Büromaschine

Ein Engel, der beten wil, giebt blos dieser Maschine einen Stos, so fängt sie an, ein schönes Gebet abzutönen, das der Engel sich zurechnet.

[Menschen sind Maschinen der Engel]

Dass »zu manchen Geschäften, die in das Interesse des gemeinen Wesens laufen, ein gewisser Mechanism notwendig« ist, schrieb nach Leibniz’ Rechenmaschine und Staats-Tafeln bereits Kant. Verwaltung als Subsystem einer aufgeklärten (Weltbürger-) Gesellschaft; gleichsam. Das meinte aber auch, dass »dieser Teil der Maschine zugleich als Glied eines ganzen gemeinen Wesens« einer so zweckdienlichen wie doppeldeutig angelegten ›Einordnung‹ bedarf. Als ein paar Jahre später Jacquards Webstühle, unterstromt aber mit Volldampf, längst aus noch den letzten Lochkarten pfiffen (1805), dass das automationsunterstützte Maschinenzeitalter – mit seinen Maschinenbewegungen (»als müßte in der Maschine, als Symbol, ihre Bewegungsart noch viel bestimmter enthalten sein als in der wirklichen Maschine«; Wittgenstein) – angebrochen sei, während auf den Schlachtfeldern wie zu Jena und Auerstedt (1806) in hinzumähenden Reihen mit Bajonett-versehenen Gliedern auf Befehl und Signal hin zu marschieren war bis keiner mehr marschierte, wandelte 1821 auch den Freiherrn von Stein – zwischen ihm und Kant lagen nur Revolution (mit der Ma.Schi.Ne), Napoleon und Restauration – ein Gedanke von der Schreibmaschinerie an, zusammengesetzt aus »besoldeten Buchgelehrten, interessenlosen ohne Eigenthum seyenden Buͤralisten«. Diese »schreiben, schreiben, schreiben im stillen mit wohlverschlossenen Thüren versehenen Buͤreau, unbekannt, unbemerkt, ungerühmt und ziehen ihre Kinder wieder zu gleich brauchbaren Schreibmaschinen an.« Der »Geist unserer und ähnlicher geistlose[r] Regierungsmaschinen« sei mit besoldet, buchgelehrt, interesse- und eigentumslos bestens umrissen und man würde beherrscht. Damit einer Kernmetapher der klassischen Bürokratietheorie, der Maschine (gerne auch: des Apparats) sich bedienend, verknüpft v. Stein »Buͤralisten« mit Soldaten (gleichsam: Maschinenmensch mit Messerschalter) – konkret: er knüpft an die von Napoleons Truppen besiegten Preußen allzugleich deren Verwaltungsapparat und wünscht sich gleichsam sie hängen zu sehen, wenn sie fallen. Die sich fortpflanzende Einförmigkeit, maschinenhaft und auf Befehl, stört ihn wohl ein wenig. (So etwas wie eine – ebenfalls vom 14. Oktober 1806 her sich erschließende – Hegelsche Nacht der Substanz, wenn am Abendhimmel der Gutenberg-Galaxis die Nordlichter jener Turings zu blinken beginnen, ist schon nicht mehr Gegenstand des Vorstellbaren.) In diesem Abschnitt der Tropen geht es jedenfalls fortan nicht mehr mit Macheten voran, sondern mit Metaphern und Metonymien, Maschinen und Apparaten; der Weg führt ins Blackout der Black box Bürokratie (Mozart: »Beym Arsch ist’s finster«, ~ KV 441b). Maschinen stanzen nunmal. (Heine: »Was er webt, das weiß kein Weber«.) Kommt man nun unversehens 1909 nach Wien, auf den Soziologen-Kongress, werden die Weber Bros. Alfred und Max dort mit eben diesen Verwaltungsmetaphern einrücken – (und das teils späterhin mit Aplomb erneut in die Schreibmaschine als Rechtsprechung einführen). Danach geht die Staatsmaschine durch. Und neue Kanzleiordnungen, WK-zwo samt Enigma, Memex und Cerebex folgen. Lochkarten und Mainframe, Transistoren und Röhren werden vom militärisch-industriellen Komplex der den Verwaltungen zugeschoben. Luhmann wird das alles wiederum in den 1960er Jahren verabschieden (via dem Link auch die Zitation von Max Webers Diskussionsbeitrag auf besagtem Kongress, mit dem er seinen Bruder zu verteidigen suchte) wollen. Klar: die Analogien seien zu oberflächlich, funktional und organisational müssen man das anders fassen; dass er die Theorie dafür hat, wird pflichtgemäß vermerkt. ›Jetzt‹ den »Problemen umweltoffener Handlungssysteme« begegnen zu müssen, ist mit den alten Bordmitteln (bei denen es gelegentlich noch die eine oder andere Lüftungspause braucht) nicht mehr zu leisten: »Der fehlerhafte Angelpunkt der Analogie ist aber selten erkannt und deshalb selten verworfen worden. Er liegt nicht im Mechanischen der Bewegung, sondern darin, daß alle Teile der Maschine einem einzigen Zweck zugeordnet sind, während soziale Systeme multifunktional gebildet und rationalisiert werden müssen.« Dreierlei Vermutungen liegen nahe:
— sowohl im militärisch-industriellen Komplex als auch in der Verwaltung spricht man zunehmend von Rechnern, nicht einfach von Maschinen (und seit Jahrhunderten bewährte Tropen liegen, nicht zuletzt nach zwei einschlägigen Weltkriegen einschließlich ihrer technoromantischen Abenteuer, dysfunktional in Trümmern am Boden – und dass wir von der Gutenberg- in die Turing-Galaxis gelangten, ist selbstverständlich eng mit der bürokratischen Fortune verknüpft);
— die Systemtheorie profitiert nicht und eine Organisation wird mit dem alten Sprachmodell nicht funktionaler;
— Befehle, Order etc. sind nach all den Kriegen und während Atombomben getestet werden, in einem Kalten Krieg mit heißen Kernen (oh, du romantische Datenverarbeitung zu Brazil), nur noch auf dem Papier oder direkt in die neuen Maschinen eingespeist zu denken, nicht mehr militärisch. (Vermerk.)


Ideal.

Playlist:

  • Rolf Liebermann: Les Echanges – Komposition für 156 Maschinen (1964)
  • Pink Floyd: Welcome to the Machine (1975)
  • Michael Bundt: The Brain of Oskar Panizza (1977)
  • Kraftwerk: Die Mensch-Maschine / The Man-Machine (1978)
  • Erstes Wiener Heimorgelorchester: Die Mensch-Maschine (2014)
  • Bixio-Frizzi-Tempera: Operazione K sparate a vista (2014)
  • The Clash: I fought the law (live, 28.12.1978)
  • Abwärts: Computerstaat (1980)