Lochers Vermächtnis

1875 gründet Friedrich Soennecken s/eine Firma, die mit ihren Patenten wesentlich im Bereich Bürotechnik reüssieren wird; 1876 gründen die Leitz’ die ihre, 1886 wird Soennecken den Aktenordner und den Locher, die er – man kann sagen: notwendigerweise – zusammen erfand, zum Patent anmelden, das späterhin von Louis Leitz erworben und kommerzialisiert wird. (100 Jahre nach der Patentierung wird Thomas Bernhard in der Auslöschung von der »Leitzordnerliteratur« schreiben.) Es sind nicht die ersten Löcher – bereits 1805 stellte Joseph-Marie Jacquard seinen mittels Lochkarten gesteuerten Webstuhl vor –, es werden nicht die letzten sein – 1890 fanden Herman Hollerith und der amerikanische Zensus zusammen (gleichzeitig der österreichische mit dem Kontaktapparat von Heinrich Rauchberg, bei dem Kafka Vorlesungen zur Statistik gehört haben wird): seine Maschinen ›übersetzten‹ die entsprechend den Erhebungen gestanzten Lochkarten in elektrische Impulse, die verschaltet mechanische Zähler triggerten. (»Was er webt, das weiß kein Weber«, heißt es in Heinrich Heines Bei den Wassern Babels saßen; so wird es jedenfalls am anderen Ende des Jahrhunderts jenen Arbeitern gehen, die Lochkarten für den elektronischen Zensus zurichten, die Grundlage für die Schaffung des statistisch erheblichen wie erhebbaren Durchschnittsmenschen schaffen.) Zu stanzen bedeutet Zuweisung, präzise zu lochen wird zur Vorbedingung für geordnete Abfolgen, in die bei Bedarf eingegriffen werden kann, d.h. dass strukturierte Erweiterungen möglich sind: bei den Papieren ebenso wie bei den Strickmustern als auch bei den Personen und Haushalten.

1890 hat der Expresszug aus München – den Friedrich Kittler 1982 von Berkley aus, hinter der »Büroschreibmaschine« sitzend und »im Nebel über der Bucht die Golden Gate Bridge, unsere hyperreale Zukunft« erblickend als den »Orient-Express« erkennen wollte (Vermächtnis, 57 & 18) – am 2. Mai eine Stunde Verspätung, als er in Wien eintrifft (Dracula, 55). »[D]ie Todten reiten schnell« (Dracula, 81), Jonathan Harker – beauftragter Reisender in Sachen Aktenvermehrung und Besitzdiversifizierung – hat die Beschleunigung noch vor sich und wird zum Grafen unterwegs sein. Dieser will die Pest nach London bringen – etwas bissiger als diese, die Psychoanalyse, gemäß Lacans Anekdote (ab 1955 erzählt) 1909 Freud und sein psychoanalytisches Expeditionskorps sie in die neue Welt gebracht haben sollen –, wird jedoch schlussendlich von Harker mit einem sog. Khukuri dekaptiert, während ihm zeitgleich – alles gerade noch rechtzeitig vor Sonnenuntergang – von einem US-amerikanischen Millionär namens Morris mit einem Bowie-Messer ein Herzstich beigebracht wird. (Dracula, 527)

As I looked, the eyes saw the sinking sun, and the look of hate in them turned to triumph.
But, on the instant, came the sweep and flash of Jonathan’s great knife. I shrieked as I saw it shear through the throat. Whilst at the same moment Mr. Morris’s bowie knife plunged into the heart.
It was like a miracle, but before our very eyes, and almost in the drawing of a breath, the whole body crumbled into dust and passed from our sight.

Stoker, Dracula [1897]

Zwei Kolonialwaren stanzen und beschneiden Dracula, bewirken seine Dematerialisierung zu Staub. Davon erfährt man dann 1897. Nun könnte man einwenden, Kittler macht dies in seinem kalifornischen Frauenlob ausführlich (Vermächtnis, 52ff.; vgl. auch die Anmerkungen in Dracula, 527f.), dass es für eine ernstzunehmende Vernichtung Draculas eines durchs Herz getriebenen Holzpflocks bedurft hätte, wie man das aus Filmen kennt und in Stokers Roman auch als zweckmäßig empfohlen bekommt, aber: Kittler geht sich hier selbst auf den Leim. Die rhetorisch intentierte Formel lautet bei ihm: »Stokers Dracula ist gar kein Vampyrroman, sondern das Sachbuch unserer Bürokratisierung.« Wer aber braucht im medial perforierten Zeitalter der Bürokratisierung noch einen Holzpflock? Und weshalb übersieht er, dass der Locher des Soennecken – dessen amerikanisches Pendant die Voraussetzung für den Shannon-Registrator ist – im Roman ebenso vertreten ist wie all die vielen anderen Medientechniken und -praktiken, die er aufzählt?

Es wird viel gestanzt in diesem Buch. Zum einen die immer wieder erfolgenden, dem Blutsaugen dienlichen Bisse des Dracula (Doppelte Lochung!). Dieses wieder und wieder erfolgende Lochen der Hälse fordert seinen Tribut; irgendwann sind die Opfer ausgelutscht und die Stanzungen fransen aus, vergilben. Nur die Zähne des Grafen bleiben gleich, die Bisse jedoch setzt er nicht genormt. Das, was die neue Bürotechnik jedoch mit sich bringt – und Mina Harker ist eindeutig nicht nur als die Ahnfrau der kommenden Neuen Angestellten gezeichnet, sondern auch als Spezialistin für sämtliche Büro- und Bürokratisierungsmedien; Dracula beherrscht dagegen bestenfalls die alten Verwaltungsmedien –, sind neue Formate, stählerne Klingen. 

Kittler erkennt weder Soenneckens oder (des Registrators!) oder Shannon Fangzähne, noch die Tödlichkeit der Stanzung, Ordnung und Ablage (wie sie dann Kafkas Process am Ende eingestochen erscheinen, jenem Aktenlauf par excellence für die Literaturgeschichte). Er sieht Draculas zwei Beißer-Marken alten vampiresken Stils, liest von den beiden (beinahe schon post-) kolonial codierten Messern die Draculas Leben enden (je ein Gurkha- und ein Bowie-Messer), er weiß – das ist zu unterstellen – um das Schlachtermesser, das den Process endigen wird, er weiß jedenfalls um die Hieb- und Stichwaffen, die Dracula stauben werden, aber er sieht den tatsächlichen bürotechnischen Zusammenhang quer durch diesen Roman nicht. Diesen stellen wiederum – so banal das sein mag – die Amtsinstructionen und Büroordnungen der Registraturen, Einlaufstellen, Archive und Kanzleien her; die Juristen und Verwaltungstechniker samt den neuen Angestellten und ihren Büroapparaten werden darauf geschult, die Flaschenhälse Eingang/Expedit der Geschäftsstücke werden neu justiert und die Verordnung und Vorschriften eine völlig neue Organisationsstruktur allein aufgrund der Locher und Aktenordner ausgeben:

Let’s talk about Sax, Baby! Das alles sind einige wenige Vorbedingungen für das, was dann Max Weber als »Prinzip der Aktenmäßigkeit der Verwaltung« definieren kann (das neben regelgebundenem Betrieb, Kompetenz/Zuständigkeit, Amtshierarchie, Normen und Verordnungen, Trennung von Amtsver-/Privatvermögen sowie Zuhause/Bureau etc. eine Grundkategorie rationaler Herrschaft darstellt): »Akten und kontinuierlicher Betrieb durch Beamte zusammen ergeben: das Bureau, als den Kernpunkt jedes modernen Verbandshandelns.« (Weber I/23, 157) (Betr. Musil a.a.O.)

Nur so kann es geschehen, dass Franz Kafka mit seinem Fragment gebliebenen Process den Aktenlauf parodieren wird. Am Anfang steht das Protokoll im etymologischen Zusammenhang, steht die Sachverhaltsdarstellung, es folgen Entscheidungen, Schieber werden geschrieben, Auskünfte eingeholt, Entscheidungen gefällt – die Amtsinstruction von 1855 ist in Gültigkeit und die Reformen des Kielmannsegg von 1906 haben sich bei aller Gültigkeit auch für die Kronländer noch nicht überall durchgesetzt –, am Ende steht wie immer die Lochung, Zurichtung, Ablage; Kassation Makulatur, Zernierung verstehen sich dann von selbst. Form und Inhalt entsprechen sich ja, recht genau: Stokers Roman erscheint als Konvolut vieler verschiedener Textsorten und Urheber:innen/Verfasser:innen leidlich linear montiert (Tagebücher, Briefe, Telegramme, Abschriften, Protokolle etc.) und die Spannung ergibt sich abgesehen von der Entwicklung der Handlung aus den Ungleichzeitigkeit der Informationsdistribution; Kafkas Fragment geblieben Roman-Schrift hat von Beginn an wie zwei Aktendeckel den Beginn und des Schluss, danach wird der Akt ein ums andere (mehr oder weniger ›vollendete‹) Kapitel gefüllt, bleibt letztlich liegen und erhält so [s]ein Gewicht (von dem Latour nach dem Muster des Conseil d’Etat sagen würde, dass er dadurch entscheidungsreif wurde, im Wortsinn ›Gewicht‹ bekam). Eines, dass Bord und alle Herausgeber nach ihm (bis jene der FKA kamen, siehe Reuß’ Einwände im Franz Kafka-Heft Nr. 1, als Beilage zum Process, 1997) nicht mehr anders tragen konnten, als das Fragment zu linearisieren.

Zu Beginn von Franz Kafkas unvollendet gebliebenem Roman Der Process (dessen Makrostruktur von der Protokollierung bis zur Stanzung/Lochung über die Aufnahme des Verfahrens bis zur Ablage des ›Geschäftsstücks‹ sehr präzise die Kanzleiordnung der Zeit, betreffend den Umgang mit Akten, wiedergibt), wird ein Josef K., vorgeblich »verläumdet«, in seiner Wohnung betreten und festgesetzt. Das ist natürlich Grillparzers Selbstbiographie und gründlicher kann man die amtliche Verbindung kaum darlegen. (Im Juli 1914 wird die Verlobung mit Felice Bauer gelöst, Österreich erklärt Serbien den Krieg und Kafka setzt den Processauf, ab Jänner 1915 lässt er diese Hefte liegen usw.) Lochung und Ablage erfolgen beinahe wie bei Stoker:

Wieder begann die widerlichen Höflichkeiten, einer reichte über K. hinweg das Messer dem anderen, dieser reichte es wieder über K. zurück. K. wusste jetzt genau, dass es seine Pflicht gewesen wäre, das Messer, als es von Hand zu Hand über ihm schwebte, selbst zu fassen und sich einzubohren. Aber er tat es nicht, sondern drehte den noch freien Hals und sah umher. Vollständig konnte er sich nicht bewähren, alle Arbeit den Behörden nicht abnehmen[.] Aber an K’s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm ins Herz stiess und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah K. noch wie nahe vor seinen Gesicht die Herren Wange an Wange aneinandergelehnt die Entscheidung beobachten. »Wie ein Hund!«, sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.

Kafka, Process [1914]

Eine Entscheidung. Eine Lochkarte wird zugerichtet und gestanzt. Aus einer medientechnisch vielfältigen Sensation wie Dracula ins Amt und dort die Überführung (als wäre es in einer Strafkolonie), der Process, des Aktes zur Lochkarte. Soennecken und Hollerith lassen grüßen, aber nicht nur das: der Weg vom Buch zur Karteikarte und deren Automatisation bis in die Großrechner und Personal Computer wird diese oft sog. ›Zeit um 1900‹ geprägt haben. Die Innovation besteht in der Speicheranordnung mit beweglich gemachten Papierabschnitten (wofür ihre Zurichtung respektive Formatierung bzw. Normierung Voraussetzung ist, siehe auch die Entwicklung der DIN), der Einführung von Ergänzung und Entnahme in der Büro- und Kanzleiorganisation; derartige Operationsmittel sind mit einer – neuen – Wissenschaft der Ordnung und ihrer Abläufe in Apparaten gekoppelt. Die Kartei (-karte) und die Stanzung sind mindestens so wesentlich wie die massenhafte Einführung (und Verpflichtung der Angestellten auf die Nutzung) der Schreibmaschine (vgl. auch jene des Schlosses).

Über all das wird letztlich die Simulation einer Bürofläche mit Schreibtisch, Papierkorb, Daten- und Dokumentenmanagement gebreitet. Es wird nicht mehr nur geordnet und abgelegt, es wird verarbeitet. Aktenläufe lassen sich mit Kanzleiordnungen (Amtsinstructionen, Büroordnungen) prozessieren, Karteien automatisieren (bereits mit den ersten Erzählungen davon) und vom Einschreiben und Auslesen her geht es über das Lochen und Stanzen in die Algorithmen.

Weiterlesen: Nach dem Process