Paperbacklash

Beginnend mit Philipp Felsch und einem Podcast (Note to myself: Radio und Podcast als jene mediale Formen, die eine ganz andere Einlassung auf das Gesprochene evozieren, als ein Videocast oder selbst ein TV-Interview von Alexander Kluge es vermögen? – hierin Vergleichbarkeiten zu den unterschiedlichen Erscheinungsformen von Büchern, einerseits analog/digital, andererseits mit Bildern/mit Fußnoten, zum Dritten mit gebunden/Paperback und davon ausgehend den Strang entwickeln) der Microformen des Graduiertenkollegs „Kleine Formen“ (http://www.kleine-formen.de/interview-mit-philipp-felsch/) – das Taschenbuch als Träger von Theorie, die von Philosophie geschieden wird, als „Streetwear“ und Geste/Distinktionsmerkmal, dass das Format hier für einen auch nach außen hin angezeigten Paradigmenwechsel steht, der mit Kultur/en und Gegenwart zu tun hat … medienarchäologisch die Frage stellen, ob sich derartige Effekte und „Mitgemeintes“ als Geste schon früher feststellen lassen (um derart noch genauer auf die Taschenbuch-Kultur, diese Spezifik der Kapitalisierung des Buchmarktes, als Form und Ausdruck zurückkommen zu können). Gewiss wäre da auf Reclam und seine Universalbibliothek [RUB] nebst Bücherautomaten einzugehen (und keinesfalls auf die Theorie des Seriellen zu vergessen, das sowohl Gegenstand der Kritik wird, als auch Ausweis eines je spezifischen Gegenwarts- respektive Zeitgeists stehen mag), aber die Geschichte des (gedruckten) Taschenbuchs beginnt natürlich noch früher; sie beginnt in Venedig, im Offizin des Aldus Manutius (aka Aldo Manuzio) – und setzt relativ bald nach Aufkommen und Verbreitung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern in festen Rahmen ein.

Denn der (auch kaufmännische) Erfindungsreichtum dieses Manutius passte natürlich präzise in die für das gedruckte Buch wesentliche Zeit 1450-1500, als hunderte Buchdruckereien in der Serenissima öffneten und dieses Geschäft nachhaltig betrieben. (Erasmus von Rotterdam kam auf Jahre hierher, um seine Schriften bestmöglich zu publizieren und damit seinen Ruf zu begründen.) Eine sehr grundlegende Geschichte der Typografie und ihrer teils radikalen Innovationen wäre da zu verfassen (und wurde mehrfach auch schon vorgelegt, aktuell kümmert sich ein Groß-Projekt wie 15cBooktrade – http://15cbooktrade.ox.ac.uk/ – um diesen bedeutsamen Teil der Kulturgeschichte), gekoppelt mit Materialitätsfragen wie den verwendeten Papieren und Pappen oder auch den grafischen wie Satzspiegel und Zeilendurchschuss, ebenso eine (gewiss: weitere zu den bereits vorgelegten) des Vertriebs.

Davon für diesmal absehend sei auf die Geste, die Distinktion zurückzukommen – und die Frage, ob sich dieses Phänomen des ostentativen ‚Bildungs- und Anspruchs-Ausweises Paperback‘ schon früher beobachten lässt. Und eben dies ist der Fall. In einer 2016 groß angelegten Ausstellung zu Leben, Werken und Geschäften Aldus Manutius‘ in der Galleria dell‘Accademia (Aldo Manuzio. Il rinascimento di Venezia) wurden u.a. zahlreiche Portraits von VenezianerInnen der oben 1.500 (der Adeligen und Kaufleute) gezeigt, die allesamt eines gemeinsam hatten: die Abgebildeten hielten ein Taschenbuch in der Hand (in der Accademia wurden einige der Portraits gezeigt, bei denen ein Taschenbuch aus dem Offizin Manuzios zur Schau getragen wird). Nimmt man diese Beobachtung auf und sieht sich daraufhin auch andere (v.a. venezianische) Darstellungen der zweiten Hälfte des 15. und ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts an, wird man sozusagen eine ganze Bibliothek vorgemalt finden – derart häufig wurde ausgerechnet ein Taschenbuch in die Hand genommen (zumindest vom Maler) und Teil der Bildkompositionen. Hierbei geht es natürlich wesentlich um eine Geste, ein notwendig erscheinendes Distinktionsmerkmal, beinahe so als würde man heute Selfies machen, bei denen man unübersehbar ein Tablet, einen Kindle oder ein iPad lässig-locker mit sich führt. Und kommt man von diesen Beobachtungen zurück zu den Anmerkungen Felschs für die Kleinen Formen, gewinnt man für beide Pole der bislang über 550 europäische Jahre dauernden Geschichte des gedruckten Buches einen weiteren Mehrwert. Es geht um eine Geste der Selbstverständlichkeit im Umgang mit Kultur (als würde man sichtbar ein Merve-oder Suhrkamp-Bändchen im etwas abgewetzten Tweed-Sakko und auf universitärem Boden mit sich führen), die eine Distinktion der Aufmerksamkeit und Präsenz in der Gegenwart signalisiert; und gewiss spielt bei Bedarf auch Enzensbergers Analyse der „Bildung als Konsumgut“ und die reflektierte Skepsis im Umgang mit Seriellem eine Rolle. Gleichzeitig sind aber auch Formen der Vereinnahmung, der Produktion und Distribution von Wissen im Spiel. En passant wird dann auch der Anspruch auf Bildung als Allgemeingut (Preisgestaltungen Taschenbuch vs. Gebundes Buch, höhere vs. kleinere Auflagen) sich anbieten, geht es um Modeerscheinungen et cetera. Den Ausgangspunkt aber stellen stets die Taschenbücher als formatbedingte Kompressionen dar, Ausweise einer Möglichkeit intellektueller Erstschlagkapazität.

http://www.kleine-formen.de/microform-podcast/

http://15cbooktrade.ox.ac.uk