Der Schluß des Volkszählungs-Bureaus.
Von K. Th. von Inama-Sternegg.
[WZ Nr. 161 d.J. 1893, S. 2:] Mit dem heutigen Tage schließen sich die Thore des Hauses an der Auenbruggergasse in Wien, in welchem die letzte Volkszählung bearbeitet wurde, für den amtlichen Dienst. Die Räume, in denen in ununterbrochenem Schichtwechsel während des Tages und der Nacht zeitweise große Massen von Mitarbeitern an diesem Werke verkehrten, werden anderer Bestimmung zugeführt; die Lichter erlöschen, welche während der ganzen Nacht das stille, vornehme Viertel erleuchteten, und das leise Geklingel der Signalglocken verstummt, welchem mancher ahnungslos Vorbeigehende wie einem Märchenzauber gelauscht hat. Das ganze riesige Material, welches für jeden in Oesterreich gezählten Menschen sein Personalblatt birgt, wandert mit Maschinen und Einrichtung in die alten, fast klösterlichen Räume des ehemaligen akademischen Gymnasiums, begleitet von einer kleinen Schaar von Rechnern, welche noch die letzte Feile an ihre Arbeiten legen und bereit sind, aus dem unerschöpflichen Reichthum des Urmaterials dem unersättlichen Bedarfe nach vertiefter socialpolitischer Einsicht in die Thatsachen des Volkslebens auch weiterhin neue Nahrung zuzuführen.
Inama-Sternegg, Karl Theodor: Der Schluß des Volkszählungs=Bureaus. In: Wiener Zeitung v. 16. Juli 1893, S. 2–5
Zwei Jahre lang waren wir unausgesetzt an der Arbeit. Nachdem in den ersten Monaten des Jahres 1891 die Summarien der Volkszählung vom 31. Dezember 1890 aufgestellt waren, trafen mit dem Juni 1891 die ersten großen Sendungen von Anzeigezetteln und Aufnahmsbogen ein. Innerhalb acht Tagen war ein Fünftel der ganzen Bevölkerung von Oesterreich, in der Gestalt von rund fünf Millionen in den Erhebungspapieren verzeichneten Menschen aus Nieder- und Ober-Oesterreich, aus Salzburg und Steiermark, in den großen Souterrains unseres Hauses versammelt und in Reih und Glied gestellt. Vier Mal noch, in den Monaten Juli bis October, wiederholten sich diese Riesensendungen aus den übrigen Ländern, und bei dem Eintreffen einer jeden neuen Partie mußte die vorhergegangene bereits aufgearbeitet sein, um der ankommenden das Feld zu räumen; denn jede Sendung füllte den verfügbaren Raum vollständig aus, obwohl derselbe über 200 Quadratmeter Bodenfläche umfaßte und die Erhebungsformulare von der Erde bis zur Decke so dicht als nur möglich geschichtet lagen.
In mehr als 1000 Kisten verpackt, mußte auf diese Weise in der Zeit von fünf Monaten das Urmaterial aus allen Theilen des Reiches übernommen und wieder zurückgesendet werden; alle dicht zusammengelegt hätten sie einen Würfel von über 1000 Kubikmetern gebildet.
Gleichzeitig mit dem Eintreffen der ersten Sendungen von Urmaterial war auch das inzwischen organisirte Bureau bereit, mit den zahlreichen und verwickelten Arbeiten der ersten Aufbereitung zu beginnen. Mehrere hunderte von Personen mußten mit einem Schlage in Dienst gestellt werden; fast Alles augenblicklich beschäftigungslose Individuen, darunter leider, wie sich bald herausstellte, auch einige katilinarische Existenzen. Ein kleiner Stab von vorher schon für diese Aufgaben geschulten Beamten mußte dieses große Arbeitspersonal gruppenweise in die ihnen zugewiesenen Arbeiten einführen. Ende Juni 1891 hatten wir einen Stand von 67, Ende Juli von 215, Ende August von 343 Arbeitern. Der Maximalstand war im Monate November 1891 mit 448 Arbeitern erreicht, welche mit Einrechnung der Materialdepots die fünf ganzen Stockwerke des Hauses und noch ein Stockwerk des Nachbarhauses ausfüllten. Der Wechsel des Personals war, wie sich bei der Provenienz desselben leicht erklären läßt, ein recht lebhafter; viele erwiesen sich schon in der Probezeit als unbrauchbar und mußten durch andere ersetzt werden, die auch wieder erst einer Ablichtung unterlagen; andere fühlten sich auf die Dauer der Anstrengung nicht gewachsen oder mußten aus den verschiedensten Gründen entlassen werden; wem eine Aussicht auf einen dauernden Posten sich eröffnete, verließ unsere Arbeit, deren zeitliche Begrenzung jedem von vornherein bekannt war.
So ist im Ganzen fast die doppelte Anzahl des durchschnittlichen Standes der gleichzeitig Beschäftigten durch das Volkszählungs-Bureau gegangen. Welche Summe von Menschenschicksal damit vorübergehend an das Volkszählungs-Bureau geknüpft war, läßt sich leicht ermessen; alle waren gekommen, um sich ihr Brot zu verdienen, das sie anderwärts nicht hatten finden können. Freud und Leid, Erfüllung und Enttäuschung wechselten in bunter Folge ab, und manch tiefe Gemüthsbewegung griff auch die an, in deren Hände alle diese Schicksale gelegt waren; zuerst die Befriedigung, so viele aus dem Zustande der Hilflosigkeit zu einer auskömmlichen, ja geachteten Stellung emporgehoben zu haben; zuletzt der Schmerz, viele von diesen wieder in das Nichts zurücksinken zu sehen, durch eigenes Verschulden— aber auch ohne solches, als die Massenarbeiten zu Ende gingen und nun die Massenentlassungen stattfinden mußten.
So waren denn die drei unentbehrlichen Requisite für die erste einheitliche Bearbeitung einer Volkszählung in Oesterreich beschafft: große Räume, großes Urmaterial, zahlreiche Arbeiterschaft, die von Tag zu Tag besser geschult wurde. Aber zugleich sollte es gelten, ein viertes, bisher kaum gekanntes und jedenfalls noch nirgends im Großen erprobtes Requisit in den Dienst dieses Werkes zu stellen: die elektrische Zählmaschine. In Amerika war die Idee dazu im Jahre 1889 geboren; mit unvergleichlicher Energie ausgeführt, fand die Zählmaschine bereits Anwendung für die Bearbeitung des großen nordamerikanischen Census vom Jahre 1890; im [WZ Nr. 161 d.J. 1893, S. 3] Sommer dieses Jahres trafen die ersten Nachrichten darüber in Europa ein. In ihrer genialen technischen Einrichtung ließ sich unschwer die principielle Lösung des schweren Problems combinirter Auszählungen von Individualfällen erkennen. Nach der bisherigen Weise der österreichischen Volkszählungen konnte man immer nur eine Eigenschaft der Bevölkerung für sich darstellen, also z. B. die Zahl der Zugewanderten, der Gleichalterigen, der der gleichen Berufsclasse Angehörigen. Eine combinirte Auszählung gestattet alle diese Momente in ein einheitliches Bild zusammenzufassen und dieses noch erheblich zu verfeinern, also z. B. anzugeben, wie viele von den in einem Bezirke gezählten Arbeitern einer bestimmten Berufsart im jugendlichen Alter zugewandert sind, wie viele von ihnen verheiratet sind, wie viel Angehörige sie haben und ob diese Arbeiter auch eigenen Grund oder ein eigenes Haus besitzen.
In anderen Staaten hatte man bereits früher auch mit der einfachen Handarbeit schon gewisse Fortschritte in dieser Richtung gemacht; aber doch erst die Zählmaschine gestattete, mit diesen combinirten Auszählungen so weit zu gehen, als es irgend das Bedürfniß nach statistischer Information über die Lebensverhältnisse der einzelnen Classen und Kreise der Bevölkerung erheischte.
Fast ein Jahr lang hatten unsere Vorstudien gedauert, bis sich die Ueberzeugung von der vollen Leistungsfähigkeit und Sicherheit der Zählmaschine und von ihrer unübertrefflichen Anwendbarkeit für das Problem gefestigt hatte. Schritt für Schritt, immer unter der hervorragenden Mitwirkung eines eminenten technischen Sachverständigen, wurde vorgegangen; auf kleine Versuche folgten solche in größerem Style, die alle zur Zufriedenheit ausfielen. Se. Majestät der Kaiser hatte die Gnade, die Einrichtungen Sich vorführen zu lassen und Sich huldvollst über den damit zu erzielenden Fortschritt zu äußern. Se. k. und k. Hoheit der durchlauchtigste Herr Erzherzog Karl Ludwig, Se. kön. Hoheit der Prinz-Regent Luitpold von Baiern erwiesen dem Bureau die ehrende Auszeichnung ihres Besuches. Die Herren Minister, Würdenträger, Fachmänner aller Zweige, schließlich die Vertreter der Presse wurden eingeladen, sich von den Leistungen der Probemaschine zu überzeugen. So stellten wir das neue, ungewohnte Hilfsmittel in den Dienst unserer Aufgabe; noch immer nicht ohne ein gewisses Zagen und gefaßt, bei der Anwendung im Großen noch manche unerwartete Ueberraschung zu erleben, aber doch mit dem beruhigenden Bewußtsein, zur gründlichen Prüfung nichts unterlassen zu haben und die technische Seite des Problems eben so sicher wie die statistische zu beherrschen.
So ging es denn getrost ans Werk. Es war eine Zeit voll Sorge und Aufregung, als die 220 Lochmaschinen klapperten, welche die für die Zählmaschinen nöthigen 24 Millionen Individual-Zählkarten herzustellen hatten, auf denen durch Einschlagen von je 20 bis 24 Löchern auf jeder Karte die sämmtlichen charakteristischen Eigenschaften jeder Person ausgedrückt werden sollten. Jede Lochmaschine wurde von einem Arbeiter im zehnstündigen Arbeitstage, mit zweistündiger Pause, bedient. Entsprechend der sehr verschiedenen persönlichen und sachlichen Qualification der Arbeiter mußte ein Stücklohnsystem angewendet werden. Noch im Juli 1891 vermochte die Mehrzahl der seit einem Monate beschäftigten Arbeiter im Tag nicht mehr als 400 Karten zu liefern, womit sie sich 80 Kreuzer verdienten. Da gab’s Muthlosigkeit und Unzufriedenheit über den geringen Verdienst genug. Es war unvermeidlich, die Einheitssätze um 20 pCt. zu erhöhen, obgleich die Ueberzeugung bestand, daß die Arbeiter in Kurzem mit größerer Uebung auch eine wesentlich bessere Tagesleistung erzielen würden. In der That war im September 1891 die durchschnittliche Leistung schon auf 800 Zählkarten angekommen, also ein doppelt so großer Record erzielt und ein Tagesverdienst von 2 Gulden für jeden fleißigen und geschickten Arbeiter gesichert. Die Champions brachten es bis auf 1400 Karten bei vollkommen gleicher Güte ihrer Leistung. Während so die „Locher“ die Zählkarten herstellten, mußte eine andere große Abtheilung die Original-Zählpapiere sichten, die eingetragenen Individuen abzählen, Heimat und Gebürtigkeit, Beruf und sociale Stellung „auszeichnen“, d. h. auf einen knappen Ausdruck bringen, wie er für die Zählkarte gebraucht werden konnte. Zwei Revisions-Abtheilungen, eine für die „Auszeichnung“, eine für die „Lochung“, prüften die Resultate dieser Arbeiten; da gab es Zählproben Nadelproben, Stichproben und Collationirung der Zählkarten mit dem Urmaterial, um der unvermeidlichen Fehler habhaft zu werden, welche sich bei solchen Massenarbeiten einschleichen. Von dieser stillen, emsigen Controlarbeit erfuhren die Arbeiter der übrigen Abtheilungen selbst nichts, wenn nicht ausnahmsweise wegen Häufung der Fehler eine ganze Partie dem Arbeiter zur nochmaligen Herstellung zurückgegeben werden mußte— eine empfindliche, aber gerechte Strafe, die den nachläßigen Arbeiter leicht um einen ganzen Tagesverdienst bringen konnte.
Vom 15. September 1891 an konnten endlich zwölf elektrische Zählmaschinen in Dienst gestellt werden. Jede hatte ihre eigene Batterie, jede 70 Zählwerke, von denen jedes für eine bestimmte Angabe über die persönlichen Verhältnisse der Individuen bestimmt war; viele von ihnen waren untereinander durch „Relais“ verbunden, d. h. sie zählten nur, so oft bei einem Individuum zwei oder drei bestimmte Eigenschaften zusammen vorkamen. Jeder Maschine war ein Fächerkasten beigegeben, welcher wieder automatisch die Zählkarten für die nachfolgende Auszählung nach neuen Gesichtspunkten sortirte.
Wir zählten zuerst die Menschen nach dem Verhältnisse ihrer Zuständigkeit und ihres Aufenthaltes. Da es sich dabei um 360 politische Bezirke und autonome Städte handelte, außerdem noch eine Anzahl von fremden Staaten in Betracht kam, so wären streng genommen eben so viele Zählwerke [WZ Nr. 161 d.J. 1893, S. 4:] nöthig gewesen. Durch eine geschickte Combination derselben mittelst der elektrischen Leitungen (Relais) ist es möglich geworden, den ganzen Knäuel der verwickeltsten Zuständigkeitsverhältnisse und ihre Beziehung zum Aufenthalte durch ein Maximum von 47 Zählwerken zu entwirren, so daß noch genug übrig blieben, um eine Reihe anderer Zählungsmomente daneben berücksichtigen zu können.
Was auf diesem Wege erzielt worden ist, war schon, im höchsten Maße beachtenswerth. Bisher vermochte, Dank unserer veralteten und verworrenen Heimatsverhältnisse, keine Stadt und kein Bezirk auch nur annähernd anzugeben, wie viele zuständige Menschen sie haben. Die öffentliche Armenpflege konnte täglich neue Ueberraschungen erleben, indem sich Zuständige um Unterstützung meldeten, die ihre Heimat vielleicht nie gesehen, von deren Existenz die Gemeinde keine Ahnung gehabt hatte. Wir fanden Bezirke, wie Kralowitz und Moldauthein in Böhmen, wo die Zahl der dorthin zuständigen Personen doppelt so groß ist als die ganze Einwohnerzahl. Zuständige Wiener aber konnten in ganz Oesterreich zusammengenommen nur 537.856 aufgetrieben werden, wenig mehr als ein Drittel der Bewohnerschaft der Reichshauptstadt. Vom Standpunkte des strengen Armenrechtes aus hat also Wien, das von 1 ½ Millionen Menschen lebt, für eine halbe Million Menschen zu sorgen.
Es ist klar, daß auch die ganze innere Wanderbewegung der Bevölkerung, welche in dem letzten Decennium bei außerordentlicher Entwicklung der Verkehrsmittel und der Erwerbsverhältnisse früher ungekannte Dimensionen angenommen hat, auf diesem Wege der Analyse der Heimatsverhältnisse erst ihre rechte Beleuchtung erfahren konnte. Die großen Ströme der Erwerbsuchenden, welche sich von ihren Heimatsorten in die Mittelpunkte des Erwerbslebens ergossen, konnten jetzt erst in ihrer Richtung bestimmt, in ihrer Stärke gemessen werden.
Diese Beobachtungen wurden noch wesentlich verfeinert durch eine nach ganz gleichen Gesichtspunkten durchgeführte Auszählung der Angaben über die Gebürtigkeit. War die Feststellung der Heimatsverhältnisse gleichsam ein Querschnitt der gegenwärtigen Verhältnisse, so war die Feststellung der Gebürtigkeit wie ein Längsschnitt ihrer Entwicklung. Die Untersuchung über die Heimat stellte fest, wohin die Menschen rechtlich gehören, die Untersuchung über die Gebürtigkeit klärte darüber auf, woher sie gekommen sind. Was das Bild der Wanderung unter dem Gesichtspunkte der Heimat trübt, die Möglichkeit der ererbten Heimat und einer späteren Veränderung derselben, das hellte sich unter dem Gesichtspunkte der Gebürtigkeit auf; wo der Mensch geboren ist, da hatten in der Regel seine Eltern ihren Wohnsitz.
Und nun, nachdem diese erste große Aufgabe glücklich gelöst, der Stier gleichsam bei den Hörnern gefaßt war, drängten sich die Ergebnisse; die verschiedensten Drähte, jeder eine Frage, spannen sich um die Zählwerke, und die elektrischen Contacte erzwangen mit diesem feinen Netz von Fäden ununterbrochen neue Antworten; es ist kaum zu viel gesagt, daß in dieser Zeit der vollsten Arbeit in jeder Secunde von zwölf
Arbeitern 500 Individual-Angaben registrirt wurden und daß jede derselben vermöge des angewendeten Combinations-Verfahrens selbst drei bis vier verschiedene Antworten in sich schloß. Mit Spannung wurde diese Ergebnisse verfolgt, von denen jedes in so eigenthümlich prägnanter Weise etwas über das Wesen und die Zustände, vielleicht sogar über die Schicksale der Bevölkerung aussagt: daß die österreichische Bevölkerung immer jünger wird, das heißt ein immer größerer Antheil den jugendlichen Altersclassen zufällt (1869 344, 1880 346, 1890 348 pro Mille der männlichen Individuen); daß uns das Heiraten immer saurer wird, die natürliche Familie immer kleiner, immer mehr Menschen außerhalb des Familienverbandes leben. Doch mag es immerhin beruhigend sein, daß noch 88 pCt. der Bevölkerung das Glück des Familienhaushaltes genießen, freilich in Nieder-Oesterreich nur 78, in Kärnten sogar nur 72 pCt.
Mit Befriedigung wurde die Thatsache constatirt, daß der Analphabeten immer weniger werden und daß ihre Bestände durch die unaufhaltsame Macht der Schule fortwährend decimirt werden. Schon im zehnten Lebensjahre hat die Schule ihre Hauptarbeit geleistet, das Analphabeten- Percent auf seinen Tiefstand (24 pCt.) zurückgedrängt. Aber doch noch 24 Percent! Welch große Aufgabe ist damit noch für die Schule gestellt! Es ist dabei anziehend, zu sehen, wie sich der Volksgeist in diesen Zahlen spiegelt; in der regen Jugend der Reichshauptstadt hat schon mit 7 Jahren nur ein Viertel sich die schwere Wissenschaft des Lesens und Schreibens noch nicht zu eigen gemacht; in Steiermark bedarf es hiezu des 8. Lebensjahres, im Küstenlande des 10.; in den Nordostländern und in Dalmatien bringt es mehr als die Hälfte der Jugend überhaupt nie dazu.
Auch über das noli me tangere der österreichischen Bevölkerungs-Statistik, das heißumworbene Problem der Nationalitäten, gaben unsere Zählwerke, fast ungefragt, eine Reihe von interessanten Aufschlüssen. Man hatte diese Fragen nur so mitlaufen lassen um der Vollständigkeit halber und weil eben Platz war — die Auftheilung der Bevölkerung auf die Sprachstämme war ja ohnehin schon festgestellt — nicht um chauvinistischen Gelüsten neue Nahrung zu geben. Was nun aber unsere Zählwerke Neues aussagten, das gab doch wieder sehr zum Nachdenken Anlaß: daß das Verhältniß der Deutschen zu den Böhmen im Königreiche Böhmen i. A. wie 37:63 ist, war bekannt; daß aber dasselbe Verhältniß, nur auf die ersten 11 Lebensjahre bezogen, sich wie 35:65, auf die 21 bis 30jährigen bezogen aber wie 40:60 verschiebt, ist neu. Man sieht, die Czechen geben sich redlich Mühe, durch größeren Kinderreichthum ihren Antheil am Lande zu vergrößern, aber wenn diese Jungen flügge werden, sind [WZ Nr. 161 d.J. 1893, S. 5:] sie rücksichtslos genug, ihr Heimatland in hellen Haufen zu verlaßen und so den daheimbleibenden Deutschen eine um 10 pCt. bessere Position zu schaffen.
So war denn, ungefähr am Ende des vorigen Jahres, Antwort auf alle diese und noch manche andere Fragen beschafft, welche das öffentliche Leben, Verwaltung und Wissenschaft an eine Volkszählung zu stellen veranlaßt ist. Jede der 24 Millionen Zählkarten war bereits drei Mal durch unsere Maschinen gewandert, und schon standen die schier endlosen Reihen von Paketen wieder unter einem neuen Gesichtspunkte geordnet da, um der letzten großen Operation unterzogen zu werden: der Berufszählung. Auf diesem Punkte war die Aufgabe besonders groß, schwierig und verantwortungsvoll. Kümmerliche Ansätze nur zu einer wirklichen Berufsstatistik hatten die früheren Volkszählungen geliefert; war auch schon 1880 die Bevölkerung so ziemlich um Alles gefragt, was man in dieser Richtung wissen wollte, so gab doch die Bearbeitung dieser Fragen nicht Gelegenheit, die Fülle der Thatsachen zusammenfassend darzustellen, und schmerzlich mußte es empfunden werden, daß fast der ganze werthvolle berufsstatistische Inhalt der Zählpapiere als ein ungelöster Rückstand ungenützt zu Boden sank, weil man es nicht verstanden hatte, ihn dem Processe der statistischen Analyse zu unterwerfen. Inzwischen hatte die bisher unerreichte Berufszählung im deutschen Reiche (1882) gezeigt, was eine planmäßige Ausbeute dieser Erhebungen für die großen praktischen Fragen der Socialpolitik bedeute; wir konnten und durften nicht zurückbleiben; auch wir standen ja schon im Jahre 1890 mitten in den Bewegungen positiver Socialpolitik, aber leider ohne den Boden zu kennen, auf dem wir uns bewegten, ohne Klarheit darüber, welcher Art die Zustände seien, an deren Reform heranzutreten ein unwiderstehlicher Drang uns nöthigte. Was uns fehlte, das war aber die aus der Volkszählung zu gewinnende Grundlage einer Socialstatistik; nun ist auch sie beschafft und darf wohl als die Hauptthat unserer letzten Volks zählung bezeichnet werden.
Wir hatten ein Berufsschema entworfen mit fünf Classen zu je acht Gruppen, jede zu acht Arten, in das die tausendfältig verschiedenen individuellen Berufsbezeichnungen (gegen 6000 allein in deutscher Sprache) einzureihen waren. Was dann Jeder bedeutete in seiner Berufsart (selbstständig, bedienstet, Arbeiter, Taglöhner), wie sich die nicht Berufsthätigen an die Berufsarten anschlossen (Familienglieder, Dienstboten jeder Art von Berufsthätigen), wie sich zum Hauptberufe in den einzelnen Orten ein Nebenerwerb gesellt, zur Verbesserung, ja oft erst zur Ermöglichung einer selbstständigen Lebensführung, das sagten mit unnachahmlicher Präcision unsere Zählwerke. Aber wir stellten auch fest, wie sich das alles verschieden gestaltet in kleinen und in großen Orten, in Stadt und Land, und haben damit einen Grundstein für den Aufbau einer noch immer schwer vermißten Industriestatistik gelegt. Mit der Frage nach der Gebürtigkeit der den einzelnen Berufsgruppen Angehörigen ist das Problem der inneren Wanderung auf seinen wirthschafllichen Inhalt direct untersucht; mit der Feststellung des Altersaufbaues, der Gliederung des Civilstandes und der Familienstärke in den einzelnen socialen Schichten ist der Grundriß für den Aufbau der ganzen Gesellschaft gezeichnet. Die Thatsachen des Grund- und Hausbesitzes haben überdies dem Begriffe der „besitzenden Classen“ einen ganz neuen Inhalt gegeben; die haushäbig angesessene Arbeiterschaft, die grundbesitzenden landwirthschaftlichen Taglöhner sind sociale Kategorien, an denen wir nicht ohne besonderes Intereffe vorübergehen werden.
Schließlich sei auch der Viehzählung gedacht, welche gleichzeitig mit der Volkszählung vorzunehmen war. Neben der Stärke und Vertheilung der einzelnen Viehgattungen war unser Augenmerk besonders auf die Viehbesitzer gerichtet; auch diese Verhältnisse (grundbesitzende und nichtgrundbesitzende Viehbesitzer, nach Ortsgrößenclassen, nach Größenclassen des Viehstandes, nach der Berufsstellung der Viehbesitzer) sind ja im Wesentlichen sociale Thatsachen, bisher vollständig unbekannt und einstweilen ein Surrogat für die noch fehlende Statistik des Grundbesitzes überhaupt; durch die Constatirung der Combinationen, in welchen sich die einzelnen Viehgattungen in der Hand der einzelnen Besitzer-Kategorien befinden, sind zugleich die wichtigsten Formen der land- und viehwirthschaftlichen Betriebe klargestellt.
So mag denn nun das Haus für uns sich schließen, in dem all das vorbereitet und geschaffen ist; die Ergebnisse mögen hinaustreten in die bewegte Welt der Meinungen und Interessen, der wohl oder übel verstandenen Parteigrundsätze und Reformpläne. Ueberall wollen sie ihren wirkungsvollen Antheil beanspruchen, aber doch auch nirgends mehr als die Anerkennung, daß sie ganz objectiv festgestellte Thatsachen dessocialen Lebens darstellen, an denen keine Parteipolitik, kein Programm, kein Theorem vorbeigehen kann, ohne sich selbst zu schaden. Ob wir damit ein gutes Werk geschaffen haben, daß wir die österreichische Volkszählung nun, zum ersten Male, wirklich erschöpfend bearbeitet, das wird erst der Nutzen lehren, den es in unserem ganzen öffentlichen Leben stiftet. Leicht ist es, an einem so kolossalen Werke den Splitterrichter zu machen, an einer verschriebenen Ziffer (unter vielen Millionen) sein Müthchen zu kühlen; das wird zu ertragen sein und dem Werke nicht schaden. Aber schmerzlich wäre es, auch von aller subjectiver Empfindung abgesehen, wenn die ganze große Arbeit, für deren Gelingen Viele Jahre hindurch ihr Bestes eingesetzt haben, unverstanden und ungenützt beiseite liegen bliebe, während wir hoffen, daß eine neue Periode zielbewußter und klarblickender socialer Politik, mit dem Erscheinen der Ergebnisse der Volkszählung 1890 auf das innigste verknüpft, erblühen werde.