten und dem Flügelschlag im Nu in der Welt die recht eigentlich bewährte Schwere entgegensetzend, die vom Helden Fritz Walter und seinem Wetter her bis zum Muskelspiel des Titanen gereicht haben wird – holt das deutsche Team am 8. Juli die Weltmeisterschaft, besiegt Argentiniens ›Elf‹ im Finale, im Olympiastadion von Rom, durch einen Elfmeter‹ knapp vor Aus mit 1:0. »Aus, aus, aus, die Differenzierung ist aus: Deutschland ist Weltmeister.« (Flügelstürmer Fabian Steinhauer [☞ * s.u.], a.a.O.: Unter dem Gesetz & Radar)
Die moderne Gesellschaft leidet nicht länger an den Widersprüchen des Kapitalismus, weder in der Sache noch intellektuell. Selbst die ehemals staatssozialistischen Länder beginnen zu lernen, daß man ohne unternehmensspezifische Bilanzen nicht entscheiden kann, was wirtschaftlich rational ist und was nicht. Das erfordert eine Verrechnung von marktabhängigen Geldkosten, Materialkosten und Arbeitskosten im quantitativen Medium des Geldes. Darüber scheint man sich einig zu sein. Aber damit sind nicht alle Probleme gelöst. Denn dies war vielleicht gar nicht das zentrale Problem der modernen Gesellschaft.
Niklas Luhmann: Der Fußball. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 4. Juli 1990, N3 (Wiederabdruck in: Niklas Luhmann: Short Cuts. Hg. v. Peter Genie, Heidi Paris. Martin Weinmann. Frankfurt am Main: Zweitausendeins 2000, S. 88–90).
Was gegenwärtig eher erschreckt oder zumindest überrascht, ist das virulente Auftreten wirtschaftlich chancenloser Stammesnationalismen, oft mit religiösem Treibstoffzusatz. Die artifiziellen Nationenbildungen der frühen Neuzeit, die sich dem Buchdruck und der für ihn geschaffenen Einheitssprache verdanken, verlieren an Integrationskraft und externer Souveränität. Offenbar kann man aber auf die Schwere und Bodenständigkeit nationaler Zugehörigkeiten nicht so leicht verzichten. Hydraartig bilden sie sich neu, für einen gefallenen Kopf viele andere.
Das muß nicht gleich als ein antimoderner Anachronismus verstanden werden. Eher könnte ein Rückgriff auf das Gegensatzpaar von Leichtigkeit und Schwere (leggerezza/pesantezza) überzeugen, das Italo Calvino in der ersten seiner Lezioni Americane als Stichwort für das kommende Jahrtausend vorstellt. Und in der Tat: Die weltweiten internationalen Dispositionen sind von einer eigentümlichen Leichtigkeit und Flüchtigkeit, mag man an die internationalen Finanzmärkte oder die Mode, das Aufgreifen und Erproben wissenschaftlicher Theorien oder an die Prozesse des Anwärmens und Abkühlens politischer Beziehungen denken. Die Rapidität der Massenmedien und die elektronisch vermittelte Kommunikation haben denselben Effekt. Um das aushalten zu können, braucht man offenbar Gegengewichte der Schwere, der Bindung, des dumpfen, indisponiblen Gefühls, für das man selber nichts kann, in das man gewissermaßen hineingeboren ist.
Man müßte es bei dieser Gegenüberstellung belassen, gäbe es nicht – den Fußball. Mehr als irgendeine andere Spezialität der Moderne eignet er sich dazu, die Einheit von Leichtigkeit und Schwere zu symbolisieren. Sein System hat keinen Zweck, aber es ist bistabil, man kann gewinnen und verlieren. Die Positionen auf dem Feld und auf der Tabelle wechseln ständig – auf Grund größter Anstrengung, aber dann doch irgendwie schnell und leicht. Der Marktwert ist kaum zu überschätzen, man kann nicht nur die Bälle kaufen, sondern auch die Spieler. Aber die Zuschauer können sich mit dem Gewicht ihrer nationalen Gefühle, ihre Fans sogar mit dem Gewicht ihrer Körper engagieren. Der Ball fliegt durch die Luft – und fällt zu Boden, und auch die Fotografen haben einen Sinn dafür. Sie fotografieren die Spieler gern ohne Bodenberührung in der Luft oder am Boden liegend, laufend oder ineinander verhakt, so als ob es gälte, das Symbol Fußball mit seinen beiden Seiten zu präsentieren: mit Leichtigkeit und Schwere. Und schließlich symbolisiert die Rundheit des Balles genau das: Leichtigkeit und Schwere in einem.
Niemand wird erwarten, daß Probleme der skizzierten Art auf der Ebene ihrer Symbolisierung gelöst werden können. Eher wird man vermuten dürfen, daß die Unlösbarkeit des Problems die Faszination durch das Symbol erklärt.



herabgeübt.«
Daran ist interessant und ausbaufähig der Gedanke, dass die normative Geregeltheit der wechselseitigen Orientierung des Verhaltens das Wesen der Organisation ausmacht (schon in meine Sprache übersetzt!).
Aber das allein genügt ohne Zweifel für unsere Zwecke nicht. [ZK I Zettel 83,2c1a13]

Wichtig ist ferner noch, dass diese normierenden Spielregeln nicht etwa fixierte Zwecke sind! Sie sind von den Zwecken, die der Spieler verfolgt, samt dem Endzweck des Spiels überhaupt (Sieg) unterschieden!
So auch Gehlen, S. 33 und überhaupt. Das entspricht dem Begriff »Regel« [.] [ZK I Zettel 83,2c1a14]
☞ * von diesem der Hinweis auf König Fußball zu Bielefeld:
Man kann also vermuten, daß Objekte, die sich aus der rekursiven Anwendung von Kommunikationen auf Kommunikationen ergeben, mehr als irgendeine Art von Normen und Sanktionen dazu beitragen, soziale Systeme mit den nötigen Redundanzen zu versorgen. Das mag dann erst recht für eigens für diese Funktion erfundene Objekte gelten, zum Beispiel Könige oder Fußbälle. […] Solche »Quasi-Objekte« […] sind nur von dieser Funktion her begreifbar. Sie nehmen genügend Varianz auf, genügend Wiedererkennbarkeit in wechselnden Situationen, um Wechselfälle sozialer Konstellationen begleiten zu können. Aber sie behalten, im Unterschied zu Begriffen, die durch spezifizierte Antonyme bestimmt sind, auch in wechselnden Lagen ihre Objektheit im Sinne des Ausschlusses des unmarked space aller anderen Vorkommnisse oder Zustände. Sie sind nichts anderes als sie selbst, und kein Begriff kann ihnen gerecht werden.
Niklas Luhmann: Die Kunst der Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1995, S. 81 f.
Kunstwerke sind […] durch Totalausschluß alles anderen individuiert; aber dies nicht, weil man sie als vorgefunden konstruiert, sondern weil ihr sozialer Regelungsbereich in ihrem Objektsinn immer schon mitgedacht ist. Wie Könige und Fußbälle muß man auch Kunstwerke intensiv und am Objekt beobachten; nur so – und im Steigerungsfall durch Beobachtung anderer Beobachter mit Hilfe desselben Objekts – erschließt sich das soziale Regulativ. Der Objektbezug dient mithin der Ausdifferenzierung von rekursiven Beobachtungszusammenhängen – der Hof, das Fußballspiel, die Kunstszene –, die dann ihrerseits ihr Leitobjekt konstruieren.
Auf diese Weise wird die Ausgrenzung des unmarked space mitgeführt – und vergessen. Sie kann der Religion überlassen bleiben.