
Paris. 11 Juni. 1933. Sonntag.
Georg Bernhards, Xavier Marcu u. Anton Kuh frühstückten bei mir im Hotel. Kuh liess ein Brillant Feuerwerk von Witzen u. Anekdoten los. Eine Geschichte, die er erzählte, war fast Shakspearisch. Am 31 Juli 1914, in Wien, als Alles auf die serbische Antwort auf das österreichische Ultimatum wartete, hat er Berchthold im Wurschtel Prater gesehen an einem Karrussell, das als Treffplatz für Strich-Jungens bekannt war. Ein bildhübscher Junge in weissen Hosen u. weissem Pullover fuhr auf dem Karrussell u. zwinkerte mit einem Auge einem eleganten Herren zu, der ihn immerfort anschaute. Als das Karrusell Pause machte, stieg der Junge ab und gieng auf den Herren zu, der ihn begrüsste und mitnahm. Der Herr war Berchthold. Im Augenblick, wo die beiden zusammen fortgiengen, kamen unter grossem Geschrei die Zeitungsjungen mit Extrablättern gelaufen: »Serbische Antwort auf das Ultimatum. – Krieg mit Serbien, Österreichischer Einmarsch in Serbien!« Der Beginn des Weltkriegs, den Berchthold herbeigeführt hatte. – Nachmittags bei Mme Paul Clemenceau, wo Painlevé getroffen, der entsetzlich krank aussieht. Paul Clemenceau führte uns in sein Arbeitszimmer, wo ich mich längere Zeit allein mit Painlevé unterhielt, bis uns der neue österreichische Gesandte Günther störte. Painlevé sprach ganz bedrückt über die Ereignisse in Deutschland. Qui aurait jamais cru que de tels évènements pourraient se produire à notre époque. Cela nous ramène de 500 ans en arrière.« Günther, der gerade bei diesen Worten hereinkam, schwieg steif. Er machte auf mich überhaupt einen recht diplomatischen Eindruck, ein ängstlicher Bürokrat.
[Harry Graf Kessler; Tagebucheintrag, Paris (Frankreich), 11. Juni 1933]