Das gelbe Mauerstück

Marcel Proust, Band 5 der Recherche, über die näheren Umstände des Todes eines Schriftstellers mit dem Namen Bergotte:

Jan Vermeer, Ansicht von Delft, ca. 1660/61, Öl auf Leinwand (96,5 × 115,7 cm)

Er starb unter den folgenden Umständen: Ein verhältnismäßig leichter Anfall von Urämie war die Ursache, daß ihm Ruhe verordnet worden war. Aber ein Kritiker hatte geschrieben, daß Vermeers ›Ansicht von Delft‹ (die das Museum im Haag für eine Ausstellung holländischer Kunst leihweise zur Verfügung gestellt hatte), ein Bild, das er liebte und sehr gut zu kennen meinte, eine kleine gelbe Mauerecke (an die er sich nicht erinnerte) enthalte, die so gut gemalt sei, daß sie allein für sich betrachtet einem kostbaren chinesischen Kunstwerk gleichkomme, von einer Schönheit, die sich selbst genüge; Bergotte aß daraufhin nur ein paar Kartoffeln, verließ das Haus und trat in den Ausstellungssaal. Schon auf den ersten Stufen, die er zu ersteigen hatte, wurde er von Schwindel erfaßt. Er ging an mehreren Bildern vorbei und hatte einen Eindruck von Kälte und Zwecklosigkeit, angesichts einer Kunst, die nur künstlich war und nicht gegen das Fluten von Luft und Sonne in einem venezianischen Palast oder einem einfachen Haus am Meeresufer aufkommen konnte. Endlich stand er vor dem Vermeer, den er strahlender in Erinnerung hatte, noch verschiedener von allem, was er sonst kannte, auf dem er aber dank dem Artikel des Kritikers zum ersten mal kleine blaugekleidete Figürchen erkannte, ferner feststellte, daß der Sand rosig gefärbt war, und endlich auch die kostbare Materie des ganz kleinen gelben Mauerstücks entdeckte. Das Schwindelgefühl nahm zu; er heftete seine Blicke – wie ein Kind auf einen gelben Schmetterling, den es gern festhalten möchte – auf die kostbare kleine Mauerecke. ›So hätte ich schreiben sollen, sagte er sich. Meine letzten Bücher sind zu trocken, ich hätte mehr Farbe daran wenden, meine Sprache in sich selbst so kostbar machen sollen, wie diese kleine gelbe Mauerecke es ist.‹ Indessen entging ihm die Schwere seiner Benommenheit nicht. In einer himmlischen Waage sah er auf der einen Seite sein eigenes Leben, während die andere Schale die kleine so trefflich gemalte Mauerecke enthielt. Er spürte, daß er unvorsichtigerweise das erste für das zweite hingegeben hatte. ›Ich möchte dabei doch nicht, sagte er sich, für die Abendzeitungen die Sensation dieser Ausstellung sein.‹
Er sprach mehrmals vor sich hin: ›Kleine gelbe Mauerecke unter einem Dachvorsprung, kleine gelbe Mauerecke.‹ Im gleichen Augenblick sank er auf ein Rundsofa nieder; ebenso rasch dachte er schon nicht mehr, daß sein Leben auf dem Spiel stehe, sondern in wiederkehrendem Optimismus beruhigte er sich: ›es ist eine einfache kleine Verdauungsstörung, die Kartoffeln waren nicht ganz gar, es ist weiter nichts.‹ Ein neuer Schlag streckte ihn hin, er rollte vom Sofa auf den Boden, wo die hinzueilenden Besucher und Aufseher ihn umstanden. Er war tot.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit: Bd. 5: Die Gefangene. Übers. v. Eva Rechel-Mertens. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1983, S. 246f.

Nun verhält es sich gewiss so, dass Proust ein Jahr vor seinem Tod eine Ausstellung im Museum Jeu de Paume besuchte (in Begleitung), dass er v.a. wegen Vermeers Ansicht von Delft (er sah das Bild wohl 1902 zum ersten Mal) dorthin gegangen sein und einen Schwächeanfall erlitten haben soll (Erdäpfel waren im Spiel, heißt es). [☞ 1] Dies unbenommen, allein es findet sich kein gelbes Mauerstück in ebendiesem Gemälde. Nachdem Vermeer es nicht selbst malte, schrieb Proust das »petit pan de mur jaune avec un auvent« in das Gemälde hinein. (Annotation: Und nicht ohne Grund wird es dazu zahlreiche versierte Stellenkommentare geben … ☞ nachschlagen bei Luzius Keller, der Rechel-Mertens’ Übersetzung vielfach revidierte und so auch hier kein »Mauereck« las, sondern:)

Das Schwindelgefühl nahm zu; er heftete seine Blicke – wie ein Kind auf einen gelben Schmetterling, den es gern festhalten möchte – auf das kostbare kleine Mauerstück. […] Er sprach mehrmals vor sich hin: »Kleines gelbes Mauerstück mit einem Dachvorsprung, kleines gelbes Mauerstück.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit: Bd. 5: Die Gefangene. Übers. v. Eva Rechel-Mertens, revid. v. Luzius Keller u. Sibylla Laemmel. Hg. v. Luzius Keller. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2011, S. 263.

Dieter E. Zimmer hat sich bereits am 24.12.1996 in der Süddeutschen Zeitung auf die Suche nach dem gelben Mauerstück [.pdf] begeben; erfolglos. (»Und nun komme ich mir vor wie jemand, der gerade entdeckt hat, daß Maria keine Jungfrau war.«) Und berichtet, daß Proust kurz nach diesem Museumsbesuch »die Passage über Bergottes Tod in seinen nahezu fertigen Roman ein[fügte], ganz gegen seine sonstige Übung in einem Zug, fast ohne Korrekturen.« (Wir kennen solche Ereignisse auch von Kafka und sind daran gewöhnt worden, dem eine eigene, hohe Bedeutung beizumessen.) Er kommt zum Ende hin zum Schluss: »Ich stelle mir vor, wie er überlegte, welches Detail es in dem Bild gut geben könnte, aber nicht gibt, wie er an das Bild herantrat, um sich zu überzeugen, daß es tatsächlich keinerlei kleines gelbes Mauerstück mit einem Vordach enthält – und wie er nun wußte, was er zu tun hatte.«

Das kleine gelbe Mauerstück, diese besondere Ecke, das Mauerwerk, verbindet die Frage einer aísthēsis mit der poíesis, ein Erkennen mit dem Schaffen.


☞ 1: Luzius Kellers Kommentar:

Am 9. Mai 1921 schreibt Proust an Étienne de Beaumont, der ihm vorgeschlagen hatte, ihn zu einer Ingres-Ausstellung zu begleiten: »Ich war seit einiger Zeit derart – nicht krank, sondern – todkrank, daß ich für diesen Besuch keine Möglichkeit sehe. […] Es wäre für Sie ja wohl auch nicht sehr angenehm, wenn ich zur ›Sensation‹ (Schlaganfall, plötzlicher Tod usw.) Ihrer Ausstellung würde, die genügend Meisterwerke vereinigt, um auf den ›überfahrenen Hund‹ verzichten zu können.« Vgl. Correspondance [9] Bd. XX , S. 251. Daß dann Proust tatsächlich bei seinem Besuch der Ausstellung im Jeu de Paume einen Anfall erlitten haben soll, gehört in das Reich der biographischen Legenden. Er hat nämlich gleich danach auch noch die Ingres-Ausstellung besucht und anschließend mit Vaudoyer im Ritz zu Mittag gegessen.

Luzius Kellers Anm.; in Bd. 5, S. 636