Geisterwelt

(Eine zum Zwecke des Vortrags konsolidierte Fassung findet sich als »Gespenster & Medien; oder Von blutigen Köpfen und Schädelstätten« a.a.O.)

Velut aegri somnia, vanae.
Finguntur species

Horaz (Motto für Kants »Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik«, 1766)

Okkulte Erscheinungen sind ohne (technische) Medien nicht zu haben. (Und der Verdacht, dass das aus unseren kulturhistorischen Datensenken, -schwemmen und den Kulturtechniken des Fern-Sehens, der Unheimlichkeit und Beschwörung heraus bis zu einem gewissen Grad auch umgekehrt gelten könnte, besteht.) Die Geister sind in den Apparaten. (Aber vielleicht braucht es auch nur eine Telefonanalyse oder eine Märchenstunde, um Abhilfe zu schaffen.)

Im Okkultismus und Mediumismus scheinen die Körper wie Maschinen, die benützt werden, anderen zu gehören, durch die sich etwas offenbart, ›zu uns spricht‹. Hierin scheint nicht nur eine Verwandtheit zu einem rätselhaften – weil so selbstverständlich erscheinenden – Mediengebrauch zu bestehen, sondern auch eine Nähe zu den seit jeher mit Geistererscheinungen zwingend einhergehenden Medienfertigkeiten und der Rede von den »Black Boxes«, als die sich die Medienmechaniken bei etwas unscharfer Sicht darauf darstellten.

»Bei mir steht kein Zug umsonst da; in meinem Buche und in meinem Leib hängen Stücke Milz; aber der Nutzen dieses Eingeweides wird schon noch herausgebracht. –«

Jean Paul: Die unsichtbare Loge. In: Ders.: Sämtliche Werke, Abt. I, Bd. 1, S. 89

– und der Schauer, der für den einschlägig ins Erfolgsschema sich fügenden Roman als Serie geschaltet werden muss (eine Kette der Effekte, um die bewährte Wirkung stets neu in Gang zu bringen), entfaltet seine Mechanik:

Es werden einmal – (sagte der Ritter) – drei Unbekannte, einer am Morgen, einer mittags und einer abends, zu ihm kommen, und jeder wird ihm ein eingesiegeltes Kartenblatt zustellen, worauf bloß der Name der Stadt und des Hauses steht, worin das Bilderkabinett, das Albano noch dieselbe Nacht besuchen muß, zu finden ist. Im Kabinett soll er alle Nägel der Bilder durchtasten und drücken, bis er auf einen kommt, hinter welchem der Druck eine in die Wand eingebaute Repetieruhr zwölf zu schlagen nötigt. Hier findet er unter dem Bilde eine geheime Tapetentür, hinter welcher eine weibliche Gestalt mit einem offnen Souvenir und mit drei Ringen an der Linken und mit einem Crayon in der Rechten sitzt. Drückt er den Ring des Mittelfingers, so richtet sich die Gestalt unter dem Rollen des innern Getriebes auf, tritt in das Zimmer, und das auslaufende Gehwerk stockt mit ihr an einer Wand, woran sie mit dem Crayon ein verstecktes Fach bezeichnet, in welchem ein Taschenperspektiv und der wächserne Abdruck eines Sargschlüssels liegen. Das Okularglas des Perspektivs ordnet durch einoptische Anamorphose den Wirrwarr alternder Linien auf dem heute empfangenen Medallion der Schwester zu einer holden jungen Gestalt, und das Objektivglas gibt dem unreifen Bilde der Mutter die Merkmale des längern reifern Lebens zurück. Dann drücket er den Ringfinger, und sogleich fängt die stumme kalte Figur mit dem Crayon in das Souvenir zu schreiben an und bezeichnet ihm mit einigen Worten den Ort des Sarges, von dessen Schlüssel er den wächsernen Abdruck hat. Im Sarge liegt eine schwarze Marmorstufe, in Gestalt einer schwarzen Bibel; und wenn er sie zerschlagen hat, trifft er einen Kern darin, aus dem der Christbaum seines ganzen Lebens wachsen soll. – Ist die Stufe nicht im Sarge, so gibt er dem letzten Ringe des Ohrfingers einen Druck – was aber dann dieses hölzerne Guerikes-Wettermännchen seines Schicksals beginne, wußte der Ritter selber nicht vorauszusagen.

Jean Paul: Titan. In: Ders.: Sämtliche Werke, Abt. I, Bd. 3, S. 40

»Das Wunder« (versetzte Gaspard) »oder die Geisterwelt wohnt nur im Geiste.« – »Wir müssen uns« (fuhr jener fort) »auch bei den gemeinsten optischen Kunststücken auf etwas anderes als auf die Auflösung des Trugs der Phantasie in einen Trug der Sinnen freuen, weil uns sonst nach der Auflösung das Zauberwerk mehr gefallen müßte als vorher. Das sind die Stellen und Pole der menschlichen Natur, worüber die ewigen Polarwolken hängen. Unsere Landkarten vom Wahrheits- und Geisterreiche sind die Landkartensteine, welche Ruinen und Dörfer abbilden; diese sind erlogen, aber doch ähnlich. Der Geist, ewig unter Körper gebannt, will Geister.«

Jean Paul: Titan. In: Ders.: Sämtliche Werke, Abt. I, Bd. 3, S. 562f.

Kurz darauf radiert Georg Wilhelm Friedrich Hegel im Licht der Laterna Magic und schwarzromantisch durch die Seinsbestimmung zu einer Jenaer Realphilosophie:

Dies die Nacht, das Innere der Natur, das hier existiert – reines Selbst, – in phantasmagorischen Vorstellungen ist es rings um Nacht, hier schießt dann ein blutig Kopf, – dort eine andere weiße Gestalt plötzlich hervor, und verschwinden ebenso – Diese Nacht erblickt man, wenn man dem Menschen ins Augeblickt – in eine Nacht hinein, die furchtbar wird, – es hängt die Nacht der Welt hier einem entgegen.

GWF Hegel: Jenaer Realphilosophie. Vorlesungsmanuskripte zur Philosophie der Natur und des Geistes von 1805–1806. Hg. v. Johannes Hoffmeister. Hamburg: Meiner 1967, S. 180f.

Schockeffekte, eine ungefähre Erinnerung an einstige Revolutionstage (als eine Maschine eine Idee wurde, nunmehr zu solchen ernannte »BürgerInnen« im weißen Hemd zum Schafott gebracht wurden, um sich einen blutigen Kopf zu holen) und ein von etwas mangelhaftem Differenzierungsvermögen gekennzeichnetes Selbst. Schon Schiller – der in seinem ersten Anlauf zur Dissertation, der »Philosophie der Physiologie«, dem »Nervengeist« wesentlichen Platz samt Bedeutung als Schnittstelle/Interface für den Austausch von Innen-Außen samt Wahrnehmungen eingeräumt hatte – ließ in seinem »Geisterseher« ähnlich sortierte Gestalthaftigkeiten aufmarschieren (und wie seine LeserInnen wissen, liegt allem Spuk dieser Séance bloß ein Trickbetrug, ein künstlich herbeigeführter Täuschungseffekt, im Dienste der Aufklärung des Kant-Lesers Schiller [u.a. wenn alle Apparate und Mechaniken genau erklärt werden], auf der Romanebene im Sold der Macht und des Kampfes um religiöse Vormachtstellung, zugrunde):

Unter den heftigsten Zuckungen rief er den Verstorbenen dreimal mit Namen, und das dritte Mal streckte er nach dem Kruzifixe die Hand aus – – [/] Auf einmal empfanden wir alle zugleich einen Streich wie vom Blitze, daß unsere Hände auseinander flogen; ein plötzlicher Donnerschlag erschütterte das Haus, alle Schlösser klangen, alle Türen schlugen zusammen, der Deckel an der Kapsel fiel zu, das Licht löschte aus, und an der entgegenstehenden Wand über dem Kamine zeigte sich eine menschliche Figur, in blutigem Hemde, bleich und mit dem Gesicht eines Sterbenden. […] Hier erzitterte das Haus von neuem. Die Türe sprang freiwillig unter einem heftigen Donnerschlag auf, ein Blitz erleuchtete das Zimmer, und eine andere körperliche Gestalt, blutig und blaß wie die erste, aber schrecklicher, erschien an der Schwelle. Der Spiritus fing von selbst an zu brennen, und der Saal wurde helle wie zuvor.

Friedrich Schiller: Sämtliche Werke. Bd. 5. München: Hanser 31962, S. 48-104, hier S. 63f.

Besuche im Geisterreich wie jene von Hegel oder Schiller erfahren unweigerlich ihre Markierungen und Eindrücke, auch wenn diese kurze Zeit später eine geglättete Wiedergabe, zu einer Phänomenologie des Geistes hin, aufweisen:

Die andere Seite aber seines Werdens, die Geschichte, ist das wissende, sich vermittelnde Werden – der an die Zeit entäußerte Geist; aber diese Entäußerung ist ebenso die Entäußerung ihrer selbst; das Negative ist das Negative seiner selbst. Dies Werden stellt eine träge Bewegung und Aufeinanderfolge von Geistern dar, eine Galerie von Bildern, deren jedes, mit dem vollständigen Reichtume des Geistes ausgestattet, eben darum sich so träge bewegt, weil das Selbst diesen ganzen Reichtum seiner Substanz zu durchdringen und zu verdauen hat. Indem seine Vollendung darin besteht, das, was er ist, seine Substanz, vollkommen zu wissen, so ist dies Wissen sein Insichgehen, in welchem er sein Dasein verläßt und seine Gestalt der Erinnerung übergibt. In seinem Insichgehen ist er in der Nacht seines Selbstbewußtseins versunken, sein verschwundenes Dasein aber ist in ihr aufbewahrt; und dies aufgehobene Dasein – das vorige, aber aus dem Wissen neugeborene – ist das neue Dasein, eine neue Welt und Geistesgestalt.

GWF Hegel: Das absolute Wissen. In: Ders.: Werke, Bd. 3: Phänomenologie des Geistes. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1979, S. 575–592, hier S. 590

Und gleich darauf ist schon der Kelch bis zur Neige zu leeren:

Das Ziel, das absolute Wissen, oder der sich als Geist wissende Geist hat zu seinem Wege die Erinnerung der Geister, wie sie an ihnen selbst sind und die Organisation ihres Reichs vollbringen. Ihre Aufbewahrung nach der Seite ihres freien, in der Form der Zufälligkeit erscheinenden Daseins ist die Geschichte, nach der Seite ihrer begriffenen Organisation aber die Wissenschaft des erscheinenden Wissens; beide zusammen, die begriffene Geschichte, bilden die Erinnerung und die Schädelstätte des absoluten Geistes, die Wirklichkeit, Wahrheit und Gewißheit seines Throns, ohne den er das leblose Einsame wäre; nur aus dem Kelche dieses Geisterreiches schäumt ihm seine Unendlichkeit.

Ibid., S. 591

Karl Marx und Friedrich Engels wird dieses Bacchanal des Geistes späterhin nicht ausreichen, sodass sie in der »Deutschen Ideologie« die Ideologie medientechnisch gesehen auf einen Sprung in die strenge Kammer führen und do. ausleuchten müssen:

Das Bewußtsein kann nie etwas Andres sein als das bewußte Sein, und das Sein der Menschen ist ihr wirklicher Lebensprozeß. Wenn in der ganzen Ideologie die Menschen und ihre Verhältnisse wie in einer Camera obscura auf den Kopf gestellt erscheinen, so geht dies Phänomen ebensosehr aus ihrem historischen Lebensprozeß hervor, wie die Umdrehung der Gegenstände auf der Netzhaut aus ihrem unmittelbar physischen.

Marx/Engels, MEW Bd. 3, S. 26

(Dabei heißt es doch bei Friedrich Kittler in einem einschlägigen Aufsatz aus 1994, betreffend Schillers und Hoffmanns Medienstrategien: »Modell für romantische Wirkungspoetiken stand also weniger die Camera obscura als vielmehr ihre technische Umkehrung: die Laterna magica.«)

Eine Camera obscura muss es also sein. Primäres Kennzeichen ist, dass die diversen optischen Effekte, die in der Wahrnehmungssituation einer Camera obscura münden, alle auszeichnet, dass sie eine Brechung herbeiführen. Bekanntlich handelt es sich bei einer C.o. um eine Projektionsform, die ein auf dem Kopf stehendes Abbild projiziert, das über diverse Spiegelungen erst ›aufgerichtet‹ werden kann – es handelt sich sozusagen um die mechanische Variante der menschlichen Wahrnehmung, bei der die auf dem Kopf stehende Optik durch die Gehirnleistung ›zurechtgerückt‹ wird. (»Die einzige Möglichkeit, um die Menschenseele zugunsten der Gesellschaft zu lenken, ist der Mediumissmus.« – wird es 1921 bei Robert Müller in dessen Roman »Camera obscura« heißen.)
Es wird also vom »blutig Kopf« eine »weiße Gestalt« auf die Füße zu stellen sein (und schon1852 wurde im »Achtzehnten Brumaire« – natürlich alles ganz ordentlich:

Wenn irgendein Geschichtsausschnitt grau in grau [der Schatten von GWF Mindervas Eule zieht übers Feld; Anm.] gemalt ist, so ist es dieser. Menschen und Ereignisse erscheinen als umgekehrte Schlemihle, als Schatten, denen der Körper abhanden gekommen ist. Die Revolution selbst paralysiert ihre eigenen Träger und stattet nur ihre Gegner mit leidenschaftlicher Gewaltsamkeit aus. Wenn das »rote Gespenst«, von den Kontrerevolutionären beständig heraufbeschworen und gebannt, endlich erscheint, so erscheint es nicht mit anarchischer Phrygiermütze auf dem Kopfe, sondern in der Uniform der Ordnung, in roten Plumphosen.

Karl Marx: Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. MEW Bd. 8, S. 136

– mancher Schädel wieder zurechtgerückt und ist die Semantik samt ihrer Metaphern und Metonymien eine spukhafte sondergleichen; Obacht, wenn das Gespenst »endlich in Fleisch und Blut erschien«! [Ibid., S. 189]) …

Die Mystifikation, welche die Dialektik in Hegels Händen erleidet, verhindert in keiner Weise, daß er ihre allgemeinen Bewegungsformen zuerst in umfassender und bewußter Weise dargestellt hat. Sie steht bei ihm auf dem Kopf. Man muß sie umstülpen, um den rationellen Kern in der mystischen Hülle zu entdecken.

Karl Marx: Das Kapital I. MEW, Bd. 23 (Nachwort zur zweiten Auflage), S. 27

Womit wir im »Kapital« und beim »Fetischcharakter der Ware« und seinem »Geheimnis« anlanden könnten:

Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen. Durch dies Quidproquo werden die Arbeitsprodukte Waren, sinnlich übersinnliche oder gesellschaftliche Dinge. So stellt sich der Lichteindruck eines Dings auf den Sehnerv nicht als subjektiver Reiz des Sehnervs selbst, sondern als gegenständliche Form eines Dings außerhalb des Auges dar. Aber beim Sehen wird wirklich Licht von einem Ding, dem äußeren Gegenstand, auf ein andres Ding, das Auge, geworfen. Es ist ein physisches Verhältnis zwischen physischen Dingen. Dagegen hat die Warenform und das Wertverhältnis der Arbeitsprodukte, worin sie sich darstellt, mit ihrer physischen Natur und den daraus entspringenden dinglichen Beziehungen absolut nichts zu schaffen. Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt. Um daher eine Analogie zu finden, müssen wir in die Nebelregion der religiösen Welt flüchten. Hier scheinen die Produkte des menschlichen Kopfes mit eignem Leben begabte, untereinander und mit den Menschen in Verhältnis stehende selbständige Gestalten. So in der Warenwelt die Produkte der menschlichen Hand. Dies nenne ich den Fetischismus, der den Arbeitsprodukten anklebt, sobald sie als Waren produziert werden, und der daher von der Warenproduktion unzertrennlich ist.
Dieser Fetischcharakter der Warenwelt entspringt, wie die vorhergehende Analyse bereits gezeigt hat, aus dem eigentümlichen gesellschaftlichen Charakter der Arbeit, welche Waren produziert.

Karl Marx: Das Kapital I. MEW Bd. 23 (Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis), S. 86f.

Exkurs:

Bereits zuvor hatte Marx festgehalten, was von der Arbeit und mit ihr den Arbeitenden nach Produktwerdung im Kapitalistischen Ausbeutungsmodus übrigbliebe:

Betrachten wir nun das Residuum der Arbeitsprodukte. Es ist nichts von ihnen übriggeblieben als dieselbe gespenstige Gegenständlichkeit, eine bloße Gallerte unterschiedsloser menschlicher Arbeit, d.h. der Verausgabung menschlicher Arbeitskraft ohne Rücksicht auf die Form ihrer Verausgabung.

Karl Marx: Das Kapital I. MEW Bd. 23, S. 52)

– Es geht um den Tauschwert der Ware, Kern kapitalistischer Ökonomie, von dessen Erstellung (an Assembly- und Disassembly-Lines) nichts als eine formlose Masse übrigbliebe. Vergleicht man dieses Sprachbild von der »Gallerte« mit Edgar Allan Poes gut zwanzig Jahre davor erschienener und furios erfolgreicher Geschichte »The Facts in the Case of M. Valdemar«/»Die Tatsachen im Falle Valdemar« (1845) – wenn dieser im finalen Moment zerfällt, rapide verwest, während seine Zunge noch wie ein Telegraf die letzten Signale funkt – liegt eine weitere Querbeziehung des Gespenstischen und der Gestaltwandlung :

As I rapidly made the mesmeric passes, amid ejaculations of ›dead! dead!‹ absolutely bursting from the tongue and not from the lips of the sufferer, his whole frame at once—within the space of a single minute, or even less, shrunk—crumbled—absolutely rotted away beneath my hands. Upon the bed, before that whole company, there lay a nearly liquid mass of loathsome—of detestable putridity.

Edgar Allan Poe: The Facts in the Case of M. Valdemar (1845)

Exkursende.


An dieser Stelle möchte ich, um es kurz zu machen, vorschlagen, nochmals den medialen Aspekt zu berücksichtigen, wenn es um die Geister und Gespenster geht. Wendet man die Frage nach dem medialen Mehrwert auf den ersten Satz des obigen Zitats zum Fetischcharakter der Ware an, ginge es mithin um ›das Geheimnisvolle der Medienform‹, die natürlich von der Warenfrage kaum isoliert zu betrachten ist, haben wir es mit Innen-Außen-Projektionen, mit Reflexionen zu tun. Was man sich vorstellt, ist nicht selten der Geist. Nur wird es dann blutig (Hegels Kopf!), wenn das Kapital damit zusammenstößt:

Das Kapital hat aber einen einzigen Lebenstrieb, den Trieb, sich zu verwerten, Mehrwert zu schaffen, mit seinem konstanten Teil, den Produktionsmitteln, die größtmögliche Masse Mehrarbeit einzusaugen. Das Kapital ist verstorbene Arbeit, die sich nur vampyrmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und um so mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt.

Karl Marx: Das Kapital I. MEW Bd. 23, S. 247

Dann gehen die Gespenster um (wie blutarm auch immer), wie seit 1848 klar gestellt wurde:

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus. Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet, der Papst und der Zar, Metternich und Guizot, französische Radikale und deutsche Polizisten.

Marx/Engels: MEW Bd. 4, S. 461

Die Vorläufer dieses wunderbaren Halbsatzes vom umgehenden Gespenst, was hier aufgegriffen wird, sind natürlich die zahlreichen Reden der Reaktion über die Revolutionäre in Frankreich, Irland, Amerika etc. 1789ff. – diese seien wie Gespenster über die Herrschenden gekommen, blutdürstig. Hierbei kommen übrigens ›neue Medien‹ mit ins Spiel, die bis dahin nur sehr bedingt Gehör fanden. (Davon an anderer Stelle.)


Eine These (bevor es per Gutenberg durch die Turing-Galaxis zurück in die Nacht geht):
Geister in den Dingen, Apparaten, Maschinen und Netzwerken sind eine Übersetzung – alle Geister und Gespenster sind Über-Setzungen; auch: Projektionen – dessen, was sich als Eigengesetzlichkeit derselben, als ihre Materialität und Funktionsweise benennen lässt. Diese wird jedoch nicht vollständig begriffen, d.h. ihre Verweissysteme & -möglichkeiten können nicht restlos ausgedeutet und verstanden, eingeordnet werden. Es gibt mithin einen Überhang an Nichtfassbarem und damit auch Nichtbenennbarem festzustellen, dem Geister und Gespenster zugeordnet werden. Hierin liegt eine Parallele zu Fragen der Psychoanalyse: erst die Aufklärung dessen, was Neurosen, ›Störungen‹, normativ gesehen Dysfunktionalitäten ausgelöst hat, kann den Gesundungsprozess einleiten. Auch Geister verschwinden erst aus den Apparaten und Schlosszimmern, Bergwerksschächten und Häusern, wenn der ›Grund‹ für ihre Anwesenheit dechiffriert und zugeordnet werden kann. Nicht vollständiges Verstehen ist die Voraussetzung – wer versteht schon vollständig, wie seine Kindheit verlief oder das Smartphone funktioniert? – sondern die Gewissheit, zuordnen zu können. Geister sind Platzhalter (bzw. in den Apparaten – und damit in die medialen Transmissionsriemen eingeflochten), ihr aufzulösendes Rätsel ist ein Über-Setzungsproblem. Kann dieses richtig zugewiesen oder gar gelöst werden, verschwinden sie. Vielleicht. (Vielleicht sind es auch nur »Worte, die in Phrasen, Geister, die in Gespenster verwandelt« wurden; cf. »Achtzehnter Brumaire«, MEW 8, S. 203)


Moby-Dick, Kapitel 69

Eine Fortsetzung des Gedankengangs bietet sich mit dem ungeheuerlichsten Roman zumindest des 19. Jahrhunderts an, der präzise in seiner Mitte erscheint (wie lang oder kurz man dieses Jahrhundert zu ziehen für erforderlich ansieht): Melvilles Moby-Dick. Es gibt nicht wenig Geisterhaftes an Bord der Pequod und auch das Werk Melvilles nach dem Weißen Wal wird diesem nicht entraten.

Niels Werber hat eine der Schnittstellen für den Nahebezug des MD zur schauerromantischen Anwandlung der Manifeste und Kapital-Kritiken geöffnet:

An Bord der Pequod hat sich die Allianz von politischer Gewalt und wirtschaftlichen Interessen aufgelöst, womit nach Marx und Engels die »Existenzbedingungen« der bestehenden Ordnung wegfallen. Die Pequod verschwindet samt Kapitän, Offizieren, Mannschaft und ihrer kostbaren Fracht. Das Phantom, mit dem seine Zukunft verbunden ist, weist Ahab als Lotse den Weg in den Untergang. Mit der Pequod verschwinden zugleich das feudal-absolutistische Staatsschiff und das kapitalistische Unternehmen. Die Phantome an Bord [gemeint ist Ahabs heimlich an Bord gebrachte Spezial-Crew – »five dusky phantoms« – rund um den Parsen Fedallah; Anm.] ziehen »eine Linie vom Leben in den Tod, ins Umtauschbare und ans Ende aller Transaktionen«.

Niels Werber: Gespenster des Kapitalismus an Bord der Pequod. In: Gespenster des Wissens. Hg. v. Ute Holl, Claus Pias u. Burkhardt Wolf. Zürich, Berlin: Diaphanes 2017, S. 411–416, hier S. 416

Bereits ein exemplarischer Blick in dieses Buch, die Lektüre des 69. Kapitels – Filet № 69 – erweist jedenfalls unschwer eine wesentliche Neuerung Melvilles gegenüber den Bemühungen Kants, Hegels, Schopenhauers (dessen »Parerga und Paralipomena«, damit auch sein »Versuch über das Geisterseher und was damit zusammenhängt«, gleichfalls 1851 erscheinen) und vieler anderer. Es gibt die Geister und es gibt künstlerische Verfahren, sie hervorzurufen. Nicht einfach als Vorstellung von etwas Unbestimmten, sondern durchaus auf Leben und Tod gemünzt. Seine ›Maschine‹ ist ein frisch geflenster Walkadaver, keine Laterna magica – aber sehr eigentlich handelt er basal einmal davon, dass es um Fehldeutungen geht, um Fehllektüren, die aufgrund des je eigen wahrgenommenen Dispositivs sich herleiten. Dabei entlädt er die Geschichte hinsichtlich dieser so banalen wie falschen Wahrnehmungen und lädt sie sogleich mit einem neuen und viel stärkeren Mythos auf, nachdem er den Pakt mit den Lesenden geschlossen hat (denen er das Geheimnis entbarg, das nur die Walfänger richtig zu dechiffrieren wüssten): es gibt selbstverständlich Geister, sie sind jedoch bedeutend spannender und gefährlicher, als man denken möchte. 

Denn es geht in dieser »Bestattung« des Wals auf offener See, beim ceteologischen »Funeral«, um die Wahrnehmung durch Andere/Dritte, das Missverständnis von den Phantominseln und die mediale Fixierung derselben, die Einzeichnung in Karten. Zwei verschiedene Systeme treffen aufeinander: die Tranproduktion für das Festland und die nautische Warnzeichenproduktion. Es ist in gewisser Weise ein Entbergen – erschließen, umformen, speichern, verteilen, umschalten –, aber ein Entbergen unter falschen Voraussetzungen. So wird es zu einem Verbergen, die alétheia wird durch die mediale Umsetzung (Wahrnehmung aus der Ferne, Eintragung ohne Prüfung, Verbreitung) verborgen bleiben; hingegen wird etwas, das bis dahin nicht ist, geschaffen. Umgekehrt erfährt das was ist, hingegen nicht vollständig erkannt wird, einen völlig neuen Sinn.

Nor is this the end. Desecrated as the body is, a vengeful ghost survives and hovers over it to scare. Espied by some timid man-of-war or blundering discovery-vessel from afar, when the distance obscuring the swarming fowls, nevertheless still shows the white mass floating in the sun, and the white spray heaving high against it; straightway the whale’s unharming corpse, with trembling fingers is set down in the log—SHOALS, ROCKS, AND BREAKERS HEREABOUTS: BEWARE! And for years afterwards, perhaps, ships shun the place; leaping over it as silly sheep leap over a vacuum, because their leader originally leaped there when a stick was held. There’s your law of precedents; there’s your utility of traditions; there’s the story of your obstinate survival of old beliefs never bottomed on the earth, and now not even hovering in the air! There’s orthodoxy!
Thus, while in life the great whale’s body may have been a real terror to his foes, in his death his ghost becomes a powerless panic to a world.
Are you a believer in ghosts, my friend? There are other ghosts than the Cock-Lane one, and far deeper men than Doctor Johnson who believe in them.

Herman Melville: Moby-Dick; or The Whale (1851)

Exkurs:

Ökonomische und politische Gespenster haben die Angewohnheit, aus der Zukunft her zu kommen und von heute einzulösenden Handlungen zu berichten, um überhaupt schuldfrei in die Zukunft weiter gehen zu können. Erst wenn man sich ihren Oktroyierungen gefügt hat, geben sie, so das “Versprechen” aus der kommenden, einer dann neuen Zeit, Ruhe. Gespenster aus der Vergangenheit sind hingegen zumeist solche, die mit Handlungen im Wortsinn gekoppelt sind, mit schuldhaftem Verhalten, Verbrechen und Versäumnissen. Ihre Umtriebigkeit und ihre notwendigerweise kommunikativen Handlungen werden durch Taten ausgelöst und ihre Zeichensysteme bedürfen gleichzeitig des Rückblicks. Die Trennlinie zwischen den Geistern und Gespenstern von Früher und denen von Morgen verläuft entlang des Grades der eigenen Handlung im Heute. Zukunftsgespenster haben ein anderes Regelsystem, dem man sich zu unterwerfen hat, als jene Vergangenheitsgespenster, die zunächst einmal die Feststellung ihrer präteritalen Verfasstheit einfordern. Davon ausgehend lässt sich eine interpretative Wiedergutmachung als präsentische Handlung ansetzen, die mitunter einfach darin bestehen kann, dass dem korrekt zuordnenden Erkennen ein Anerkennen an sich folgt.

Exkursende.


Die Erwähnung der »Cock Lane« am Ende von MD 69 deutet die Möglichkeit qualitativ unterschiedlicher Geistererscheinungen an; Samuel Johnson, der einer Untersuchungskommission angehörte, die 1762 dem kolportierten Phänomen eines Mediums nachgehen sollte – Melville hatte sich Boswells Biografie besorgt und bei seinem London-Aufenthalt die Cock Lane aufgesucht –, wird sehr ungefähr als jemand bezeichnet, demgegenüber es »far deeper men« gäbe, die so wie Melville den Vorzug dieser Erscheinungen und Existenzen durchaus anzunehmen wüssten. Damit wird die Möglichkeit eines Mediums und seiner Nachrichten deklariert und über eine absolute, rationale Tagseite der Aufklärung gestellt. James Boswell zufolge soll Johnson durchaus differenziert haben:

Er sprach auch vom Gespensterglauben und erklärte, er unterscheide zwischen dem, was man mit Hilfe der Einbildungskraft herausfinden könne und was nicht.

James Boswell: Journal. Ausgew., übers. u. hg. v. Helmut Winter. Stuttgart: Reclam 1996, S. 38. (Tagebuchnotat vom 25.06.1763, fast eineinhalb Jahre nach den Vorfällen in der Cock Lane.)

Aber eben selbst noch im Tod – dies wäre das Geisterhafte – kann es (wiewohl fehlverstandene bzw. dann eben vom Geisterhaften so fehlerhaft gelenkte) Kommunikation geben, etwa wenn der zur Weiße hin geschälte Walrumpf über das Meer hinweg leuchtet, ohne Kopf doch immer noch mächtig, dem die Haie zur Gischt werden, er selbst zum Felsen in den Logbüchern und Seekarten. Die aufgeklärten Johnsons fahren über die Meere, doch da sie sich nicht auf andere Ebenen einzulassen vermögen, werden sie die Meere und ihre Tiefen, ihre Bewohner und tatsächlichen Gefahren nicht verstehen.

Bei den Geistern gibt es Analogien zu Oberflächenphänomenen und deren spezifischer Zurichtung für Zwecke der Interpretation zu beobachten. Die auf unterschiedlichen Medienkanälen einschlägig popularisierte ›Literatur‹ sieht für Gespenster und Geister wie zumeist auch Untote eine Art Dematerialisierung der Körper vor. Die Oberfläche ist eine angenommene, einen feststofflichen Kern gibt es eher nicht; das Phänomen ist Träger von Botschaften. Die »Geister« sind akustisch (Klopfgeräusche) oder visuell wahrnehmbar, bevorzugt semi-transparent bis weiß-durchscheinend. (Klopfen und Kratzen im Sinne etwa einer Ja/Nein-Kommunikation könnten an sich alle hören, wohingegen das bei Stimmen komplizierter ist. Der Nebeneffekt wäre jedenfalls, dass die materielosen Geister auf diesem Weg eine feststoffliche mediale Form erhalten, eine Materialitätsqualität zugesprochen erhalten. Auch im MD gibt es Zeichensysteme unterschiedlichster Art, von Tätowierungen bis hin zum Spout des Wals.) Es sind durchaus viele Geister im 18. und 19. Jahrhundert unterwegs, die als präsente Begleiter aufgerufen werden, einige wurden oben erwähnt. Ähnlich scheint es heute mit den Vermittlungsinstanzen der elektronischen Medien sich zu verhalten, sintemal die als »social« apostrophierten bis perhorreszierten und  als ›Geistererscheinungsbedürfnisanlagen‹ zu bezeichnenden.

Melvilles Tagebuchaufzeichnungen lassen darauf schließen, dass er 

Samstag, 10. Nov. [1849] […] durch die Temple Courts & Gärten, Lincoln’s Inn, New Hall, Gray’s Inn, über Holborn Hill und Cock Lane (Dr. Johnsons Gespenst) nach Smithfield (West) [schlenderte]. 

Hermann Melville. Ein Leben. Briefe und Tagebücher. Hg. v. Daniel Göske. Aus d. Amerik. v. Werner Schmitz u. Daniel Göske. München: btb 2006, S. 161

Dass hatte einen sehr eigenen Grund, denn zur Zeit von Melvilles Aufenthalt in London waren die geisterhaften Gerüchte um die Ereignisse in der Cock Lane erneut ein Thema geworden, es kam sogar zur Exhumierung der vorgeblich ermordeten Wiedergängerin. So berichtet etwa auch Charles Mackay – 1841 war die erste Auflage erschienen, Melville war 1849 in London, die 2. Auflage kam 1852 heraus – im 2. Band seiner »Memoirs of Extraordinary Popular Delusions« unter dem Titel »Haunted Houses« von der Geschichte des Geistes in der Cock Lane. Hintergrund der neuen Popularität des Falls war, dass Mackays Illustrator J.W. Archer die Öffnung des Sargs durchsetzen hatte können. Was man angeblich vorfand, war eine unversehrte Leiche, was messerscharf alle Beteiligten auf eine damals stattgehabte Arsen-Vergiftung schließen ließ. (Natürlich hätte es auch ein erst vor kurzem bestatteter Sarg sein können, da jede Aufschrift fehlte, aber so genau wollte das wohl niemand wissen.) Der schriftliche Bericht ging mit der 2. Auflage in Druck, die insgesamt eine gründliche Überarbeitung und auch Erweiterung gegenüber der ersten aufweist und jedenfalls die medialen Fähigkeiten von Elizabeth Parson extrapolierte, nachdem die Graböffnung die fast 90 Jahre alten Sensationen neu aufleben hatten lassen. Für den touristischen Mehrwert war also zu Melvilles Zeit bestens gesorgt.

Zuvor und wiederum in New York hatten 1848 die »Fox Raps« für einschlägiges Aufsehen gesorgt – Melville konnte also im Bilde sein hinsichtlich derartiger Zeichen und Bedeutungszuschreibungen. (Cf. u.a. Wolfgang Hagens Bericht von diesem »spiritistischen Telegrafen« in: Die entwendete Elektrizität. Zur medialen Genealogie des ‘modernen Spiritismus’ [2002]; .pdf)

Medienhistorisch festzustellen ist jedenfalls, dass die Klopfgeister (so auch jene der Cock Lane) lange vor den Telegrafen im akustischen Raum waren. Hierin lag Friedrich Kittler tendenziell nicht richtig, als er in »Grammophon Film Typewriter« (1985) nur Augen fürs Morsealphabet und Ohren für die Fox Raps hatte, daher fast zwangsläufig annehmen musste, dass diese Klopfgeister »der Erfindung des Morsealphabets« nachgefolgt seien. Vielmehr waren diese Nachrichtenformen (kommunikativ bipolar verdichtet: Ja/Nein, 0/1 geschaltet) schon lange vor den ersten Telegraphen in der Welt. (NB: Eine Geschichte der akustischen Signalements vor dem Aufkommen des Morsens – es wird sich wesentlich um restringierte Vokabularien gehandelt haben, wie sie aus technischen Gründen auf noch bei der Nachrichtenübertragung mittels optischen Telegrafen verwendet wurden – würde ich gerne lesen.)

In Melvilles MD finden sich immer wieder Gespenster, Geister und einschlägig zuordenbare Phänomene. Dies hat auch mit seinen Lektüren zu tun: Sorgfältig verzeichnet er seine Londoner Neuerwerbungen, darunter James Boswells »Johnson«, Abenteuer- und Schauerromane wie Mary Shelleys »Frankenstein«, Werke der englischen Romantik, aber auch Schillers »Geisterseher«. Und gerade dieses Buch wird er während der Abfassung des MD im Kreis der Familie vorlesen:

Von morgens bis fünf Uhr nachmittags arbeitet Melville an seinem immer weiter wuchernden Walbuch. Abends, wenn ihm das Licht fehlt, sitzt man beisammen und liest sich vor: Schillers »Geisterseher« zum Beispiel oder Dickens’ »David Copperfield«.

Hermann Melville, 2006, S. 243

During the long evenings the family got around to reading aloud a book Melville had brought back from England, Schiller’s »Ghost-Seer«. Early in January Augusta reported that they had finished it […]

Hershel Parker: Herman Melville. A Biography. Vol 1: 1819-1851. Baltimore, London: John Hopkins University Press 1996, pS. 806

Auch die Ankäufe und Bibliotheksleihen Melvilles noch 1850 in New York zeigen ein Interesse an deutscher Literatur der letzten Jahrzehnte, insbesondere im Zusammenhang mit Romantik: Goethes »Wilhelm Meister«, Carlyles »German Romances«, eine Sammlung mit Erzählungen von Fouqué, Tieck, Hoffmann und Jean Paul. Die Einschätzungen Göskes (Hermann Melville, 2006, S. 227): »Neben zahlreichen nautischen und walkundlichen Werken bilden viele dieser Werke den Hintergrund des späteren ›Moby-Dick‹«.

Eine Anschlussfähigkeit paranormaler Erscheinungsweisen zeigt auch der Übergang von Kapitel 69 zu 70, »The Sphynx«, wenn Ahab den Walschädel nach den Geheimnisses des Meeres befragt – vom Klopfgeist der Elizabeth Parson (das Medium, das vom Tode Frances Lynes’ – deren unversehrten Leichnam exhumiert zu haben man wähnte – kündete) zur Sphinx des Walschädels, der »wie das Haupt des gewaltigen Holofernes an Judiths Gürtel« erscheint und über Moby Dick Auskunft geben soll. Geister sind – wenn es um Botschaften geht – offensichtlich medial sehr versierte Erscheinungsideen, die ihre Nachrichten für jene spezifisch codieren, die wiederum die einzigen sind, die diese Codes zu dechiffrieren wissen. Ahab ist einer dieser derart Wissenden und Verstehenden (sein Entbergungs-Fanatismus bringt ihn dazu, mit dem abgetrennten Kopf des Wales zu kommunizieren; eine private Séance), so wie das Mädchen in der Cock Lane oder Melvilles Erzähler.

Ein Zusammenhang von Geistern und Zeichensystemen, die verschieden interpretiert werden, ist evident. Gespenster erzählen etwas aus der Vergangenheit, stellen es damit in der Gegenwart nochmals als ungelöste Aufgabe. Eine wesentliche Funktion ist es somit, ein aktiv verdrängtes oder vergessenes Zeichen zu reiterieren. Damit werden Irritationen generiert, entstehen Rätsel, die nur unter Rückgriff auf Vergangenes in der nunmehr gegenwärtigen Situation eine Möglichkeit auf Lösung haben. Mehr als die Möglichkeit ist es nicht, gerade wenn das vorgestellte Zeichensystem in einem zumindest ersten Schritt nicht als aus vergangenen (auch Schuld-) Zusammenhängen rührend erkannt wird. Gespenster, insbesondere wiederkehrende, machen somit zwei Dinge deutlich: erstens dass nicht geklärt wurde, wofür sie einstehen; zweitens dass keine Dechiffrierung erfolgte. Nimmt man das, was einem als Rätselkomplex vorgestellt wird, nicht unter Bezugnahme auf ein ›Früher‹ an, sondern decodiert es einfach als eine rein heutige Erscheinung, präsentisch ohne ursächlichen Begründungszusammenhang, ist die Fehlinterpretation naheliegend. Dieser Ausgang wird in Kapitel 69 augenscheinlich gemacht.

tbc …