Raumflächen

Anfangs ritzte man ein, trug auf, verzeichnete sich, hinterließ Spuren im Material und Raum. Mit Papyrus, Pergament und dann Papier und darauf durchgesetzten Ansprüchen kam man in die Verbindlichkeit der zweidimensionalen Zeichen. Erst in der Frühen Neuzeit und dann bis ins späte 19. Jahrhundert entdeckte die Büroarbeit den für ihre Arbeitsteilung und Organisation optimierbaren Raum – die Bezeichnung Bureau sprang von den Kontortischen der Kaufleute auf die Schreibtische der für die Zeit maschinierter Datenverarbeitung so schriftfähigen Frauen in den Vorzimmern über, auf Büromöbel und Rechnerverbünde – »Die Statistik aber ist eindeutig« meint auch: die Probalistik, vor der alle gleich seien, braucht ihren Raum –, um im Amtszimmer und der Bürolandschaft unsere Verwaltungs-Umwelt im Namen moderner Zeiten einer für notwendig erkannten Setzung verdichteter Routine-Akten zu unterwerfen. Am Ende der 1960er Jahre setzten die unter Strom stehenden Rechner – der militärisch-industrielle Komplex hatte sich ihnen vorbehaltlos ergeben und es galt, weitere ›Kunden‹ zu generieren, mithin Zug um Zug alles zur automatisierten Verrechnung zu bringen, selbst das Recht – eine medientechnische Parallelaktion zur analogen Verwaltung; mit den – etwa aus den »Labs« (die gleichsam Tür an Tür mi den Büros entstanden) der Multiplikatoren von Xerox herrührenden – Anfängen der Graphical User Interfaces ging es zu Beginn der 1980er aus den Tiefen der alten Schaltkreise auf die neue Oberfläche zurück und verblieb dort. Papierkörbe, Aktenordner, Stechuhren werden in der Fläche auf Icons und Widgets reduziert, die zwischen den Zumutungen der Maschinensprache und der Alltagswelt ihrer Nutzer:innen vermitteln. Pfeile sirren wie Mäuse über flimmernde Schreibtische. Bis hin zur Einführung von Tablets und den Lobliedern auf die Wiederentdeckung der Fingerspitzen für die neu(platonisch)en Höhlenmalereien erlebte die Fläche auf den ephemeren Schnittstellen unserer digitalen Begleiter ein beispielloses Revival: sie wird operationalisiert. Dabei ist seit jeher, scheint’s, die Zweidimensionalität in die Dreidimensionalität ihrer Anwendung wie Bezugnahme eingewoben. Kulturtechniken einer Verwaltung – Schichten, sichten, scheiden; rechnen, zeichnen, schreiben; aufzeichnen, adressieren, entscheiden – werden in den Räumen der Organisationen auf tatsächlichen wie simulierten Oberflächen angewandt, was so weit geht, dass die Simulation des Raums zur ihr sich verpflichtenden organisationalen Restrukturierung der Arbeit im Raum führt. Die GUI gibt vor, wie es ihr gemäß abzulaufen hat (von der Tonscherbe zur Loseblattsammlung zum Akt zum Elektronischen Akt, wenn die Haftungsregime noch geltend gemacht werden können, ist der Weg erheblich länger, als von dort in die Black Box, die nicht mehr haftbar zu machen gewesen sein wird; der Passierschein A38 ist vielleicht nicht in Zimmer 404), der somit operationalisierte Raum aber gerät samt seiner – dies die These – verbleibenden Wirkmächtigkeit in Vergessenheit, außer man hat seine Topfpflanze zu gießen, sieht aus dem Fenster, verzehrt die mittägliche Beamtenforelle am Schreibtisch, auf dem sonst der neue Schreibtisch aufgerichtet ist. So wie es eine Geschichte von den ergonomisch schräggestellten Schreib- und Lesestehpulten her gibt, die man in den Wechselstuben in die Waagrechte kippte, mit der Proto-Tabellierung der Burre bespannte, um das Geldzählen und -wechseln zu erleichtern, die man dann gleich – mit grünem Tuch bespannt – in der Horizontalen beließ, um Friedensverträge zu unterzeichnen und Ländergrenzen zu verschieben, bis im Format von TV-Bildschirmen diese scheinbaren Schreibunterlagen sich als die neuen Tafeln aufrichteten und sich als das neue Büro andienten, gibt es auch eine Geschichte der all dies umgebenden tatsächlich gebauten Räume. Verwaltung ist nicht nur zu organisieren, ihr symbolisches Handeln – das Verarbeiten, Prozessieren von und Entscheiden über Daten, auch: ihr Kopieren – ist stets einzuhausen. Wenn unsere Schreibwerkzeuge an unseren Gedanken mitarbeiten, so bestimmen die Räume, in denen wir dies tun, selbstverständlich die Setzungen. Tabelliermaschinen in Hallen, systematisierte Stanzungen in die Ober-Flächen der Lochkarten, die Durchschläge der Schriftsätze qua Kohlepapier, CC: Carbon Copies & @, klappernd auf Schreibmaschinen in den Büros neben und über den Hallen, dort erst recht und notwendigerweise auf waagrechten Tischen, schräg aus sich die noch analogen neuen Tafeln erwachsen lassend, sie mittels Aktenordnern (notwendigerweise zusammen mit dem Locher patentiert und nunmehr organisiert senkrecht zu stellen) verfügbar machend, bestimmen die Lage der Verwaltungen auf 1900 zu und danach. Räume sind dem Papiergebrauch gewidmet, darin hat sich alles anzuordnen. Als es zwei Weltkriege, die Einrichtung veritabler Medienverbünde und einiger Beschleunigungstechniken später wieder still wird, ist es um die Räume geschehen, werden diese in die gleichsam dialektisch operationalisierten und operationalisierenden Flächen gebracht.